Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 49 (8.12.1899)
- Date
- 1899-12-08
- Page
- Seite 579 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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gaffe eines Ghetto bei der Nennung seines Namens ausrufen werde: „Nicht gedacht soll feiner werden!" und daß an seinem Sterbetage ihm kein Kaddisch nachgesagt werde. Die Furcht des todtkranken Dichters war unbegründet. Laut und innig dürfen wir heute an seineni Grabe das Trvstgebet sprechen: „Verherrlicht und geheiligt werde der große Name Gottes in der Welt, die sich einst verjüngen wird. Für Israel, für die Gerechten, sowie für Jeden, der aus. dieser Welt nach göttlichem Willen geschieden ist, erflehen wir Gnade und Barmherzigkeit vom Herrn des Himmels und der Erde." Berlin, 5. Dezember. ntisemitische Blätter führen einen Erlaß des Ministers des Innern an, der sich mit der vielbesprochenen Angelegenheit der Namensänderungen beschäftigt. Der Erlaß vom 18. November — «I A 4003 — soll die behördlich genehmigte Umwandlung des Namens Schmuhl in Steinhardt damit erklären, daß nach den bestehenden Grundsätzen das Namensänderungs-Verfahren in erster Linie dazu bestimmt ist, Namen, die anstößig klingen, oder, wie der Name Schmuhl, zu ungemesseneu Spöttereien Anlaß geben, zu beseitigen. Die Antisemiten ärgern sich natürlich darüber. Aber so lange der Bescheid nicht im Wortlaut vorliegt, läßt sich nichts Bestimmtes darüber sagen. Im Reichstag gab es jüngst ein lebhaftes Wortgeplänkel zwischen Sozialdemokraten und Antisemiten, über das die stenographischen Berichte der Tagesblätter nichts oder doch wohl sehrwenig meldeten. Der Sozialdemokrat Rosenow meinte: „Jedenfalls nimmt die antisemitische Tendenz unter den Handlungsgehilfen nicht nur nicht stärker zu als die sozialdemokratische, sondern sie nimmt sogar direkt ab; diese öden Judenhetzereien hält ein Mensch rnit normalem Gehirn auf die Dauer nicht aus. Die Antisemiten können blos Radau machen." Darauf replicirte der Antisemit Raab, indem er auf die Pirnaer Wahl und die hessischen Landtagswahlen mit dem Bemerken hinwies: „Jene Wahlen zeigen die Rückläufigkeit der Sozialdemokraten und sind ein glänzender Sieg für die Antisemiten. Radau ist einmal allerdings in einer antiseinitischeu Versammlung vorgekommen. Die Radaumacher waren aber nicht die Antisemiten, sondern die Genossen, die den Eeldjuden zuliebe in die Versammlung gingen." Die Erklärung, daß „einmal" in einer antisemitischen Versammlung Radau gemacht wurde, entspricht ebcufo genau den Thatfachen wie die Behauptung, daß die „Geldjuden" die Sozialdemokraten in antisemitische Versammlungen schicken, um diese zu störe». Das Neueste auf dem Gebiete des Antisemitismus wird wie gewöhnlich aus Wien berichtet. Wie es heißt, weilte kürzlich in Prag der Sekretär der Pariser Antisemiten, Quidon, welcher sich über die Polnaer Sache „an der Quelle" informiren wollte. Bei dieser Gelegenheit machte er Propaganda für die Beschickung eines Weltkongresses der Antisemiten, der im nächsten Jahre in Paris während der Ausstellung stattfinden soll. Aus demselben soll die Gründung einer Weltall iance gegen das Judenthum zur Sprache kommen. Also auch eine Internationale! * Das neue statistische Jahrbuch des Großherzogthums Baden, das jetzt erschienen ist, bringt manche interessanten Ziffern aus der Berufsstatistik. Die Juden bilden in Baden 1.5 Prozent der Bevölkerung, dagegen sind sie an den einzelnen großen Berufsgruppen wie folgt betheiligt: in der Landwirthschaft 0,1 Prozent, in der Industrie 0,6 Prozent, in den« Handel 8.6 Prozent, im Beamtenberus 1,1 Prozent, in dem Berufe häuslicher Dienstleistungen 0,8 Prozent, ohne Beruf endlich 8,3 Prozent bei den Männern und 2,9 Prozent bei den Frauen. Angehörige ohne hauptberufliche Thätigkeit sind Juden mit 1,8 Prozent der Gesammtziffer. Wir sehen mithin in Baden die Neigung der Juden zum Handel noch schärfer ausgeprägt als in den meisten anderen Bundesstaaten. Ebenso ist die Zahl der beruflosen Angehörigen hier größer als sonst im Deutschen Reich bei den Juden. Die Ziffern für die Vertheilung der badischen Israeliten unter die verschiedenen Berufe ohne Vergleich mit den Andersgläubigen lauten wie folgt: von 1000 Israeliten widmen sich der Landwirthschaft 7, der Industrie 68, dem Handel 250, dem Beamtenberuf 25, den häuslichen Diensten 13, ohne Beruf sind 85 und beruflose Angehörige sind 552. Bei den Israeliten muß also jeder Erwerbsthätige noch ls/4 Kopf ernähren, während der Protestant in Baden nur u/8, der Katholik nur %0 Kopf zu ernähren hat. Diese Ziffern geben daffelbe Bild, wie die ersten, nur vielleicht noch deutlicher. * In Rußland beschäftigt sich die Presse so lebhaft als es die hohe Censur gestattet, mit der Angelegenheit der Eintragung von Juden in die Adelsregister des Gouvernements. Ein jüdischer Arzt, Dr. Grünkrug, hatte für seine hingebende ärztliche Thätigkeit beim Militär einen Orden erhalten, mit dem der Adel verbunden war. Er wandte sich daher an die Adelsdeputirten-Derfammlung in Smolensk mit dem Gesuch, ihn in die Adelsgeschlechtsbücher des Gouvernements einzutragen. Da in Rußland die Juden thatsächlich als Staatsbürger zweiter Klaffe gelten, die keineswegs im Vollgenuß der bürgerlichen Rechte sind, so wies die Deputirtenversammlung das Gesuch ab. Grünkrug wurde nunmehr beim Herolddepartement des dirigirenden Senats klagbar, und dieses hob den Beschluß der Deputirtenversammlung auf, da das Gesetz keinerlei Bestimmung enthalte, wonach die Aufnahme von Inden in die Adelsmatrikeln ausgeschlossen sei. Diese Entscheidung hat nun in der russischen Presse, die dem Judenhaß Vorschub leistet, einen Sturm von Entrüstung erregt; es wurde gegen die Aufnahme von Juden in die örtlichen Adelskorporationen Protest erhoben. Die sattsam charakterisirte „Now. Wremja" hob hervor, daß eins der Grundrechte jeder Korporation, jedes Standes und jeder Gesellschaft in der freien ungehinderten Ausnahme und Ablehnung von Kandidaten bestände. Man könne nicht verlangen, daß man den Namen eines „Talmudjuden" neben den eines Ssuworow oder Nachimow setze, daß der Adel einen Juden zum Vertreter seiner Traditionen mache, in denen der Dienst in den vordersten Reihen des Heeres eine so wesentliche Rolle spiele, während der Jude nach russischen Gesetzen nicht Offizier werden könne. Nun, wir