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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-12-08 · Heft 49 (8.12.1899) · p. Seite 587

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 49 (8.12.1899)
Date
1899-12-08
Page
Seite 587 (sequence 11)
Language
German
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Sympathie, um die Flammen der Eifersucht, die sie verzehrten, zu kühlen? Am nächsten Besuchstage fand er sich wieder im Korridor ein, halb voll Reue, halb voll Trotz. Gegen Abend ging er nach Hause, um Trost bei seiner neuen Gefährtin zu finden, dann stellte er seine Besuche ganz ein. Wenn man Tag und Nacht auf dem Rücken liegt und nicht schlafen kann, hat man viel Zeit zum Nachdenken. Dieselbe Lage stellt sich in allen möglichen Formen vor unserem Geiste dar, wenn man von der dämmernden Morgenstunde bis zum Zwielicht des Abends an nichts Anderes denken kann. — Was sollte aus ihrem Manne werden? — Er würde verdammt sein im zukünftigen Leben, gerade so, wie sie es jetzt schon war; aus der Gemeinschaft der Gläubigen würde er ausgestoßen sein. — Dieser entsetzliche Gedanke quälte sie Tag und Nacht. — Endlich entschloß sie sich und bat die Oberin, einen Brief an ihren Mann zu schreiben und ihn zu bitten, sie zu besuche». — Er ließ nicht lange auf sich ivarten. — Verschämt und verlegen stand er vor ihren: Bette; ihr hartes, strenges Gesicht wurde weicher, als sie ihn vor sich sah; ihr Busen hob und senkte sich vor Aufregung; unterdrückte Seufzer erstickten sie beinahe. „Du hast mich rufen lassen," begann er endlich mit leiser Stimme. „Vielleicht glaubst Du wieder, daß ich im Sterben liege," antwortete sie bitter. „Das ist nicht so, Sarah; ich würde auch gekommen sein, wenn Du nicht geschrieben hättest, aber Du hattest mir verboten, mein Angesicht vor Dir zu zeigen." „Ich habe es zwanzig Jahre lang gesehen, jetzt kommt eine Andere an die Reihe." Er schwieg still. „Ja, es ist wahr, ich liege auf meinem Todtenbett." Er blickte sie erschüttert an. „Ist es nicht ivahr? — In diesem Bette werde ich sterben; aber Gott allein weiß, wie lange ich hier noch liegen iverde." Ihre unheimliche Ruhe erschreckte ihn. „Und bis der Allmächtige — gesegnet sei sein Name — mich zu sich nimmt, wirst Du als Sünder leben." „Das ist nicht ineine Schuld; der Allmächtige hat mich schwer geschlagen, Ich bin noch ein junger Mann." „Es ist Deine Schuld," rief sie mit flammenden Augen. „Du Lästerer Du! Das Leben ist Dir süß; aber wer weiß, vielleicht stirbst Dn vor mir!" Sein Gesicht wurde todtenblaß. „Ich bin noch ein jcniger Mann," wiederholte er trotzig. „Hast Du vergessen, was Rabbi Elisser sagt: „Bereue Deine Sünden, ehe Du stirbst!" das heißt: Bereue heute, denn wer weiß, was koinmen wird." „Was soll ich den» thnn?" „Verlasse sie!" „Nein! Nein!" unterbrach er sie, „das ist unmöglich. Ich kann es nicht, ich fühle mich so einsam." „Verlasse sie!" fuhr sie unerbittlich fort. Verlasse. Dein Weib!" „Was sagst Du? — Mein Weib? — Aber sie ist nicht mein Weib. — Du bist mein Weib!" „Das weiß ich: verlasse mich! Verschaffe mir den Get." (Ehescheidung.) Sein Athen» stockte; sein Herz schlug als »vollte es zerspringen. „Verschaffe Dir Get?" flüsterte er -mit bewegter Stimme. „Ja! War,nn hast Du Dich nicht von mir scheiden laffen als ich unser Heim verließ, um hierher zu gehen?" Er »vandte sich von ihr ab. „Ich habe wohl daran gedacht, aber . . ." „Nun, aber?" — Es schien ihm als ob ein verächtliches, kaltes Lächeln um ihre Lippen spielte. — „Nun? Aber?" „Mir war bange." „Bange," lachte sie mit Bitterkeit. — „Bange? Vor mir, einer armen, schwachen, bettlägerigen Fran?" „Mir war bange, daß es Dich unglücklich machen würde." (Forts, folgt.) j'-iSÜr Fitteraturberichte. Von Dr. M. Kayserl i n g. f ie im Jahre 1893 gegründete „Jüdisch-historische Gesellschaft Englands", welche ihren Sitz in London hat, veröffentlichte jüngst beu 3. Band ihrer „Iravsaetions"; derselbe steht an Reichhaltigkeit und splendider Ausstattung den früher erschienenen Bänden nicht nach und enthält mehrere Vorlesungen und Abhandlungen, gröbere und kleinere Beiträge zur Geschichte der Inden in England. In einer ebenso lehrreichen wie interessanten Vorlesung schildert Jos. Jacobs die drei Hauptepochen der englisch-jüdischen Geschichte. In der ersten Epoche war der Jude aus der Gesellschaft ausgeschlossen und wie in anderen Staaten von den Königen gezwungen, den Rittern und Abteiei, gegen hohe Zinsen Geld zu leihen, im Grunde genommen für die Könige Wucher zu treiben. Denn sobald der Jude sich Reichthümer gesammelt hatte, nahm der König sie ihm unter irgend einem Vorwand wieder ab. Sowohl religiöse als finanzielle und politische Rücksichten bewogen Eduard!., die Juden aus dem Lande zu vertreiben. Die zweite Periode beginnt mit der Einwanderung der Marranen und endet mit dem Abfall der Niederlande von Spanien und der Aufnahme der Juden in Holland, beziehungsweise in England. Sobald das Feudalsystem unter Karl II. anfhörte, begann auch für die Juden eine neue Zeit freier Entwickelung. Der praktische Engländer syrnpathisirte mit den Juden, und es ist nicht zu verkennen, daß die Juden es waren, welche sowohl ans dem Kontinent wie in den englischen Kolonien, in Australien, Indien, Kanada und Südafrika. Englands Handel besonders förderten. Ein Bild der englisch-jüdischen Litteratnrgeschichte entwirft in großen Zügen der Chief-Rabbi Dr. H. Adler. Das harte Wort des sel. Leopold Dukes: „In England ist noch kein jüdischer Gelehrter gestorben", findet hier' eine entschiedene Widerlegung. Es gab in England schon im zwölften Jahrhundert nicht allein jüdische Grammatiker, wie R. Moses Ha-Nakdau oder der Punktator und Moses beu Isaak, der Verfasser eines Wörterbuches, dem er den Namen des Edelsteines „Schoham" gab, sondern auch Tosaphisten und jüdische Dichter, auch einen gelehrten Chasau, der ein umfangreiches liturgisches Werk „Baum des Lebens" schrieb, das Herr Dr. Adler mit Einleitung und Roten zu veröffentlichen beabsichtigt. Mauasse beu Israel, ebenso wie David Meto u.A. von Adler nur kurz erwähnt, wohnte während seines Aufenthaltes in London, wie er selbst angiebt, in der Nähe der neuen Börse und, wie Lucien Wolf, von dem die Pamphlete des genannten Amsterdamer Rabbiners demnächst erscheinen werden, in seiner Abhandlung „Menasse bei, Israels Studirstube in London" nachweist, in dem Hause eines portugiesischen Marranen Antonio Doliveere oder de Oliveyra. In diesem noch heute stehenden Hause einpfing der Rabbiner die Besuche der englischen Theologen, welche sich über die zehn Stämme mit ihn, unterhielten, und der Staatsulänner Füller, Holms, Hugh Peters u. A., welche ihm in seinen Be- „lühnngen um den Wiedereintritt der Juden in E>,gland ihre Unterstützung zusagte,,. Den wesentlichsten Antheil daran nahmen Amerikaner, nahm in vorderster Reihe Roger Williams, den ich „ach dem vortrefflichen Werke von Oscar S. Straus, den, Gesandten der Vereinigte», Staaten bei der Pforte, als Apostel der Glaubensfreiheit und Anwalt der Juden den Lesern dieser Zeitung vor ruehreren Jahren (1894, Seite 401 f.) vorgeführt habe. Lucien Wolf, welcher sich mit der Epoche der Wiederanstedelung der Inden in England eingehend

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