Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 49 (8.12.1899)
- Date
- 1899-12-08
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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63. Jahrgang. Nr. 49. . *««». 8. tzpmba 1899. Weikrge zur „Allgemeinen Zeitung des Iuöenthums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 8. Berlin. 3. Dezember. Die Sitzung der Repräsentanten- Versamml u n g konnte heute, was nicht allzu häufig der Fall zu fein pflegt, bei Vollem Hause stattfinde»». wozu die auf der Tagesordnung befindliche Neuwahl des G e m e i u d e V o r st a n d e s die Veranlassung gab. Zum geschäftlichen Theil wird zunächst statt des erkrankten Herrn Albert P h i l i p p Meyer Herr Adolf Mayer in das Kuratorium der Ephrainlstiftung deputirt. Dr. Eschelbach e r - Bruchsal hat mitgetheilt. daß er die Wahl zum Rabbiner allgenommell und sein Amt Anfang April 1900 au treten werde. Herr H e r m a ll il L a il d s b e r g e r hat in einem Schreibell darum gebeten, von seiner Entsendung in der: Vorstand abzusehen. Professor Leloill wünscht aus der Bibliothekskommission auszuscheiden und wird an Stelle desselben eine Nenroahl llothlvendig werden. Zuni geschäftlichen Theil bittet Dr. Minden noch, den Stellvertretern, die jetzt nur eine einfache Tagesordnung erhielten, ebenfalls wie den übrige»» Mitgliedern die Erlänterungell zngeheu zu lassen. Der Vorsitzende. Herr Louis Sachs, sagt in Uebereinstimmullg mit der Versammlung die Ersüllllllg dieses Wurisches zu. Alsdann schreitet die Versammlung zu dem Wahlakt. der sehr glatt voll Statten geht, da die ausscheidendell Mitglieder des Vorstandes bis auf Geheimrath Boas, dessen Verzicht auf eine neue Kandidatur wir bereits in der Lage waren zu melbeii und an dessen Stelle der von der Kommission vorgeschlagene Herr Fabrikbesitzer Karl Leopold Netter in den Vorstand eintritt, särnlntlich lviedergewählt wurden. Es erhielten unter 20 Stimmen Justizrath Meyer 19 Slimrnell (ein Zettet war unbeschrieben), Dr. E d m u n b Lachm a ll ll 19 Stimmen (ein Zettel lvar unbeschrieben), Herr K a r l Leopold N e t t e r 20 Stiimnen nnb Herr Wilhelm I. Golds ch m i d t 11 Stimmen (ein Zettel war unbeschrieben, acht Stimmen entfielen aus Herrn Leonhard Sachs), das stellvertretellde Mitglied des Vorstandes Herr S e l m a r S ol m i tz erhielt unter 21 abgegebene»» Stimmell 19 (zwei Zettel warell unbeschrieben). Zur Vermeidrnrg jeglicher Mißverständnisse wüllschte Herr Leollhard Sachs sestzllstellell, daß er ausdrücklich darum gebeten habe, von seiner Wahl zum Aeltesten Abstand zu llehmell. — Herr Kommerzienrath Friedlünder referirt alsdann über eine hochherzige Zuwendung, die Frau Erna Packscher im Betrage von 200.000 Mark der hiesigen Gemeinde zum Neubau ein ex Altersv e r s o rg u u g s an st a lt unter beu Bedingungen überweisen will, daß all dem Haus eine Widniungstafel angebracht, der Zinsgenuß bis zur Eröffnung des Hauses der Slifterin Vorbehalten werde, der Stifterin das Recht zustehen solle, fünf Personell zur Ansnahllie Vorschlägen zu^dürfen, und daß das Kaddischgebet an dern Sterbetage ihres verstorbenen Ehemannes wie später au dem ihrigen verrichtet werde. Der Vorstand hat sich unter diesen Bedingungen zur Annahme bereit erklärt, diesem Votum hat sich auch die vorberatheilde Konlmissiou. vorbehaltlich der landesherrlichen Genehmigung, augeschlossen. worauf die Vorlage einstimmig angenommen wurde. — Nach kurzer Befürwortung seitens des Referenten Herrn Leonhard Sachs wird eine vom Verein fü^r Arbeitsnachweis für das Etatsjahr 1900/1901 erbetene Subvention in Höhe von 1000 Mark bewilligt. Die Berichte lauten recht günstig. Es ist dem Verein möglich gewesen, in der Zeit vom 1. Januar bis 31. Oktober 1111 Personen, und zwar 782 männliche und 329 weibliche, in dauernden Stellungen unterzubringen, außerdem konnten 199 Personen aushilfsweise beschäftigt werden. — In der Berathung folgte der von Herrn Kommerzienrath F r i e d l ä n d e r über die Schulverwaltung erstattete Bericht. Sämmtliche Anstalten der Gemeinde bis aus die fünfte Religionsschule, die einerl Mehrverbrauch vorr 2,88 Mark auswies, haben Minderausgaben, zum Theil in beträchtlicher Höhe, ergebe»». Die Kllabenschnle wurde iln Jahre 1899 von 614 Schüler»» besucht, unter denen sich 368 zahlende befanden, während 246 unentgeltlich unterrichtet wurde»». Die Mädchenschule hatte eine Frequenz von 418 Schülerinnen, darunter 335 zahlende und 63 unentgeltliche. Die Religionsschnlen I—V wiesen 1309 Schüler auf, darunter 670 zahlende und 639 unentgeltliche, die Präparandenanstalt hatte 20. die Lehrerbildungsanstalt 24 Zöglinge. Die Einnahmen an Schulgeld beliefen sich insgesarnrnt auf 12755 Mark. Der Referent bittet, die Frage des gänzlichen Erlasses des Schulgeldes in Frage zu ziehen. Die Einnahme, welche die Gemeinde daraus zöge, sei keine so bedeutende, während die Ei»»z»ehu»»gskosten demgegenüber ziemlich beträchtliche seien. Zudem würden, was vom pädagogischen Standpunkt stets betont werde, durch den Umstand, daß die Schüler theils zahlten, theils unentgeltlich unterichtet würden, die Schüler in zwei Klassen eingetherlt. Der Referent stellt einer» späteren Antrag in Aussicht, der sich mit dieser Materie in dem erbetenen Sinne befassen soll, und schließt mit einem warmen Lob für die übersichtliche Rechnungsführung der Schulverwaltung. All das Reserat schloß sich eine lange und anregende Diskussion. Herr Leonhard Sachs betont, daß die Frage des Schlllgelderlasses schon sehr häufig erwogen lvorden sei. Vor allem würde»» die bemittelten Elteril alsdanll davon Abstand nehmen. ihre Kinder die Religionsschule besuchen zu lassen. Bei der Erhebliug des Schulgeldes lverde mit der größten Schonulig verfahren, kein Einziger werde gezwllllgen, Schulgeld zu entrichteli. Auf Grund eines von ben Eltern zu stellenden Antrages fände eine kurze Prüfung der Verhältilisse statt, die von» Direktor, einen! Lehrer lind ihm (denl Referentell) augenblicklich vorgenommel» werde. Herr Landgerichlsrath Löwe theilt die geäußerten Bedenken des Vorredners nicht. Rechtliche wie allgelnein praktische Gründe sprächen sür die Aufhebung des Schulgeldes. Nach dem Gesetz von 1847 seien die Geuleiuden verpflichtet, Neligionsschnlen zu errichten, uild ß 62 desselberl Gesetzes lasse kaum einen Zweifel darüber, daß die Kosten auf die Gemeindernitglieder nnizulegen und nicht vor» denjenigen Hallsvätern zu tragen feien, die ihre Kinder in die Religionsschule schickten. Er köttlle in dem Umstand der Unentgeltlichkeit des Ullterrichtes keinen Grund filldell, daß die Wohlhabenden ihre Killder nicht mehr in die Religionsschule schicken würden. Sehr wohl denkbar sei es aber, daß fo lllailcher Anstand nehme, um eine Dispensation vom Schulgeld zu bitten. Er halte es sür eine Pflicht der Gemeinde, die Kostell des jüdischen Religionsunterrichtes selbst zll übernehmen. Vom Vorstandstisch bezeichnet Herr Jacoby als die hauptsächlichsten Gegner des Schnlgelderlasses die Leiter der Schulen. Nach der Ansicht derselben »vürden die Schüler» dadurch de»» Charakter der Armenschulen erhalten. Die Summe, die sür die Gerneiude in Fortfall käme, spiele gar keine Rolle, tttib der Vorstand hätte volle Synlpathie für die Anregung. Aber die bezüglich der lvohlyabellderr Elter»» geäußerter» Bedenken würdet» sicherlich eintreten. Es sei »um eiirmal so irr der Welt, lvenn es auch richtig und logisch wäre, daß die Zustände andere sein sollten. Die Interpretation des Gesetzes durch Herrn Landgerichtsrath Löwe sei eine irrthüurliche. Das Gesetz lege der Gemeinde die Verpflichtung zur Errichtung von Religio»»ssch»»lei» auf. lasse ihr aber genau so wie bei der» Synagoge»» die Berechtigung der Erhebung einer Gebühr für die Benutzung der il» ihr bestehenden Institute. Herr Professor Geiger hält die Ausheb»»»»g des Schulgeldes für inopportun. Die Schulen »vürde»» dadurch vor» den» hohen Niveau, das sie erreicht Hätte»», herabgedrückt werden. Er hege die feste Ueberzeugung. daß nach Erlaß des Schulgeldes das bessere P»»blikum allrnälig feine Kinder aus den Schulen herausziehen »rud sich eine große Zahl von Privatschnlen bilden werde, die bezüglich der Leitung und der Wahl der Lehrer feine hinreichenden Garantien bieten »md kein Segen sür die Gemeinde sein »vürden. Bezüglich des Bedenkens, daß es sür de»» Einen oder den Anderen eiueZumuthung sein »vürde, ein Bittschreiben um Schulgeldertaß zu verfassen, »veise er auf die »»»»endlich milde Praxis in der Erhebung der Gebühre»» hi»», die den» Betreffende»» feinevlei Laste»» anserlege. Herr Professor B l a s ch ke versteht und würdigt die von den Schulleitern geger» die Aushebung geltend ge»nachte»» Gründe, aber er macht auf die Klage der Leiter aufmerksam, daß in den letzten Monaten ein Rückgang i»» der Schülerzahl eingetreten sei, der mit Recht auf Rechnung der Allsbreitung des Beligionsnnterrichtes a»» de»» öffentliche»»