Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 49 (8.12.1899)
- Date
- 1899-12-08
- Page
- Seite 580 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3228311-3228361--55982-3292239- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
580 glauben nicht, daß der Senat sich um derartige Klagen bekümmern wird. Was übrigens die Herkunft eines grüßen Theiles des russischen Adels ja selbst des Hochadels betrifft, so braucht man btos die Chroniken und Geschichtsbücher Rußlands zu lesen, um dort die seltsamsten und komischsten Dinge über die Provinienz vieler Familien 311 lesen, die heute die erste Rolle spielen. Also damit ist es nicht gar zu weit her. * Erst jetzt wird es bekannt, daß vor etwa zwei Jahren eine Blut-Affaire auch in Rußland sich abgespielt hat. Unser geschätzter Mitarbeiter L. A. Trachtenberg schreibt uns darüber: Vor zwei Jahren ist dem Bürger Bilinin Perejaslawl eilt vierjähriges Mädchen verloren gegangen. Der Mörder des Kindes wurde in Bälde in der Person von Pelageja Iwanowa, einem 17jährigen Mädchen gefunden. Die Sache hätte kein besonderes Interesse hervorgerufen, wenn nicht ein Taugenichts der Zlvanowa gerathell hätte, sich damit zu rechtfertigen. daß sie auf das jüdische Osterritual hinweifell sollte, lvelches den Gebrauch christlichen Blutes forderte! Nicht nur alle Juden dieser Stadt, sondern auch die der Umgebung wurden der Iwanowa zur Rekognoszirung vorgeführt. Die Verleumdung' der Juden seitens der Iwanowa bestätigte sich llicht. Endlich gestand dieselbe ein, daß sie das Verbrechen begangen, und zwar unter folgenden Umständen: Sie führte das Kind nach denl Walde, der sich an dem Orte befilldet, der „das Kreuz" heißt. Sie brauchte gerade zwei Rubel, uni zu ihrem Geliebten nach Moskau zu reisen; deshalb faßte sie den Entschluß das Küld zu berauben, indem sie die Kleider desselben nahm, um mit dem Erlöse derselbell nach Moskau zu fahren. Im Walde geschah nun Folgendes: Pelageja entkleidete das Kind, nahm die Kleider au sich und lief davon, aber das unglückliche, erschrockene Geschöpf fing zn schreien an und lief weine,ld dem Mädchell nach. Sie stand dalln stille, nahm ein dünnes Band, womit ihr Kleid (Sarafan) zusamuiengebunden war, und schnürte damit dem unschuldigen Opfer beu Hals zusammen. Dieser Prozeß wurde in der Stadt Perejaslawl- Salessey bei geschlossenen Thüren verhandelt, imb die Iwanowa wurde zn achtjähriger Gefängnißhast verurtheilt. Auch ein interessanter Beitrag zur Geschichte der Blutlüge! * In Marokko kommen die Juden nicht zur Ruhe. Rach den letzten Aufstärrden schien es als sollte für einige Zeit Friede herrschen. Da kommt aus den, Atlasgebiete die Nachricht von neuen furchtbaren Greueln, die die Truppen des Sultans bei der Unterdrück,ll,g großer Unruhen verübt haben. Sie plünderten beim Rückzug ganze Dörfer und führten Weiber, Greise und Kinder, mit Ketten beladen, gefangen fort. In Jamazzit, wo 20 jüdische Familien wohnen, beging die Soldateska unnennbare Ausschreitungen. Sie brachten die Juden nach Marrakesch, wo diese als Siegestrophäen vor den Thören aufgespießt wurden. Entsetzlich! Me nationalen Kommunalwahlen. Aus der Provinz Posen, 1. Dezeryber. Wehr noch als es bei allen früheren derartigen Gelegenheiten der Fall war, werden sich bei den diesmaligen Konununalwahlen die verschiedenartigen Einflüsse, die unser öffentliches Leben beherrschen, Geltung verschaffen. In vorderster Reihe wird natürlich auch bei den Sjadtverordnetenwahlen die Nationalitätenfrage stehen. DeruJndifferentismns in dieser Hinsicht, der ja immer nur bei beu Deutscher, zn finden war, hat aufgehört, und jede Gelegenheit rvird schon seit Langen, dazu benutzt, eine Kraftprobe zwischen den Deutschen und den Polen zu inseeniren. Unter den, Zeichen Deutsch oder Polnisch werden sich also die diesmaligen Kvmnmnalwahlen abspielen. Was freilich hinter dieser allgemeinen Bezeichnung oft steckt, das entzieht sich der Kenntniß weiterer Kreise. Wie sehr oft der geschlossenen Masse der Polen die z,vei- und dreifach getrennte Gruppe der Deutschen gegenübersteht, das kouunt weniger an die Oeffentlichkeit, obwohl nach Ansicht berufener Beurtheiler gerade hierin des Nebels Kern steckt. In den seltensten Fällen sind es sachliche Gründe, die zu Spaltungen Anlaß geben, am allerhäufigsten ist die Konfession des Kandidaten der Grund hierfür. Es giebt, selbst in den kleinsten Städten, noch Leute, die den Juden wohl als Deutschen anerkenueu, wem, er den ihnen gesinnungsverwarrdten Kandidaten wählen soll, die es aber nicht übers Herz bringen, auch ihrerseits einen, Juden ihre Stimme zu geben. Darin ist es nicht ein Deutscher, der gewählt werden soll, sondern ein Jude und man bleibt eutrveder der Wahl fern, um dessen Sieg zu hi,vertreiben, oder aber man stellt ihm einen Gegenkandidaten, oft sogar einen ausgesprochenen Antisemiten gegenüber. Was ich hier ausgeführt habe, kann ich sehr wohl durch Thatsachen belegen. Die Wahlen von vor zwei Jahren haben Material genug hierfür geliefert. Und das Charakteristischste dabei war, daß nicht etwa die unintelligenten Klaffen, sondern gerade die Leute, die berufen wären, deutsche Wahlen durchzusetzen, sich an solchen Machinationen betheiligten. Kein Kenner der Verhältnisse wird behaupten wollen, daß die Juden — sei es, wo es wolle — zu viel Mandate beansprucht hätten. Wenn sie für ihren Theil eine Vertretung in der Kommune durchsetzen wollten, so hatten sie wohl allen Grund dazu; aber in den vielen Fällen, in denen sie hervorragende Ehrenäinter in städtischen Verwaltungen bekleideten, haben sie nie die aller,,,indeste Veranlassung dazu gegeben, ihnen einen Mangel an nationalem Empfinden auf solche Weise vorzuwerfen. Eine dieser Tage in konservativen Blättern erschienene Auslassung über die Stadtverordnetenwahlen in der Provinz schildert ganz richtig d,e Zerfahrenheit und den Jndifferentismus der Deutschen bei den Kommunalwahlen. Woher diese Erscheinungen, wenn auch nicht in allen, so doch in vielen Fällen stammen, habe ich darzulegen versucht. Wenn jetzt in dem erwähnten Aufsatz das Beamtenthnn, aufgefordert wird, die Wahlen z„ organisiren, gewiß, wir sind damit einverstanden. Jedoch möchten wir ein für alle Mal betonen, daß der Jnde ein genau so vollwerthiger Wähler ist, wie jeder Andere. Und was wir verlangen, ist, daß der Jude nicht nur als Jude, sondern als Deutscher, in die Kommunalvertretung gewählt werde. Brief aus Meran. Bo» R. Berger. Meran, 3. Dezember. ur selten dringt ein Echv aus unseren Bergen zu Ihnen. Aber heute wird das, was ich Ihnen zu berichten habe, sicher ein Echv in den Herzen aller Ihrer Leser wecken. Denn ich habe Ihnen von einem großen und schönen Feste zu berichten, daß am 30. v. M. hier in der Billa Kikomban unser verehrter Geheimrath Professor Lazarus, anläßlich seines