Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 49 (8.12.1899)
- Date
- 1899-12-08
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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63. Jahrgang. Nr. 49 Berlin, 8. Mezrrnber 1899.?U er iti fiter d, i*p & n i* (r >e s it h v v e s t r i 1 Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von NadLiner Dr Ludwig Philippson-Äonn. Vertags-Erpedition: Äeriin, Äerufalemerstr. 48/49. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redacteur: Gustav Karpeles. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Moste, Berlin. 3ltl)ltlt« Leitartikel r Heinrich Heine. — Die Woche. — Die nationalen Kommunalwahlen. — Brief aus Meran. Von R. Berger. — An des Jahrhunderts Neige. Von Dr. S. Carpin. — Der religiöse Optimismus. IV. Von Prof. Dr. Ludwig Stein. — Feuilleton: Eifernde Liebe. II. Eine Erzählung von I. Z a n g w i l l. — Litteraturberichte. Von Dr. M. K a h s e r l i n g. Der Gerneindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Hamburg, Burgsteinfurt, München, Stuttgart, Wien, Riga, Melbourne. — Bon Rad und Fern. — Sprechsaal. Heinrich Heine. Berlin, 7. Dezember. Sn dem Augenblick, wo die gesummte Kulturwelt sich anschickt, das Anderlken Heinrich Heines zu feiern, zu seinem 100. Geburtstage, tritt auch an uns die Aufgabe heran, Stellung zu diesem dichterischen Phänomen zu nehmen, die Akten seines Lebensprozesses, wie sie jetzt vorliegen, einer gellauen Revision zu unterziehen und, nach denl Ausfall dieser, Stellung zu Heinrich Heine zu nehmelr. Haben wir ein Recht oder gar eine Pflicht, uns auf Heine, als auf einen Sohn unseres Stallimes zu berufen, und das Erbe, das er uns Hintersassen, lvenn cmd^ cunrbeiiificio inventarii, allzutreten? Es versteht sich von selbst, daß diese Frage hier nur vom religiösen illid politischell, aber nicht vom litterarischen Standpunkt beantwortet werden kann. Aber die Allgemeine Zeitung des Jndenthums hat wohl ein besonderes Recht darauf, die Beantwortung dieser Frage anzuregen. Bon ihrem ersten Anfang an hat sie die dichterische Entwickelung Heines bis zu seinem Tode begleitet und die Stellling des Judenthums zu jeder einzelnen Phase dieses Lebens genau präzisirt. So darf sie nunmehr wohl auch die Summe dieser Betrachtuugelr in einem abschließenden Urtheil ziehen. Durch die Forschungen des sel. Professors Dr. David Kaufmann ist erst nachgewiesen, daß Heine aus einer alten, den Traditionen des Judenthums treu ergebenen Familie stammte. Männer und Frauen dieser Familie werden in den Memorbüchern der angesehensten jüdischen Familien anl Rhein in hohen Ehren gellannt. Im elterlichen Hause lvurde, auch das ist inzwischen nachgewiesen, ein religiöses Leben geführt: die Feste und Ceremollien wurden beobachtet, die Kinder erhielten jüdischen Unterricht. Die Erinnerungen der Jugendzeit blieben auch in der Seele des Dichters hasten. Als er später nach Berlin kanl, zogen ihn vor allein die Bestrebungen des „Vereins für Kultur rnld Wissenschaft der Juden" an; während der vier Jahre seines Bestandes war Heine eines der eifrigsten Mitglieder des Vereins. Er unterrichtete in der Lehranstalt arme, polnische Knaben mehrere Male in der Woche, er wohnte regelmäßig allen Sitzungen bei, führte zum Theil die Protokolle und lieferte sogar einmal einen ausführlichen Bericht über die Bestrebungen, die Kulturzwecke des Vereins in der Familie durch die Frauen zu fördern und ein Religionsbuch für die israelitische Jugend auszuarbeiten. Die Angelegenheiten des Judenthums, die Bestrebungen der Reform fesselten ihn in hohem Grade. Mit großem Scharfblick erkannte er schon damals den Fehler, der darin lag, den Neubau eines Hauses mit der Reparatur des Daches zu beginnen. In jener Zeit schrieb Heine sein großes Drama „Almansor", dessen tiefere Tendenz zweifellos gegen die überhandnehmeude Taufwuth gerichtet ist. Damals hielt Heine das Judenthum noch nicht für eine, längst verlorene Sache wie später in den Tagen seines Uebermuths. Den Gott des Judenthums hatten ihm Hegel und dessen Schüler allerdings wegphilosophirt; von dern Lehrinhalt der jüdischen Religion hatte er mu ungenaue Kenntniß, aber das historische Stammesbewußtsein lebte mächtig in seiner Seele. Er hatte sich den Berjüngungsprozeß wohl anders gegedacht, als jene Flachköpfe, die ihn, weil ihnen seine geistige Kraft gefährlich wurde, zu verlästern suchten. \ Wenn man das Räthsel der geistigen Eigenart Heines verstehen will, so muß man auf seine jüdische Vergangenheit, auf fein geschichtliches Stammesbewußtsein zurückgreifen. Viele Elemente seines Wesens: seine scharf ausgeprägte Subjektivität, sein Humor, sein Weltschmerz weisen vielfach auf verwandte Erscheinungen innerhalb des jüdischen Geisteslebens zurück. In seinem „Rabbi von Bacharach" wollte er ein Denkmal seiner Liebe zum Judenthum liefern. Es sollte ein unsterblich Buch werden, weil es aus der Liebe hervvrgegangen war und nicht aus eitler Ruhmbegier. Der uns erhaltene Torso rechtfertigt völlkommen das Selbstgefühl, mit welchem Heine sich über den Werth dieser Arbeit äußerte. Man wird wohl nicht fehl gehen, wenn man die mehr als bedauerliche Thatsache, daß er das Werk nicht vollendete, dem unseligen Schritte zuschreibt, der weder für Heine, noch für die kirchliche Gemeinschaft, in die er dem Namen nach eintrat, von dem geringsten Nutzen gewesen ist. Wie er über die Taufe dachte, ist allgemein bekannt. Es sei fern von uns, die Angriffe zu billigen, die er bei diesem und auch bei späteren Anlässen gegen das Christenthum gerichtet hat, dessen weltgeschichtliche Sendung und dessen ethischen Lehrgehalt er nicht zu würdigen verstanden hat. Ueber seine Taufe selbst ist das charakteristischste Wort in einem Briefe an seinen Meund Moses Moser enthalten: „Ist es nicht närrisch? Kaum bin ich. getauft, so werde ich als Jude verschrieen ... ich bin! ■i d