Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 49 (8.12.1899)
- Date
- 1899-12-08
- Page
- Seite 586 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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5S6 auf eine Periode der Antipathie eine Periode der Sympathie. Die optimistischen Instinkte sind der große Schatz an Zukunfsfreudigkeit, ein xriuct ig au ein unverlierbares Besitzthum fürs Menschengeschlecht. Selbst der unglückseligen Geschichtskurve, in welche wir augenblicklichhineingerathensind, sollte man ihre güustigeSeite abgewiunen. Diese optimistischen Instinkte sind nun einmal nicht auszurotten, durch keinerlei noch so trübe Erfahrung zu tilgen. Möge die schwere Eentnerlast der Geschichte manchen Rücken gekrümmt haben; die Seelen bleiben gerad gewachsen; sie schauen unbeirrt auswärts, vorwärts. Mag man allerorten daran hämmern und zimmern, neue Ghettmnauern zu errichten. Es wird alles nichts nützen. Die uh westeuropäisch-amerikanischen Kulturshstem aufgegangenen Israeliten haben sich im letzten Jahrhundert mit allen Kulturerrungenschaften gesättigt; sie scheiden geistig unendlich bereichert aus diesem Jahrhundert. In einem Augenblick, da selbst die chinesischen Mauern geschleift werden, wird man keine Ghettomauern mehr errichten. Und wenn selbst, es kann ihnen nichts mehr anhaben. Denn das seelische Ghetto ist einmal und für immer vom Erdboden verschwunden. EUILLETON Eifernde Liebe. Eine Erzählung von I. Zangwill. II. m nächsten Tage kam Sarahs Gatte. Ein großer, starker Mann mit dunkler Gesichtsfarbe, kohlschwarzem Haar und Bart und dicken sinnlichen Lippen. Er stand da mit gesenktem Hanpt als ob er sich vor ihren ernsten, fragenden Augen verbergen wollte., Schwester Margarethe eilte herbei, um Sarah zu sagen, daß ihr Mann gekommen sei. Das Gesicht der Kranken strahlte vor freudiger Ueberraichung. „Stellen Sie den Schirm aus! Schnell!" sagte sie zur Schwester, und vor den neugierigen Augen ihrer Umgebung geschützt, drückte sie den Kopf ihres Mannes an ihren verivelkten Busen und küßte ihn auf die Stirn.. „Man sagte mir, Du wärest am Sterben," flüsterte er ihr zu. Ein milder Glanz strahlte ans ihren großen Augen: „Du hast Recht, Herzel, mein Geliebter, ich sterbe auch vor Sehnsucht nach Dir." „Aber — die Oberin schrieb mir so drängend." Er fühlte, wie ihr Busen sich krampfhaft hob und senkte. Sie stieß ihn mit beiden Händen zurück. „Oh, Närrin! Gottes Närrili, die ich bin, ich hätte es wissen können, daß heute nicht Besuchtag ist! Sie haben Mitleid mit mir, sie sehen meinen Kummer, alle Welt spricht darüber." Er fuhr zusammen. „Sprechen sic zn Dir über mich?" stammelte er. „Ich habe sie nicht um ihr Mitleid gebeten, aber sie konnten sehen, wie ich litt; man kann nicht immer seine innersten Gefühle verbergen." „Sie haben kein Recht, über mich zu schwatzen," fuhr er in trotzigem Tone fort. „Sie haben wohl ein Recht," erwiderte sie grimmig, „wenn Du mich nur einmal besucht hättest; sage mix, warum bist Du nicht ein einziges Mal gekommen?" . „Ich, ich . . . bin auf dem Lande gereist mit billigen Schmncksachen, das Schneidern geht so schlecht augenblicklich." „Sieh' mir in die Augen. Schwöre mir beim Gesetze Moses. Nein, es ist eine Lüge — »löge Gott Dir vergeben — sage, warum bist Du nicht gekommen?" „Ich habe es Dir schon gesagt." „Das kannst Du den Ungläubigen Vorreden, sage mir, warm« bist Du nicht gekommen? Ist es denn zu viel verlangt, wenn ich Dich bitte, mir eine oder zwei Stunde» in der Woche zu widmen! Wenn ich nur auSgehen könnte wie manche von den Kranken, dann würde ich zu Dir kommen; aber Du bist meiner ganz und gar überdrüssig." „Nein! Nein! Sarah!" sagte er mit leiser Summe. „Warum denn —" Scham und Nerwirrung bedeckte sein Gesicht; er wendete sich von ihr ab. „Ich wollte nicht kommen," sagte er endlich verzweifelt. „Warum nicht?" Dunkelrothe Flecke wechselten mit der Blässe ihrer Wangen; ihre Brust wollte zerspringe». „Kannst Du denn nicht verstehen?" „Was? Was kann ich . nicht verstehen? Ich sage grün, und Du sagst blan." „Ich antivorte nur auf Deine Fragen." „Nein, Du antwortest gar nichts." „Keine Antwort ist auch eine Antwort," knurrte er wie ein bissiger Hund, der in die Enge getrieben ist; „Du verstehst mich sehr wohl; Du hast selbst gesagt, daß es öffentliches Gerede sei." „Aah! Aah!" schrie sie mit von Verzweiflung erstickter Stimme. Ihr weiblicher Instinkt hatte ihr endlich die Wahrheit gesagt und ließ sie alles errathen. Sie hatte seit langer Zeit das finstere Schattenbild zurückgewiesen, aber jetzt trat es wieder vor sie hin mit entsetzlicher Deutlichkeit. Sie ließ den Kopf aus die Kissen sinke», ihre Augen schlossen sich; unschlüssig und verlegen beugte er sich über sie. „Ach! So krank, so krank, so krank!" stöhnte die alte Großmutter. „Du sagst, sie bedauern Dich, wenn sie von uns sprechen," sagte er endlich mit trotzigem Ausdruck; „und haben sie kein Mitleid mit mir?" Ihr Stillschweigen machte ihn starr. „Aber Du! Du, Sarah! Du hast doch Mitleid mit mir? Du verstehst mich!" Nach einer kleinen Weile öffnete sie die Augen: „Was? Du bist noch immer hier?" „Ja," sagte er, „Du siehst, ich bin Deiner nicht überdrüssig, Sarah, mein Leben! Ich wollte nur ..." „Wasch' mir den Pelz und mach' mich nicht naß," sagte sie mit Bitterkeit. „Geh' nach Haus! Geh' zu ihr!" „Ich ivill nicht zu Haus gehen!" „Dann gehe ins Verderben, wie die Rotte Korah!" Er ging langsam und schwerfällig hinaus. In der folgenden Nacht >vurde die einsame Hölle, in der sie lebte, noch einsamer und grausamer gemacht dadurch, daß einen Augenblick die Pforten des Paradieses vor ihr eröffnet wurden. Das Paradies von Adam und Eva und von der verbotenen Frucht. Tagelang verharrte sie in diesen! kalten Stillschweigen; die sympathischen Ausdrücke ihrer Leidensgenofsen ließ sie unbeachtet. Was vermögen Worte, was können Mitleid und