Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 49 (8.12.1899)
- Date
- 1899-12-08
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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Lehranstalten gesetzt würde. Er gebe gern ohne Weiteres 3»», daß die größte Rücksicht obwalte, wenn es sich darum handele, das Schulgeld zu erlassen, aber er schrecke zurück vor dem Erlassen des Schnlgeldes. Dem Argument, daß die Schulen zu Armenschnleis würden. könne er unter feinen Umständen beitreten. Dasselbe Argument bestände bei beu Volksschulen, und das Argument werde gerade dadurch bekämpft, daß die Kinder in diese Schulen geschickt' würden. Die Schulen könnten auch nicht an Werth verlieren, ob Schulgeld entrichtet werde oder nicht. Der Werth der Schule hänge doch lediglich davon ab, was dieselbe leiste, nicht was sie koste. Herr Leonhard Sachs betont noch einmal die milde Praxis des Schulgelderlasses, der ohne jeden Disput, ohne Recherche stattfände. Es sei von sehr großem Werthe und höchst erfreulich, die Kinder derjenigen Elter»» unter den Schülern zu wissen, die noch vor 20 Jahren vor dem Gedanken zurückgeschreckt seien, ihre Kinder in die Religionsschule zu schicken. Herr I a c o b y weist noch einmal kurz auf den § 10 des Gemeindestatuts hin, der bestimmt, daß für die Theilnahine an den Einrichtungen der Gemeindebesondere.durch Gemeindebeschlnß festznstellende Gebühren, die der Prüfling und Genehmigung seitens der Staatsbehörde unterworfen seien, erhoben werden können. Herr Dr. La chm all n bestreitet, daß die Zahl der Schüler in ben Religionsschulen abgenommen, habe. Im Gegentheil sei diesmal ein derartiger Zugang an Schülern gewesen lvie er noch nie iu Berlin stattgefunden hätte. 146 Schüler seien neu angemeldet. Professor Lewin glaubt, daß die Frage des kostenlosen Unterrichtes in dem Moment, wo sie in dem beabsichtigten Sinne gelöst würde, zlveifellos einen Fortschritt darstellen werde, der nicht nur der Gemeinde zu Gute känle. sondern auch ein sozialer sein würde. Betreffs der Eil»wände der Gegner sei der kostenlose Besuch der Synagogen zweifellos ein Korrelat zu der Frage des unentgeltlichen Unterrichts. Mit all ben Kämpfen, die um diese Frage geführt lvorden feien, hätte man glücklich erreicht, daß in einer Synagoge ein Paar Plätze mehr als Freistellen ausgegeben worden seien. Das Gesetz von 1847 bestände zu Recht, und thatsächlich könnte die Gemeinde auf Grund des citirten ,Paragraphen verklagt werden. Es handele sich jedoch darum, die Frage vom geläuterten sozialen Standpunkt ans flüssig zu machen und vom Standpunkte des Judenthums, das früher niemals sich für derartige Einrichtungen hätte bezahlen lassen. Das Repräsentanten - Kollegium würde sich auf die Höhe humaner Anschauung heben, wenn es einfach in. einer der nächsten Sitzungen ans eigener Machtvollkommenheit beschließen würde, das Schulgeld nicht nur für die Religionsschulen, sondern auch für die Gemeindeschulen auszuheben. Herr Dr. Minden schließt sich den Ausführungen an und stimmt im Prinzip dem vollständigen Schnlgelderlaß für die Religionsi und Gemeindeschuleu zu. Nur möchte er Vorschlägen, die wichtige Frage der gemischten Kommission zu überweisen, die über die anderen/ Schulfragen berathe. Die Gründe von spezialtechnischer Seite seien doch so wichtige, um sie nicht kurz von der Hand weisen zu können. Nachdem Herr Jacobh klargeftellt, daß die Vermiethnng der Syna-/ gogenpkätze nicht der Neuzeit angehöre, daß in den fast 200 Jahren, seitdem die Synagoge in der Heidereutergasse bestände, stets die Plätze, und zwar zu höhereu Preisen als jetzt, vermiethet worden seien, und Herr Landgerichtsrath Löwe noch einmal das Prinzip des genannten Gesetzesparagrapheil, daß die Genreinde den Unterricht unentgeltlich geben muffe, betont hatte, wiederholt Professor Blaschke, daß ihm mehrfach Klagen über den Rückgang der Schülerzahl in den Religionsschnlen mitgetheilt worden seien. Vielleicht treffe diese Klage bei der zweiteil Religionsschule gerade nicht zu. Wenn es wirklich Kreise geben sollte, die bei der Schulgeldfreigabe ihre Kinder herausnehmen würden, so verträteil diese Kreise ein ganz unberechtigtes Prinzip, das weder vom pädagogischen llvch vom allgemein sozialerl Standpullkt zu billigen sei. Ein inzwischen gestellter Schlußantrag wllrde darauf angenommen. Die Debatte schließt mit der Dechargeertheilung all die Schulverwaltullg. Professor Geiger nimmt die von Professor L e w i n bereits geäußerte Bitte noch einmal auf, Pnllkt 8 der g e h e i m e n Sitzung „Erhöhung von Gehältern" in der öffentlichen Sitzung zu erledigen. Herr Rudolf Masse widerspricht dem, und der Vorsitzende stellt anheim, in der geheimen Sitzung die Verlegung der Vorlage in : die öffentliche zu beautragen. Berlin, 2. Dezember. In der letzten Woche des Novembers^ hat das Büreau des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes an sämmtliche jüdischen Gemeinden Deutschlands sowie an sämmtliche wichtigerell Institute und Bereinigungen Fragebogen verschickt, um das Material für einen i»u April k. I. erscheinenden Nachtrag zum 14. Jahrgang des „Statistischen Jahrbuchs" zu beschaffen. Wegen der großen und anerkallnten Gemeinnützigkeit der vom D.-J. G.-B. geleisteten statistischell Arbeit, von deren Zuverlässigkeit oft vieles für Gemeinden und Private abhängt, bitten wir die Empfänger der Frageblätter im allgemeinen Interesse um prompte Beantwortung. Die Interessenten werden ferner darauf hingewiesen, daß die Vorte sungell für diejelligen akademisch gebildeten jüdischen Lehrer, die sich für die Ertheilung des israelitischen Religionsunterrichtes vorbereiten wollen, für das akadenlische Jahr 1899/1900 in der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums" hier. 81V. Lindenftraße 48/50. begoilnen haben und unentgeltlich besucht werden können. 8. Trbg, Berlin, 1. Dezember. Im „I ü d i s ch e n M ä d ch e n st i f t" wurde in Verbindung mit der Chanukahbescheerung eine Prämienvertheillmg an iu Stellungen befindliche Mädchen vorgenommen. Aus den Zinsen eines Dr. Moritz Lüpschühsonds wird solchen ehemaligen Zöglingen, die durch Wohlverhalten und Eifer sich die Zufriedenheit ihrer Herrschaft zu erwerben wissen, eine Anerkennung in klingender Münze zu theil. In seiner von edlem Schwuuge getragenen Ansprache betonte Herr Direktor Dr. Strelitz, der sich mit Frau Julie Neumann in den Vorsitz theilt. die frornme Zucht und Sitte, die der feste Boden sei. ans dem die Anstalt ruhe. Obwohl die hauswirthschaftliche Ausbildung mit allen Kräften verfolgt werde, so bilde doch daneben die Treue und Liebe zum Vaterlande den Gegenstand eifrigster Pflege. Nicht nur tüchtige Bernfsarbeiteriunen fallen ans dieser Stätte hervorgehen, sondern auch begeistetteAnhängerinnen der angestammtenReligion. Nach dieser vorzügliche»! Rede wurde an zwei Mädchen die Prämie verliehen, während fünf andere eine öffentliche Belobigung mit der Anwartschaft auf spätere Zuerkennung des Geldpreises erhielten. Zu der Feier hatten sich alle ehemaligen Zöglinge eingefnnden, die jetzt in Stellungen thätig, oh»»e Ausnahme dem Institute eine innige Dankbarkeit bewahre»». n. Berlin, 4. Dezen»ber. Das erhebende Fest der goldenen Hochzeit begingen am 2. d. M. Herr Leopold Minden und Frau Hermine geb. Oppenheim in ihrem gemüthlichen Hause Tenipelhofer Ufer Id. Es war voranszusehei», daß die Fa»nilie»»seier sich zu einer Feier der Reformgemeinde erweitern würde, denn Beide gehören ihr seit einem halben Jahrhundert an; die Jubilarin hatte sogar der Eröffn»»ng des ersten Gottesdienstes im Jahre 1845 beigewohnt. Um 11 Uhr trat in die festlich geschn»ückten und erleuchteten Räume der Borsta»»d und das Predigerkollegiun» der Gemeinde. Un»geben von den zahlreichen Angehörigei», ihm zur Seite der einzige Sohn, Herr Syndikus Dr. Georg Minden, »»ahm das Jubelpaar in körperlicher und geistiger Frische stehend die Wünsche und Segnungen entgegen. Der Vorsitze»»de Herr Rudolf Mosse ergriff zuerst das Wort zu einer herzlichen Ansprache, um das Jubelpaar in» Namen der Gemeinde zu begrüßen, und als Ausdruck ihrer Dankbarkeit überreichte er ein »verthvolles, auf das Fest bezügliches Ehrengeschenk. Sodann sprach Herr Dr. Oppenheimer als ältester Prediger der Gemeinde, hierauf hielt Herr Dr. Leyin die Weiherede. In Anlehnn»»g an den Preisgesang (Syr. 31) rührnte er die Jubilarin als eine heldenhafte Frau, deren Heldenthnn» sich auf dem Boden des Hauses entfaltete; in A»»mnth und Würde schritt sie ei»»her, Bildung mit Gottesfurcht verbindend, Freude und Segen um sich verbreitend. Der Jubilar »viederu»»» »vnrde als das Oberhaupt der Fa- »nilie. als ein Vorbild für die Väter gefeiert, ganz besonders aber als ein Vertreter der Gemeinde, die ihm ein Lebenselement geworden war. Das Gotteshaus war ihm ein z»veites Heirn und die Schule eine Sorge des Vaterherzens. Mit Genugthnung lueife die Judenheit auf solche Männer der Gesinnllng und der That. In den. Segen der Religion tönte die Rede a»»s. An diese schlossen sich die Ansprachen von Herrn Dr. Klemperer und Dr. Jelski wie auch die des Herrn Kommerzienraths Julius Martin Friedländer, des Abgeordneten des Brüdervereins und des Herrn Moritz Ma»»heimer als Vertreter des Vereins Magine Relm, der in seiner A»»sprache hervorhob, daß drei Ge»»erationen der Familie Minden — Großvater, Vater und Sohn — mit dem Verein als Stifter oder Vorsteher Zusammenhängen. Aus dein kaiserlichen Kabinet kan» die silberne Jubiläu»nsmedaille für das J»,belpaar. Nachde»»» die offizielle Feier beendet war. begaben sich die Anwesenden in die Nebenräume, um an der Festtafel den Frohsinn »valten zu lassen. Die Feier gab uns von Neuem einen Beweis dafür wie das jüdische Haus die Erhaltung Israels gewährleistet, und so