Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 49 (8.12.1899)
- Date
- 1899-12-08
- Page
- Seite 585 (sequence 9)
- Language
- German
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58K Das messianische Erhoffen und das geschichtliche Erleben der Israeliten verläuft nicht in parallelen, sondern in entgegengesetzten Linien. Statt des Gottesreichs auf Erden, das sie unausgesetzt künden, haben sie selbst fast dnrchgehends nur ein Satansreich auf' Erden durchgekostet. Wenn also ein großer Naturforscher der Gegenwart (Hering) im Gegensatz zu Jean Paul die Instinkte das Gattungsgedächtniß des Menschengeschlechtes genannt hat: wie steht's denn um diese optimistischen Instinkte? Wenn die Geschichte Israels sein Gattungsgedächtniß gebildet, also seine Instinkte regulirt hätte, müßte es da nicht pessimistische statt optimistischer Instinkte haben? Oder wäre es denkbar, daß dieser tragische Konflikt zwischen optimistischem Hoffen und pessimistischem Erleben nur bewiese, daß es von der Geschichte genarrt, gehänselt, genasführt worden ist, daß also der Ahasver, der ewige Jnde in der Geschichte, nur die Rolle des Hofnarren in den Shakespeareffchen Tragödien spielte, welcher bloß dazu da ist, fatale Situationen zu beleben, Humor in die Tragik zu bringen? Wenn dem so wäre, wenn der Intellekt wirklich zu diesem niederschmetternden Schlußergebniß seiner Prüfung der Geschichte Israels käme, dann wäre dessen Rolle endgiltig ausgespielt. Denn ein Schalksnarr, dem das volle Bewußtsein seiner unsagbaren Lächerlichkeit aufgegangen wäre, könnte in diesem tödtlichen Bewußtsein unmöglich weiter spielen. Intellektuell so hoch eutivickelte Männer, wie die Bekenner des Mosaisnuls in den westlichen Kulturstaaten vielfach sind, würden den Kamps sicherlich nicht länger fortsetzen, wenn es sich um eine Kollektiv-Donquichotterie, um einen kapriziösen Windmühlenkampf handeln würde. Und thatsächlich mögen es wohl die angedeuteteuMotive, der tragische Konflikt zwischenHoffen und Erleben sein, welcher so manchen Israeliten bestimmt, ganz Und ohne Rückhalt in der christlichen Kultnrgemeinschaft aufzugehen. Die Lösung des Konfliktes liegt freilich etwas tiefer als die Meisten graben können oder auch graben wollen. Die Oberfläche ist so verführerisch behaglich, daß platte Selbstgefälligkeit sich mit Vorliebe versagt, etwas tiefer nnterzntauchen. Um zu dieser tieferliegenden Lösung zu gelangen, greifen wir wieder auf den griechischen Denker zurück, von welchem wir ansgegangen sind, auf Heraklit. Dieser gewaltige Zuendedenker behauptet nämlich nicht blos, daß der Kampf der Vater aller Dinge sei — also die durchgängige Koexistenz von Gegensätzen — sondern auch, daß diese Gegensätze sich immer wieder in einer höheren Einheit, der Harmonie ausgleichen. Denn Harmonie kann nnr entstehen, wenn Disharmonie vorangegangen ist, als Versöhnung von Disharmonien. So sind im sozialen Leben Konflikte unvermeidlich, aber sie sind nicht Ztveck, sondern Mittel. Letzter Zweck ist und bleibt immer die Harmonie. Jin Haushalte der Natur ist^s nicht anders als im Haushalte der Geschichte; Kampf heißt Leben. Wo nicht mehr gekämpft wird, wo keine Konflikte mehr entstehen, da erwächst allerdings Ruhe, aber es ist dies die unheimliche Ruhe der Agonie, die Starre der Thatenlosigkeit, die Stille des Kirchhofs. Bewegung heißt Leben, Ruhe Tod; wer das-Leben grundsätzlich bejaht, ninß auch den Kamps als ständigen Stimulans, als unausweichliches Mittel, das zur Erhöhung des Lebenstypus führt, gutheißen. Will man einen Zweck, so muß man auch die am sichersten dazu führenden Mittel billigen. Man kann unmöglich die höchsten Lebensreize entfalten, ohne die Kräfte in unausgesetztem Ringen zu stählen. Sollen also die optimistischen Grundinstinkte, als deren Reflex sich ein fortschrittsfrendiger Enthusiasmus einstellt, die Errichtung eines Gottesreichs auf Erden verwirklichen, so darf man in diesem Kampfe nicht deswegen erlahmen, weil er dreitausend Jahre dauert. Ohne diesen Kampf wären die Israeliten längst intellektuell eingerostet, vielleicht ein schweifender Beduinenstamm im Hauran geblieben — kulturlich gestorben, verdorben. Der ewige Kampf hat die Israeliten emporgepeitscht, hinaufgezüchtet, alle ihre Kräfte gewaltsam herausgetrieben, alle ihre Lebensenergien geschärft und gehoben. Und so empsängt der religiöse Optimismus auch vor dem höchsten Forum der Vernunft — Philosophie und Geschichte — seine Sanktion, seine logische Begründung. Wie uns die heutige Physik lehrt, daß alle Bewegung in der Natur rhytmisch verläuft — Spencer, Tyndal, Dühring —, so bezeugt uns der jüngste Sprößling der Philosophie, die Soziologie, daß sich jede Völkerbewegung rhythmisch abwickelt. Nur sieht der religiöse Pessimismus diesen Rhythmus unter dem Sinubilde eines Zirkels, d. h. einer cyklischeu Bewegung, wo Alles wieder auf den alten Fleck zurückkehrt, ivährend der religiöse Optimismus den Rhythmus in der Geschichte unter dem Symbol einer Spirale begreift. Eine solche Spirale mit der Ueberschrift „inclinata resurget“ hat man, wie wir bereits bemerkt haben, ans dem Grabstein des größten philosophischen Optimisten aller Zeiten — Leibniz — feinsinnig angebracht. Die spiralförmige Bewegung geht nicht in regelrechter Linie aufwärts; sie verläuft vielmehr in einem gewissen Zickzack, ja sie scheint sich sogar stellemveise zu beugen, aber sie beugt sich nur, um desto sicherer in die Höhe zu steigen. Dieses Symbol der optiinistischen Weltanschauung, die Spirale, gilt wie für alle Geschichte, so insbesondere für die Geschichte der Bekenner des Mosaismus. Hier hat sich die Spirale unzählige Male gebeugt, und diese Biegung schien häufig genug so verhängnißvoll, daß die Befürchtung nahe lag, daß die Bewegung nie mehr in die Höhe gehen würde. Und speziell die augenblicklich lebende Generation hat es so fatal wie möglich getroffen. Während die erste Hälfte unseres Jahrhunderts eine Epoche -bedeutete, in welcher die spiralförmige Bewegung der Geschichte -Israels mächtig emporschnellte, gewaltig in die Höhe schoß, haben die Jetztlebenden das Unglück, in den rückläufigen Be- :wegungsrhythmus hineingerathen zu sein. An der Wende des glorreichen 19. Jahrhunderts beugt sich die Spirale mit einer Wucht als ob sie jeden Augenblick in Stücke gesprengt werden sollte. > Und trotzdem, ja gerade darum, hat mau nicht den geringsten Grund zum Berzweiseln. Die Spirale beugt sich eben, um noch höher zu steigen. Die Verbrennung der Bibliothek in Alexandrien hat die Wissenschaft nicht vernichtet, die Bartholomäusnacht hat die Reformation nicht beseitigt, und ebensowenig vermögen -die modernen Kreuzzttge gegen die Bekenner des Mosaismus, die litterarischen Scheiterhaufen, die man für sie errichtet, die gesetzgeberischen gelben Lappen, die man für sie in Bereitschaft hält, die optimistischen Grundinstinkte zu zerstören. Denn die ältesten Träger unseres Kultursystems, die Israeliten, leben ja trotz und trotz alledem! Schon in Aegypten hieß es, sie vermehrten sich in demselben Maße als man sie quälte. Ebenso darf man heute trotz der ägyptischen Finsterniß, die besonders von Frankreich aus über unsere Kultur hereinzubrechen scheint, die Hoffnung nicht ausgeben, daß die Spirale sich nur beugt, um zu steigen. Der Geschichtsrhyhthmus läßt sich in seinein Laufe nicht aufhalten : AufReaktion folgt wieder Aktion, aufRepulsionAttraktion