Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 49 (8.12.1899)
- Date
- 1899-12-08
- Page
- Seite 588 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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beschäftigt, ist es gelungen, mehrere Dokumente anfzufinden, welche zur Aufhellung dieser Epoche wesentlich beitragen. Den Inden in Brasilien, welche sich au der „Wilden Küste", wie Surinam genann % wurde, ausiedeln wollten, wurden weitgehende Privilegien, Religio»rssreiheit, volles Bürgerrecht, freie Uebersahrt, unentgeltliche Ueberlassuug von Grund und Boden, freies Jagd-- und Fischrecht, das Recht, drei Jahre »lach Gold, Silber und Edelsteinen zu graben oder Perlen zu fischen u. a. m. zngesichert. Von besonderem Interesse sind die^ Petitionen des David Abrabanel oder Manuel MartineS Dormido, der Schwager Menaffe ben Israels, der mehrere Jahre in einer Stadt Kastiliens hohe Aemter bekleidete, bis die Inquisition ihn u»ld seine Familie in den Kerker warf. Auf seinen Wunsch verwendete sich Crornwell für ihn bei dem Könige von Portugal. Eine nicht unbedeutende Nolle spielte Simon de Caceres oder Casseres, wie der Name richtig geschrieben wird, der vereint mit Menasse ben Israel David Abrabanel u. A. für die Zulassung der Judell in England besonders thätig nmi\ Derselbe legte dem Lordprotektor auch einen Plan vor, wie Jamaika zu befestigen und Chili zu erobern wäre. Er selbst machte sich anheischig, einige junge. Leute seiner Nation, „seine young men of my own nation“, anzuwerben und sich mit ihnen an der Expedition zu betheiligen. Dieser Plan wurde auch voll George A. Kohllt, welcher denselben einige Monate früher, als Wolfs Arbeit ihm bekalmt geworden lvar, in Berlin kopirte. unter dem Titel: „Simon de Caceres and his plan for the conquest of Chili in 1655“ mit einer Einleitung besonders veröffentlicht (New-Iork 1899). Jos. Jacobs behandelt den reichsten Finanzmann in Alt-England, Aron von Lincoln, der Munizipalitäten, Grafen und Edellente, Bischöfe und Erzbischöfe zu seinen Schuldnern zahlte, und mit dessen Geld die größten Abteien und Kirchen des Landes gebaut wurden. Als er im Jahre 1186 starb, zog der Köllig sein ganzes bedeutendes Vermögen, eilie halbe Mittioll Pfund, für sich und die Krolle ein. Sein Halls, eine kleine Festung, ist das älteste Gebäude in ganz England. Ob ein ebellso altes Halls, Moyses Hall in Edmuuburg, nach seinem ehemaligen Besitzer sogenannt, das Eigenthum eines Juden oder gar eine Synagoge lvar. darüber sind die Herreil H. Gollancz und Frank Haes, welche in den „Transactious" ihre Ansichten anssprechen. nicht eillig. „Die frühesten Uebersetzlnlgell ulld Uebersetzer der Liturgie in England" ist das Theula eitler großen Abhalldlling des Rev. S. S i n g er. Die erstell Allsiedler in London waren spanisch-portugiesische Jllden, welche nllr spallisch verstallden mld demzufolge nur Gebetbücher mit spanischer Uebersetzung benutzten. Die erste schlechte englische Uebersetzung der Gebete erschien 1766, der die ilicht viel bessere von A. Alexander, welcher als ein „schlechter Buchmacher" bezeichnet wird, einige Jahre später folgte. Der fleißigste Uebersetzer lind ein sehr frllchtbarer Schriftsteller war David Levi, der Schuhmacher lverden sollte; er schrieb eine englisch-hebräische Grammatik, trat als Vertheidiger des Judenthums auf. übersetzte den Pentateuch lind das Machsor ulld starb in Armuth. Herr Singer, der mehrere Proben von Levis schätzbarell Uebersetzllllgeu mittheilt, verschlveigt auch dessen Absurditäten nicht. So heißt es in Levis Machsor am Schlüsse der Gebete für ben Abend des Versöhnnngstages: „Diejelligen, welche in der Synagoge schlafen, recitirell Psalmen imb Schir Ha-Jichnd!" Zlnn Schlllß erwähnen wir l,och eine sehr interessante Arbeit des sel. David Ka u fm a il ll über R. Zewi Aschkeuasi, dessen vorzügliches Porträt dein Vallde beigegeben ist. lnid seille Familie in Loildon; dieselbe läßt llns einen tiefen Blick in die inneren Verhältliisse der damals noch kleineil Lolldoner Gemeinde thnn. Auf diese Arbeit, welche der Verfasser gedruckt schwerlich noch gesehen hat. kommen »vir wohl ein anderes Mal zurück. Die „Transactions“, welche noch Regesten ulld kleinere Beiträge zur Geschichte der Juden ii» England enthalten. gehöreli urlstreitig zu heu »verthvollsten historischen Sammelwerken. — Voll Dr. Adolf Büchler, Professor an der Israelitisch-theologischen Lehranstalt in Wien, der sich mit Josephus und den Quellen, ans welchen er geschöpft, seit mehreren Jahren eingeheild beschäftigt, erhalten wir ein neues Werk, das wiederum Zeuguiß voll seiner Vertrautheit »nit der einschlägigen Litteratur. seinem Fleiße n»ld seiner Kombillationsgabe ablegt. Dasselbe erschien unter dem Titel: „DieTobiaden und die Oniaden ün II. Makkabäerbuche und in der verwandten jüdisch-hellenistischen Litteratlir" tWien, Hölder, 1899, 399 S.). Das Werk behandelt in drei Hauptabschnitten die Geschichte der Tobiaden. die Juden in Aegypten und die Gründung des Oniastenlpels und zum Schluß das II. Makkabäerbnch und seine Quelle»». Gegen die ge»vöhnliche Annahme gelangt der Verfasser in feinen Untersuchungen zu der Erkenntniß, daß Jason, Menelaos u»»d Alkimos nicht Hohepriester, sondern die politischen Vorsteher Judäas mit de»n Titel ap%isptvg »varen und ihre Würde vom Könige Syriens erhielteil. daher auch abgesetzt werden konnten. Sie hatten an den König eilleu ge»vissen Betrag als jährliche Abgabe zu bezahlen, der durch Ueberbietung von Seiten der Bewerber um die Würde allmälig zu einer ansehnlicheil Höhe stieg. Nicht bloß der Tobiade Simon, auch schon beffeu Vater, Joseph, der den Nichtjnde»» näher staild als den Jerusalemern und »vahrscheinlich aus der nichtjudäischeu Bevölkerung eines sa»naritanischen Bezirkes stammte, bekleidete das Amt bereits zur Zeit, als Judäa noch eine ägyptische Provinz war unter Ptolemäus Epiphanes u»»d Philopater. Er benutzte seilie eillflußreiche Stellung, um die Steuer»» von ganz Cöleshrien zu pachten, »vodrrrch die Macht uub das Ansehen seines Hauses rasch wuchsen. Durch die Fanlilie der Tobiaden. für die eine famaritanische Erzählung »vahrscheiillich die Hauptquelle ist, wurde der Hellenismus i»l Judäa besonders gefördert. Der Hohepriester Ollias, welcher mit feinem Anhang auf Seiten der Äegypter stand, wurde zur Flllcht llach Aegypten gezivungen; hier »vohnten schon Jllden unter den ersten Ptolemäeri». ivelche sie »vahrscheiillich als Soldaten einreiheten. Mit der Herrschaft der Tobiaden im engste»» Zufam»nenha»lge steht die Gründungsgeschichte des Oniastenrpels, rvelche Büchler in ei»» helleres Licht zu stellei» sllcht. Seiner Allsicht l»ach lvar der Tenlpel, der mit Zustimmung des ägyptischen Kölligs von dem Feldherrn Onias gegrülldet »vurde, um eine Vereinigu»»g der Juden zu bewerkstelligen, llicht jüdisch, sondern, samaritanisch. Was die Quellen betrifft. so venvirft Büchler die Annahme neuer Forscher, welche das zweite Makkabäerbnch für eine gegen die Hasmoiläer Simoli u»ld Jonathan gerichtete, aus der bloßen Umgestaltung des ersten Makkabäerbnches beruhende Lende»,zschrift ohlie geschichtlichen Werth halten, und »veist liach. daß der erste Theil des Buches von eil»em Samaritaner verfaßt und von einem Judell in seinem Si»»ne bearbeitet »vurde. J,l dem Werke Büchlers, das von Allen, welche sich mit dieser noch immer dunklell Epoche der jüdische,» Geschichte beschäftigei», volle Berücksichtigung verdient, ist allerdillgs Manches, »vie der geehrte Verfasser selbst zugiebt, Hypothese; es ist darin aber auch vieles Neue zu Tage gefördert »uld „der Belveis erbracht, daß für das innere Leben der ägyptischen und cyrenäischen Judell »nid für die Elltftehung dieses Schriftthllins aus diesen Bruchstücken noch Manches gewonnel» werden kailn." — Die in unserer Zeit so oft vernonunene Behauptung, die Jllden haben au dem Erringen nationaler Güter niemals Antheil geliomnlen. veranlaßte Theodor Z loci st i, theils a»ls historischem Interesse, theils zur Ablvehr, der» Antheil der Inden an den vaterländischen Kriegen zu erforschen. Das erste Resultat dieser Arbeit, zu der er die Materialien aus Zeitschriften und Broschüren mühsam zusammenholen mußte, liegt in der Schrift „Mitlvirknng der Juden all der freiwilligen Krankenpflege in den Befreiungskriegen" vor (Berlin, M. Hoffschläger). Mehrere jüdische Aerzte aus Berlin, Breslau, Königsberg i.P. Hamburg, »velche in den Lazarethen gewirkt haben oder in den Krieg gezogen sind, werden in biographischer» Skizzen vorgeführt. Der Verfasser nenllt auch eine llicht geringe Anzahl jüdischer Genleinden und Vereine, ivelche sich durch ihre Leistlingen in der Unterstützung rmd Pflege der verwundeten Krieger und in der Versorgllilg der Hinterbliebenen derselben ausgezeichllet habei». Bei ihren» stark allsgeprägten patriotischen Sinn sahen auch bte Frauen nicht müßig zu. Hoffentlich »vird Herr Zlocisti die Fortsetzung seiner »vichtigen Untersuchungen folgen lassen. — Für heute lenken »vir die Aufmerksamkeit unserer Leser noch auf die schön allsgestattete „Hebräische Bibliothek", »velche die rührige Verlagsgesellschast „Tuschija" in Warschau herausgiebt, besonders auf die trefflichen Biographien Moses Maimunis und Moses Chajim Luzzattos, »velche erstere David I e l i n, die aildere Abraham Kahana, durch anderweitige Schriften vortheilhaft bekannt, zu Verfassern habe»». Abgeseher» von dem eleganten Hebräisch, in dem sie geschrieben sind, verdienen sie als selbständige Arbeiten Anerkennung und »veite Verbreitung. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für d»e Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.