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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-12-08 · Heft 49 (8.12.1899) · p. Seite 578

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 49 (8.12.1899)
Date
1899-12-08
Page
Seite 578 (sequence 2)
Language
German
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578 jetzt bei Christen und Juden verhaßt." In der That sollte Heine, wie die Erfahrungen ihn bald belehrten, durch seinen formalen Uebertritt nichts von allem, was er gehofft, erreichen^ keine Staatsanstellung und keine Unabhängigkeit von seinem reichen Oheim. Treffend bemerkt sein christlicher Biograph: „Vor dem Kampfe noch war er abgefallen von der Idee, die ihn zu ihrem Streiter erkoren; die Taufe hatte ihn im innerste»» Gewissen mit sich selbst e>»tz»veit. Von Herzen »vurde er niemals ein Christ und bei seinen Feinden hieß er: der Jude." Man kann noch »veiter gehen und sagen, daß viele Widerwärtigkeiten und Mißhelligkeiten, die er in seinem späteren Lebe»» erduldet, auf diesen Schritt znrückzusühren sind — ein »vohl z,» beachtendes Memento für den jüngeren Nachwuchs unserer Gla»»bensgenossen, der mit diesen» Schritt liebäugelt. In der folgenden Periode seines Lebens entfernte sich Heine irnmer mehr vom Judenthum. Zwar hatte er sich einst in seierlicher Stunde gelobt, daß er, so oft sich hierzu die Veranlassung bieten werde, feine Stinime für die ehemaligen Stamnresgenossen erschallen lassen rvürde, daß es in Paläste»» und Bierstuben »viederhallen solle. Aber es dauerte lange, bis er sich dieses Versprechens erinnerte. In de»» Tagen seines „Luxusübermuths" ler hatte ja das Wort selbst geprägt) verschonte er das Judenthun» ebenso »venig »vie das Christenthum »nit seinen Angriffen und Spöttereien. Der Ausspruch, den er allerdings nur einen» ungebildeten Händler mit Lotterieloosen in den Mund gelegt: „Das Judenthuu» ist gar keine Religion, sondern nur ein Unglück" »vurde ihn» von tausenden dumnien Jungen nachgesprochen. Heine lebte dainals — und das war das Verhängniß seines Lebens — in einem großen Jrthume: er theilte alle Menschen in z»vei Klassen ein: in Inden und Hellenen. Sich selbst hielt er für eine»» sinnessreudigen Hellenen, seinen Feind Börne aber für einen Juden. In» Wonnemond des Jahres 1848 trat die große Katastrophe in seinen» inneren Leben ein, die eine völlige Umwandlung seiner religiösen Anschauungen zur Folge hatte. Sie »vurde durch die freimüthige! Erklärung eingeleitet: „Ich bin kein lebensfreudiger Hellene niehr, der ans trübsinnige Nazarener heiter herablächelt — ich bin nur ein Jude, ein armer, todtkranker Jude, ein abgezehrtes Bild des Janimers, ein »»»glücklicher Mensch!" Diese »nerk- »vürdige Umrvandlung hatte schon in den ersten Tagen seiner Krankheit begonnen, aber sie »var nicht allein durch diese bediirgt. Einen» Freunde, der ihn» erzählte, daß man viel von seiner Bekehrung rede, ja sogar behaupte, daß er sich »vieder dem Judenthuu» zugeivendet habe, antwortete Heine damals »»'örtlich: „Ich »»rache kein Hehl ans meinen» Judenthum, zu den» ich nicht zurückgekehrt bin, da ich es niemals verlassen hatte. Ich habe mich nicht taufen lassen aus Haß gegen das Judenthmn; mit meinen» Atheismus ist es »nir niemals ernst geivesen. Das Elend der Menschen ist zu groß, man muß glauben!" Ein getreues Bild dieser Wandlung bieten die beiden Ha»»pt»verke seiner dritten Lebensperiode, der „Romanzero" und die „Geständnisse". In dem Nachwort zum Ronianzero erklärte er, daß er Friede»» gemacht habe »nit Gott und der Welt. Aber auch mit dein Judenthum. Denn treuer und liebenswürdiger, feiner und sinniger hat Niemand die jüdischen Gebräuche, die jüdische»» Dichter und Denker geschildert als er in seinen „Hebräischen Melodien", und wenn hie und da auch selbst noch in dieser Gedichtsaminlrmg ein Ton des Spottes, ein bitterer Scherz »nit unterläuft, so davf inan die Grundnatur des Dichters nicht vergessen, bei dein das Därnonische mit dem Genialen eng verknüpft war. In -seinen „Geständniffen" schweigen auch selbst diese Töne, und »vir vernehmen nur die Stimme ernster Umkehr, wahrer Reue. I»» den Tagen seiner Krankheit hatte der Dichter nach einem Heilniittel gesucht, um sich von seinen eigenen Schmerzen u»»d Seelenkämpfen z»» retten, und er fand — die Bibel. In wehmnthiger Freude kehrte er zu den Erinnerungen seiner Jugend zurück und zu jenen» Gottesglanben, der das Grundprinzip des Judenthums ist. Die Trostsprüche der Psalmen, die erhabe»»en Worte der Propheten zogen ihn »nächtig an und füllten seine Seele mit großen Gedanken. Ma»> darf dabei nicht vergessen, daß die religiöse Un»»vandl»»ng Heines nichts von jenen» pathologischen Beigeschmack an sich hat, den solche Bekehrungen auf den» Sterbebette aus Furcht vor de»»» Tode geivöhnlich an sich tragen. Niemals stand er auf einer höheren Warte, niemals war sein Geist klarer und schärfer als in den Tatzen, wo er die „Geständnisse", de»» „Roinanzero" und jenes Testaine»»t schrieb, das das allein geltende ist. Dieses Testainent beginnt mit den Worten: „Ich sterbe, glaubend an einen einzigen Gott, den ewigen Schöpfer der Welt, deffen Barmherzigkeit ich anrufe für meine unsterbliche Seele. Ich bedauere, in meinen Schriften zuweilen von heiligen Dingen ohne die ihnen schuldige Ehrfurcht gesprochen zu haben, aber ich »vurde hierbei »veit niehr durch den Geist »»»eines Zeitalters als durch meine eigene Neigung sortgeriffen. Wenn ich univissentlich die gntenSitten und dieMoral beleidigt habe, welche das »vahre Wesen aller monotheistischen Lehren find, so bitte ich Dich, o »nein Gott, und die Menschen um Verzeihung." Es wird »vohl kaum Jenrand zu bestreiten »vagen, daß der Dichter mit diesem Bekenntniß zu der Religion seiner Väter zurückgekehrt sei. Er »var ein Jude, inbem er einen einigeinziger» lebendigen Gott bekannte. Dieser Glaube war immer der Grundgedanke des Juden thnms, für de»» seine Bekenner gekämpft und gelitten, a»» den» sie sich erquickt und getröstet! haben; selbst in einer Zeit, da die Ritual- und Cerenionialgesetze in weit höherer Achtung standen als heute und als »veit verbindlicher betrachtet »vurden, sagten die alten Lehrer: „Der heißt in Wahrheit ein Jude, i»>er den Götzendienst abweist und dem einzigen Gotte keine andere Macht zugesellt." Die erleuchteten Lehrer des Talmud aber gingen noch weiter, indem sie sagten: „Auf den Platz, den die reumüthig Zurückkehrenden einnehmen, dürfen nicht einmal die untadelig Fromme»» Anspruch machen." Es ist ein Bild von räthselhafter Schönheit, das uns vor die Seele tritt, indem »vir dieses Dichterleben mit seinen Känipfen und Leiden, mit seinen Idealen und Verirrungen Noch einmal überblicke»». Was Heine gefehlt, das hat er reichlich abgebüßt. Aber es ist unwahr, daß er kein edler Mensch geivesen sei, es ist unwahr, daß er kein deutscher Patriot geivesen. Sein Spott hat niemals jene Ideen getroffen, die eine kostbare Errungenschaft der Menschheit find und für die er selbst so viel gestritten und gelitten hat. Und so, meinen wir, darf das Judenthuu» an seinem Ehrentage mit Genugthuung ans den verlorenen Sohn zurückblicken, der den» Stamme, aus dem er hervorgegangen, zur Ehre gereicht, der die iniiigsten deutschen Lieder gesungen und deutscher Art und deutschein Geiste den seiner Glaubensgemeinde vermählt hat. In der schauerlichen Tragödie der Matratzengruft, wo sein Geist ihrn die entsetzlichsten Bilder vorspiegelte, war es oft für ihr» eine der furchtbarsten Vorstellungen, daß irgend eine arnie alte Frau in der Winkel-

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