Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 49 (8.12.1899)
- Date
- 1899-12-08
- Page
- Seite 583 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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588 An des Jahrhunderts Neige. Lin unmaßgeblicher und beschaulicher Rückblick. Von^Dr. S. Carpin. oji ch habe einen lieben Freund Hierselbst, einen Apotheker. Wir beide sind noch gar nicht so alt. Mein Freund zählt rund fünfzig Jahre, während ich im vierzigsten stehe. „Wozu diese Personalangaben, die uns absolut gleichgiltig sind?" dürfte inz Stillen mancher der geneigten Leser frage». Gemach! Die Antwort ergiebt sich von selbst. Wir beide, d. h. mein Freund und ich, gehören nach obigen Angaben schon zur modernen Generation, und doch, was hat sich seit unserer Jugendzeit nicht alles geändert! Fast jedes Mal, so oft wir zusammenkonnnen — und das geschieht in der Regel allwöchentlich — tauschen wir Reminiscenzen aus, und da ist es besonders ein Thema, das wir mit allen möglichen Variationen behandeln: Wie war das jüdische Gemeindeleben doch vor 30 bis 40 Jahren , noch so echt patriarchalisch und frisch pulsirend gegenüber der Nüchternheit und Farblosigkeit von heute! Fast wäre man geneigt, auf die entschwundenen Reize des jüdischen Lebens Schillers Worte aus den „Göttern Griechenlands" anzuwenden: „Ja. sie kehrten heim und alles Schöne, Alles Hohe nahm'» sie mit sich jort, Alle Farben, alle Lebenstöne, Und uns blieb nur das entseelte Wort!" Mein Freund und meine Wenigkeit staunnen aus Nachbarstädten der Provinz Posen, die schon in unserer Kindheit ein Gymnasium, KreiSgericht und sonstige Stätte,» der Bildung aufzuweisen hatten, also zu beu fortgeschrittensten der „Provence" gehörten. Aber welch ein Unterschied zwischen dem Fortschritt von damals und dem von heute! Heute hat der eine Ort in seiner Synagoge eine prächtige Orgel aufzuweisen, der andere plant ebenfalls die Anschaffung einer solchen und hat bisher nur aus finanziellen Gründen davon Abstand genommen. Damals schlug man sich beinahe die Köpfe blutig, als die „Reformer" die Verlegung des Almemor von der Mitte des Tempels an das obere Ende in die Nähe des AUerheiligsten durchsetzten. Ebenso kam es zu erbitterten Kämpfen, beinahe znr offenen Revolte, als vor.nunmehr beinahe dreißig Jahren unser verstorbener Seelsorger, der nichts Weniger als ein „Reformrabbiner" war, das gedankenlose Plärren des A-A-A-Nigen beim Duchenen in Wegfall, brachte und an deffen Stelle das Vorsingen der Stichworte (Jeworechechv u. s. io.) durch den Chasen setzte. Heute ist in derselben Gemeinde der Priestersegen überhaupt abgeschafft, oder vielmehr hat sich von selbst abgeschafft, da sich in der Priesterschaft nach Aussterben der alten Garde fein genügender Nachwuchs mehr fand, der sich für würdig erachtete, über die Gemeinde den Segen zu sprechen. Ja, ja, so ändern sich die Zeiten! „Väter und Söhne", der bekannte Titel desTurgenjew'schen Romans mit seiner drastischen Beleuchtung des Gegensatzes in den Anschauungen zweier Generationen, findet heute inehr denn je auf das Judenthum seine Anwendung. Es ist dies ein äußerst dankbarer Romanstoff, der noch lange nicht genügend zur Verwerthung gelangt ist. Das innere jüdische Leben hat sich eben in den letzten 25 Jahren selbst in den kleinsten Gemeinden des Ostens von Grund aus verändert. Der Lamden ist eine Rarität geuwrden, deren es in der ganzen Provinz Posen höchstens noch ein Dutzend giebt. Bochrim, die Plett, „Täg" oder „Tisch" essen — wie die ebenso kuriose als geschmackvolle Bezeichnung lautete — und im Beth-Hamidrasch lernen, existiren überhaupt nicht mehr. So kennt man nicht einmal dem Namen nach mehr das Cheder, dessen Bekanntschaft noch mein Freund machte, das ich selbst aber nicht mehr aus persönlicher Anschauung kannte. In dem zwischen unserer beiderseitigen Jugend als Differenz liegenden Deceuuium vollzogen sich nämlich mancherlei Wandlungen. In eben dieser Zeit — Mitte der 50 er bis zur Mitte der 60er Jahre — wurden die Rabbis vom alten Schlage durch die allenthalben zur Geltung gelangenden „Deutsch- Rabbiner" mit dem Dvktortitel abgelöst und jenen ein otium eum äiguitate als Dajau oder Moreh Zedek zu Theil. Sv wurde auch das Cheder, dessen Auuehmlichkeiten ich nicht mehr durchgekostet habe, in dessen geheiligte Räume zarte Knäblein von 4 bis 6 Jahren schon beim früheil Morgengrauen, im Winter iricht selten in kohlrabenschwarzer Nacht, geschleppt ivurden, auch in den wenigen Städten des Ostens, ivo es zuletzt noch ein kümmerliches Dasein gefristet hatte, definitiv abgeschafft. Wenngleich also nicht mehr das Cheder, so habe ich doch die echte „jüdische Schule" mit allen Chikanen durchgemacht, und das will auch genug besagen. Man bedenke: von Morgens 8 bis 12 und Nachmittags von 2 bis 4 in der „deutschen Schule", d. h. dem Gymnasium, von 4 bis 7 in der „jüdischen Schule" alias „Religionsschule", mit alleiniger Unterbrechung durch eine 10 Minuten lange Kaffeepause um 5 Uhr. Denn Schlag 5 Uhr erschien die elterliche Küchenfee mit dem Kaffeekrügleiu und der anderen heiß ersehnten und mit heißer Gier verschlungenen Leibesuahrung auf dein Schulhof. Dieser unabänderlich feststehende Schulplan erlitt im Sommer die kleille Modifikation: von 5 bis 7 Nachnrittags jüdischer Unterricht, dafür bereits früh Morgens vor Beginn des profanen Unterrichts solcher in der Glaubenslehre von 7 bis 8. Am Freitag hatten ivir blos eine Stunde Nachmittags, dagegerl am Sonntag, damit wir ja nicht zu übermüthig würden und in Verlegenheit geriethen wie wir die freie Zeit verwenden sollten, gewiffermaßen zum Ersatz volle 7 Stunden — sage und schreibe — sieben Stunden, von 8 bis 12 und von 2 bis 5 Uhr, in denen ivir mit Raschi, Mischnajot u. s. w. vollgepfropft wurden. Die heutige Generation hat in denselben Gemeinden an zwei ivöchentlichen jüdischen Stunden übrig und genug, während wir deren 25 hatten, selbst am Sabbath Nachmittag zwei, von 2 bis vier Uhr, um die „Sedre mawer" zu sein. Da rede man noch von Ueberbürdung der heutigen Jugend! Allerdings Kindergesellschaften haben wir nicht mitgemacht. Schiverlich aber können sich die Genüsse der letzteren mit den Freuden messen, die uns das Purim- und das Simchas- Thora-Fest in so reichliche»! Maße boten. Solche Freuden, die den heutigen Kindern fremd sind, waren beispielsweise zu Purim das „Verstellen", d. h. Verkleidung als Maske, natürlich in äußerst primitiver Form, am Abend des Festes im Anschluß an die überaus reichliche Mahlzeit (Sudas-Purim), während wir am Abend vorher beim Gottesdienst znr Einleitung des Festes, und ebenso beim Frühgottesdienst in der Synagoge beim Aufzählen der Namen der zehn Söhne Hamans, die sanunt ihrem verruchten Vater an einen Galgen gehängt wurden, vermittelst Knarre, Fuhtrampeln und Schreien nach Leibeskräften einen fürchterlichen Skandal niachten. Noch mehr zur Geltung kamen wir am' Simchas-Thora, dem Feste der Gesetzesfreude, das für uns Jungen wirklich seinem