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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-12-08 · Heft 49 (8.12.1899) · p. Seite 584

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 49 (8.12.1899)
Date
1899-12-08
Page
Seite 584 (sequence 8)
Language
German
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584 Namen Ehre machte. Bekamen wir doch an diesem Tage zur Belohnung dafür, daß wir alle Parschos so gut — oder auch nicht (?) — durchgelernt hatten, von der Schulverwaltung Chokolade mit Kuchen nebst obligater Beigabe von Aepfeln und Nüssen spendirt, die — beiläufig bemerkt — auch während des Morgen- und Abendgottesdienstes an dem festlichen Tage von den Frauenplätzen hinabgeworfen wurden und nicht selten eine fröhliche Katzbalgerei hervorriefeu. Noch mehr aber als alle materiellen Genüsse an diesem freudenreichen Tage, der gewöhnlich mit Dilettantenvorstellung und Tauzkränzchen abschloß, schätzten wir Heranwachsende Repräsentanten des Volkes Israel das ideale Vergnügen, das darin bestand, daß wir gleich Erwachsenen an die Thora herangerufen und mit einer Lije beglückt wurden. Ueberhanpt war das Sukahfest für uns eine ununterbrochene Freudenquelle, der sich höchstens die beiden Seder-Abende am Pessach ebenbürtig an die Seite stellen konnten. Schon das Vorspiel, das Aufschlagen der Sukah, versetzte uns in nicht geringe freudige Erregung. Wir Knaben sammelten Hagebutten und Kastanien, die unsere Schwestern und sonstige weibliche Anverwandte durchlöcherten und mit bullten Papierschllitzeln verziert an der Decke neben die leuchtende Ampel oder an den mit mannigfachen Decken und Teppichen geschmückten Wänden befestigten. Die Nacht voll Hoschanoh-Rabba, ebellso die Don Erew-Schewuoth durchwachtell wir im Beth-Hamidrasch, wofür wir mit einem Glas Liqueur nebst einem nicht zu knappen Stück Honigkuchen — bisweilen war es auch Babe, Sirbe oder ein ähnliches Gebäck — kölliglich regalirt lvurden. Nun ist dies alles ulld diverses mehr, dessen Aufzählnng die geneigten Leser, die es ja in ihrer Kindheit allch wohl meist aus eigeiler Anschauung gekannt haben — ich erwähne nur lloch das Taschlich machen am Rosch-Haschanah, das Trendel-Spiel am Chanukah u. s. w. — sicherlich ermüden würde, wie es mir welligstens erscheinell mag, unwiderruflich dahin. Es wäre verlorene Liebesmühe, im kommendell Jahrhundert das patriarchalische Gemeindeleben künstlich wieder Herstellen zu wollen. Was einmal abgestorben ist oder im Absterben begriffen ist, läßt sich nicht urehr zu einem organischen Leben erwecken. Die Hauptsache bleiben ja schließlich nicht die Gebräuche und Zeremonien, so viel Anheimelndes sie auch haben mögen, und so sehr sich auch gewissermassen in ihnell die Poesie des Judenthums verkörpert, mögen wir ihren Verlust auch noch so sehr bedauerll, sondern der Kern der Sache, der hoffentlich im neuen Jahrhllndert immer mehr zur Geltung gelangen wird, nämlich das Bewußtsein, daß das Judenthum eine ruhmvolle Vergangenheit sonder Gleichen aufzuweisen und daß es zuerst voll allen Völkern und Religionen die Idee des reuien Monotheismus ulld der allgemeinsten Nächstenliebe auf seine Fahne geschrieben hat. Aer religiöse Optimismus. Von Prof. Dr. Ludwig Stein. IV. otze sagt einmal: Die Hebräer haben den Fortschritts ja sogar die Geschichte als Problem entdeckt, und der konfer' vative Kulturhistoriker Rocholl (Kulturgeschichte II, 238) führt diese Thesen Lotzes iu ihrerl Kollsequenzen durch. Verstehe ich Lotze richtig, dann sind es die optimistischen Grundinstinkte, die thatenfrohen Zukuyftskroffnungen, kurz der Messianismus Israels, der als fortschrittsfreudig begriffen und charakterisirt lvird. Daß der Mosaismus die Geschichte als Problem elltdeckt hat, kann natürlich nicht den Sinn haberl, daß er die Geschichte als Wissenschaft konstituirt habe, denn darin sind ihm die Griechen mit Herodot und vollends mlt Thukydides unelldlich überlegen. Aber was dein Mosaismus und nur ihm eigen ist, das ist die geschichtsphilosophische Einsicht, daß die Geschichte des menschlichen Geschlechtes fein tolles Chaos, keinen btiuben Wirbel voll zufälligen Begebenheiten darstelle, wie die Materialisten aller Zeiten ltitb Schattirungen annehmen, sondern daß im Ulenschlichen Zusamlllenleben ulld Zusammeuwirkell Plan, Sinn und vernünftiger Zusammenhang herrscht. Der Mosaismus elltdeckt, um im Stile der historischen Religionen zu sprechen, den Finger Gottes in der Geschichte.; Die antiken Materialisten: Demokrit, Epikur und Lllkrez sehen im Kräftespiel der mellschlichell Gesellschaft nur Willkür, blindwaltenden Zufall, eine sonderbare Kaprize des Atomenwirbels. Sie beweisen damit nur, daß ihnen der Sinn und tiefere Zusammenhang der Geschichte nienlals aufgegallgen ist. Der antike Mosaismus hingegen entdeckt die Mellschheit, läßt das Universum im allgenleinen ulld das nlenschliche Geschlecht insbesondere nach eillem weisen Weltplan zu immer höherer Vollkommenheit sich entlvickeln. Die Welt erscheint hier als glücklicher Schöpfungsgedanke Gottes wie er sich symbolisch im ewigen Refrain derSchöpfungsgeschichte ausdrückt: nävxa *«>(': Uav (und siehe, es war sehr gut). Hier kreuzen llun wieder die beiben diametral gegenüberstehenden Weltanschauungen ihre Klinge. Der materialistische Pessimismus sieht im Weltenschauspiel llur eine öde Farce oder eine wirre, tolle zusammenhanglose Tragödie; der teleologisch gerichtete Optiulismus hingegen sieht überall Plan und Ordnung, Sinn und Zweck. Das Weltendrama erscheint hier als eine symphonische Komposition, der tragische Einschlag nur als Erhöhung der Kontrastwirkullg, der Schlußeffekt rnuß ein erlösender, beglückender sein. Der Refrain „und alles war sehrgut" muß sich auch zum Schluß wiederholen; dem: der Autor dieses Weltendramas ist das Gute selbst: die Gottheit. Dem religiösen Optimisten erscheint demnach die Welt als planvoller Schöpfungsgedanke und die Menschheitsgeschichte als das sinnvollste, vollendetste Gedicht des göttlichen Weltpoeten. Und hier werfen wir die bange Frage auf: Hat der religiöse Optiulismus auch in seiner Fassung und Begreifung des Geschichtsproblems sich bewährt? Haberl speziell die Israeliten, welche nach Lotze die Geschichte als Problem elltdeckt habe::, Veranlassung dazll, in ihrer eigener: Geschichte eine Rechtfertigung ihrer optimistischerr Grurrdinstinkte zu erblicken? Solleil doch unsere Gefühle, wie Spinoza fordert, stets durch rrnseren Intellekt kontrolirt werden. Wa^ ist das Ergebniß einer solcher: historischer: Koutrole des religiösen Optimismus, geprüft vom gereister: Intellekt, illustrirt an der Geschichte jenes Volkes, welches man als der: klassischen Träger der optimistischen Lebensideale mit vollen: Fug bezeichnen darf? Auf den ersten Anblick könnte uns die Antrvort stutzig machen, ja geradezu erschüttern. Denn in Wirklichkeit stellt sich das Resultat der Koutrole der Geschichte Israels durch den kritisch prüfer:den Intellekt so dar, daß die Bekenrrer des Mosaismus seit drei Jahrtausenden einen glücklichen Ausgar:g und Abschluß ihres Geschichtsdramas unausgesetzt erhofft, aber bisher vorwiegend nur tragische Verwickelungen erlebt haben.

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