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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-12-15 · Heft 50 (15.12.1899) · p. Seite 590

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 50 (15.12.1899)
Date
1899-12-15
Page
Seite 590 (sequence 2)
Language
German
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590 Verhältnis zwischen Juden ,ind Christen entscheidende Bestimmungen treffen sollte. Die Antworten, welche diese dem Kaiser auf dessen Fragen ertheilten, befriedigten den kühnen Eroberer. Er verkündete, daß er den Juden die freie Ausübung ihreD Religio»», den Vollgenuß ihrer bürgerlichen Rechte zufichere, und daß er »wegen einer religiösen Bürgschaft für die volle Der? wirklichung ihrer Prinzipien ein großes Synhedrion einzuberufen beabsichtige. Dieses Shnhedrion hatte aber nicht diejenige Einivirkung ans die^ jüdischen Verhältnisse ausgeübt, die »nan voi». demselben erhofft hatte. Es zeigte sich abermals, daß das Judenthnm keinen äußeren Zlvang ertragen und nur in freier Entfaltung seine religiösen Ziele erreichen könne. Auch in Frankreich blieb die Enumzipation noch Stückwerk, und erst nach der Julirevolution von 1830 wurde sie als Gesetz Proklarnirt und Praktisch dnrchgeführt. Die einzige Schöpfung des Synhedrions war eine Konsistorialverfaffung für die französischen Inden, die in ihren Grundzttgen sich bis ans die Gegenwart erhalten hat, von der es aber noch zweifelhaft ist, ob sie de»» französischen Juden zum Segei» gereicht. Ganz anders gestaltete sich die Entlvickelung der deutschen Juden. Ihre Selbstbesreiung ging unter ungünstigen äußeren Verhältnissen der politischen Emanzipation voraus. Sie haben sich ihre Gleichstellung langsam und schwer erkämpft und sind schon in das Leben der Gesellschaft eingetreten, als sie staatlicherseits noch vielfachen Bedrückungen ausgesetzk waren. Das Hardenberg'sche Edikt von 1812, das allen Juden Preußens das Staatsbürgerrecht verlieh, ist bekanntlich nie zur Ausführung gelangt. Nach langen Schwankungen und Verhandlungen ivurde im Jahre 1850 durch die Verfaffung die Unabhängigkeit der bürgerlichen Rechte von dem Glaubensbekenntnis; in Prenßen ausgesprochen. Die anderen deutschen Staaten ivaren diesem Beschluß im Prinzip theilweise schon vor» angegangen oder folgten demselben bald nach; aber erst die Verfaffung des Deutschen Reiches (1871) hat die volle Gleichberechtigung der Juden im ganzen deutschen Vaterlande verkündet. In Oesterreich lvar es Kaiser Josef II., der in seinen großen Reformplan auch die zahlreichen Jude»» seines Landes mit einbezog. Aber seine Dekrete und Maßnahmen blieben wirkungs» los. Es bedurfte langer und aufreibender Kämpfe, ehe die Emanzipation der Juden in Oesterreich (1859) zur Wahrheit wurde. Ohne großen Kampf ist diese Gleichberechtigung in Italien und England beschloffen und verwirklicht »worden. Gegenwärtig ist die Emanzipation der Juden in fast allen europäischen Ländern, mit Ausnahme, von Rußland und Rulnänien, in »welchen beide»; Staaten sich ihre Verhältnisse nicht nur nicht gebeffert, sondern noch verschlechtert haben, im Prinzip ausgesprochen und durch di« Verfassung bekräftigt.. Ein Jahrhundert und darüber ist in Kämpfe»» und Sorgen vorübergegangen, ehe dieses Prinzip allseitig z»»r Anerkennung gelangte. Mannigfachen Schwankungen und Wandlungen lvar das Einaiizipationsprinzip ausgesetzt; es bedurfte eifriger Sachwalter, energischer Vorkämpfer auf nichtjüdischer Seite wie unter den Juden selbst, um es siegreich znm Durchbruch zu bringen. Wie lange wird cs nun noch dauern, bis die Gleichberechtigung der J»»den aus allen Gebiete»» und in allen Ländern mich Praktisch durchgeführt sein »wird?; Lange vorher war aber schon die Einanzipation im Reichs des Geistes zur Wirklichkeit geworden, Seit dem Äustreteu Moses Mendelssohns stehen die Jllden in» Vordergründe der neueren Geschichte »»nd Litteratur des Judenthums. Der Aufschwung, der durch ihre Arbeit hervorgernfen, ist schon so oft geschildert »worben, daß es wohl an dieser Stelle einfach genügt, a»»f jene Darstellungen hinzutveisen. Es konnte nicht fehlen, daß solche Verhältnisse, Beziehringen und Anschauungen auch.umgestältend m»f däs Leben der. Synagoge einwirken niußten, die zn Beginn des Jahrhunderts noch ganz in dein Zustand der Stagnation verharrte, in den sie in den letzten Jahrhunderten zum. größten The.il ohne ihr Verschulden gerathen »var. Hätten Mendelssohn und seine Schüler den Änn für historische Entwickelung uiid Fortbildrurg gehabt, so »wäre eine Reform leicht angebahnt und durchgeführt worden. Statt dessen begnügte man sich, den Gottesdienst diirch Predigt, Chorgesang und Orgelbegleitnirg zu verbessern und den Jugendunterricht zu reformiren. Die Kultnsreform erhielt erst, durch die Wissenschaft des Judenthnms, deren neue Blttthe ebenfalls ja »wiederholt schon gesihildert worden ist, iieuen Schwung. Es traten Männer auf, die sich nicht »nehr init einer Reform des Kultus begnügten, sondern eine freie Entlvickelung auf historischem Boden verlangten. Die Anhänger des Herkommens, die sich bis jetzt dainit begnügt hatten, alle Reformversuche zu ignoriren oder, »venu sie die Macht hatten, zu verbieten, erkannten allruälig die Gefahr, die ihnen aus der sortschreitendeir Bewegung erwuchs. Sie erkannten auch die Nothwendigkeit der Bildung an, sie »wollten in der modernen Kultur aufgehe», darum aber keineswegs ihre»» alten Glauben aufgeben oder verändern. Von diesen Geisteskämpfen der deutschest Jude»» blieben die mitteleuropäischen Länder natürlich nicht unberührt.. An» »weitesten ist die Reform in Amerika vorgeschritten. Auch selbst das Judenthum in den Ländern des slavischen Ostens konnte sich diesen Bestrebungen gegenüber nicht abschließen. Leider fand dort der Chasfidis- »nus bei den von der einseitigen Ceremonialrichtung abgestoßenen Gemüthern Eingang und Aufnahme. Es ist natürlich, daß alle diese Richtungen in der Wiffenschast und Litteratllr des Jiidenthums Vertretung fanden und ein reiches Schriftthum schufen, das eine hervorragende Periode der jüdischen Litteratur bildet. Das Gesammtbild, das den ersten größere»» Theil des Jahrhunderts unrfaßt, ist das einer aufsteigenden geistigen und kulturellen Entwickelung, die de»»» Judenthmn. um so mehr zur Ehre gereicht, je »weniger diese Arbeit bisher von der Mitwelt anerkannt und nach ihrer vollen Bedeutung erfaßt und gestützt worden ist. Nie Woche. Berlin, 12. Dezember. in kräftiges Wörtlein über den Antisemitismus hat Ernst Wichert, der bekannte Dichter, der auch im Justizdienst eine angesehene Stellung eingenommen hat, in feilten eben erschienenen Lebeuserinnerungen gesprochen. Das Urtheil, das der edle und besonnene Mann dort über je»»e Beiwegung fällt, verdient im Wortlaut mitgetheilt zu »werden: „So entsteht mitten i»> Frieden ein gesellschaftlicher Kriegszustand/ dessen Ende nicht abzusehen ist >»nd unter dem Jeder leidet. Das scheint mir die Signatur dieses letzte» Viertelsdes Jahrhunderts zu fei». ES ist dabei-noch nicht einmal an die widerwärtigste Verirrungper Neuzeit im A»itisemitiSmuS gedacht. Von alle»»», was ich erlebt.

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