Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 48 (1.12.1899)
- Date
- 1899-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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63. Jahrgang, fflr. 48. Lerlin. 1. Dezember 18951. Wsikcrge zurr „Mtgemeinen Zeitung des Iuöenthurns". Korresponderrzen und Nachrichten. Deutschland. 8. Berlin, 24. November. In der hiesigen Gernemde stehen die Neuwahlen zürn Gern eindevorstande im Vordergründe des Interesses. Aus der Reihe der Aeltesten scheiden aus die Herren Justizrath Meyer. Dr. Edmrrnd Lochmanrr. Geh. Sanitätsrath Dr. Boas und Wilhelm Go! dschmidt, aus der Zahl der Stellvertreter Herr Solrnitz. Die zur Vorberathung dieser Ailgelegerrhert bereits im September eingesetzte Komrnission hat kürzlich irr einer geheimen Sitzurrg Bericht erstattet, und die Neuwahl ist nunmehr ans die Tagesordnung der nächsten öffentlichen Repräserrtantensitzrrng. welche auf den 3. Dezember arrberarrmt ist, gesetzt worden. Soweit wir über die Stimmung in Repräseutautenkreiseu unterrichtet sind, gilt die Wiederwahl der Herren Jnstizrath Meyer und Dr. Lachmauu als gesichert; als wahrscheinlich auch die des Herrn Solmitz, während die Wiederwahl des Herr»» G ol d schm idt zweifelhaft erscheint. Für Herrn Geh. Sanitätsrath Dr. Boas dürfte es zur Neuwahl komme»», da derselbe, wie wir ans sicherer Q»»ette vernehmen^ entschlossen sein soll, das Amt ei»,es Vorstandsmitgliedes nicht »nieder zu übernehmen. Zur Wahl von Vorstandsmitgliedern und derer» Stellvertretern ist die Anwesenheit von mindestens 14 Repräsentanter» erforderlich. Ist dies nicht der Fall, so ist die Wahl auf eine andere Sitzung zu vertagen. Diw ans dieser Sitzung hervorgehende Wahl ist giltig. »venn nnndestens 11 Mitglieder anlvesend si»»d. Die Wahl erfolgt durch Stimmzettel und in getrennten Wahlhandlungen. Die Einführung und Verpflichtung der neu- resp. wiedergervählteu Vorstandsruitglieder erfolgt erst nach Gerrehmignng der Wahl seitens der Aufsichtsbehörde. Die ansscheidenden Mitglieder bleiben bis zur Einsührrmg der neuen Mitglieder im Amt. F*. Berlin, 28. Noveruber. Vorn Kuratorium der Pens io ns-, Wi t t,t) e u u n b W a ife rr ka ss e d es Verbandes d er jü d »scheu Lehrervereine in» Deutschen Reiche erhalten »vjr die Mittheilungdaß, nachdem die Kasse soeben die landesherrliche Genehttligung erhalten hat, dieselbe voraussichtlich am 1. Januar u. I. ins Leben treten wird. S£g Berlit», 28. November. Die Berliner Stadtver - o r d n e t e u versa »»»m l u n g hat nunmehr zwei Antisemiten in ihrer Mitte. In der Nachwahl am 27, d. M. wurde Rechtsanwalt Ul r i ch mit 1925 Stirn »nerr gegen den Expedienten Glocke (soz.), der nur 1099 Stimmen erhielt, gewählt. An» ersten Wahltag erhielt Rentier Herold' (lib.) 654, Glocke 805. Ulrich 814 Stirnmen. Der .'Letztere hat also diesmal über 1100 Stimmen erhalten — und zwar, auch von vielen Liberalen! Herr Ulrich aber ist sogar Antisemiterrführer. Ein Kommentar zu diesen Leistungen des BezrrksvereinsliberalisnruS erscheint rnmöthig. 22 Berlin, 27. Noveruber. Jur V e r e l r» ftt r j ü d i s ch e Geschichte u n d L i t t e r a t u r hielt Herr Rabbiner Dr. Pick am 21. d. M. im großen Saale des Architektenhauses einen sehr interessailteu Vortrag über: „Die Sitteule h re d es R. B a ch ja den Joses Jbn Pekuda." Der Vortragerrde »vars zunächst einen Serteilblick auf die Ethik der alten griechischen Philosophen, um darzuthun, daß dieselben als Zweck Her sittlichen Führung die Glückseligkeit des Menschen ausgestellt. Die jüdische Ethik des Mittelalters, speziell die ihres vorriehmlichsten Vertreters, des R. Bachja ben Josef jn seinem Werke: „Die Lehre vor» den Herzenspflichten" betone dem gegenüber bei der Pflichtübung die innere Gesinnung, die Lauterkeit des Beweggrundes, das Gute nur des Guten willen zu thurr. Die Wahrnehmung dieses Sittenideals wird durch drei Momente verdunkelt: durch Selbstsucht und Eigenliebe, die nicht nur in den». waß sie besitzt, keine Befriedigung findet, sondern auch darüber sich gekränkt fühlt, was und weil Andere besitzen; ferner durch die Gewohnheit, die den Sinn abstumpft und zur Erkermtnrß der Wirkungen Gottes nicht gelangt, zum Dritten durch böse Erfahrungen, die der Mensch an sich und an Anderen macht, zumal durch den Weltschmerz, der edle^Seele», niederdrückt — obschorr diese üblen Ersahrnngerr nöthrg sind, um die Menschen gerade auf Gott hinzulenken, um ihre Abhäugigkeit^don ihm zu erkennen und ihre Herzen zu gegenseitiger Liebe zu erschließen. Aus dem Sitterrideal in Gott erlangen wir die moralische Freiheit, wodurch wir uns fern halten von allein Hochuruth und Uebermnth gegen die Schwächeren und Miüderbegünstigten. andererseits von Heuchelei und Servilisnrns gegen die Starken und Mächtigen, und die sich bei gewissenhafter Pflichtersüttnng besonders äußert in denr Gleich muth gegeir Lob urrd Tadel der Menschen, in der Gewissensfurcht und Scham vor der leisesten Verletzung des Sittenideals, das der Merrsch irr seiner Seele trägt. Daraus ergiebt sich die Erkenntrriß sittlich solidarischer Gegenseitigkeit der Menscher» unter einander. Denn die Menschen gleiche»» nach Bachja einer Karawane, die durch die Wüste zieht. Der Einzelne, der drrrch die Wüste zöge, müßte verkommen, inderrr sich aber Viele znsammenthurr und sich freundlich enrander beistehen. komnrerr sie Alle zusammen ans Ziel; so sollen die Menschen nach dem Worte der Schrift: „Du sollst lieben derrren Nächsten wie dich selbst", sich gegenseitig als Ge»»osse»r und Brüder betrachten, die Gott zu enrander gefügt, um mit einarrder liebend itiib helfend durchs Leben zu schreiten. Der Vortrag fand allgemeinen Beifall. g. Berlin, 27. November. Eine dankenswerthe Eiurichtirng. um her augenblicklichen Roth. die sich oft am meisten fühlbar macht, ab^uhelfer», noch bevor die diesbezüglichen Recherchen mrternomnren Md die Gesuche erledigt sind, hat der „ Israelrtische Fra n e n - Ü n t e r st ntzurrgs - Vere i»»" getroffen, indem er von» 1. Dezember ab eirr.Bürean Wallnertheaterstr. 30. Hof parterre, errichtet, in rvelchem täglich 12—1 Uhr zwei Vorstandsdamen anwesend sein werden. Dem erfahrenen Urtheile dieser Damen »vird es überlasserr bleiben, sofort Änweisurrgen aus Lebensnrittel. in seltenen Fällen auch Baarmittel zu verabfolgen, schleunigste Recherchen anznordnerr oder die Bittsteller auf den gewöhrrlichen Geschäftsgairg, den Beschluß des Vorstandes, zu verweisen. Der Israelitische Frauerr-Urrterstützrrugs-Verein, dern weit über 1600 Damen als zahlende Mitglieder arrgehörerr, hofft mit dieser Einrichtung einen Schritt weiter zur Liliderurrg des unter der jüdischen Bevölkerung herrschenden großer» Elends gethan zu haben. Der Vorstand. dessen Mitglieder zur Entgegennahme von Sperrden und Ertheilung von Auskünften gern bereit sind, besteht ans den Damen: Frau Fanny Arndt, Sophie Alterthmn. Flora Baumann, Valesca Bodlcrender. Emma Eloesfer, Henriette Feldrrrann, Sophie Graetz. Johanna Hirschlaff, Luise Jacobtz. Marie Jaffö. Clara Jordan. Dr. Anna Karpeles. Clenrentirre Kahser, Henriette Lehfeld, Recha Leroy, Toni Lichtenstein, Henriette May, Martha Neunrann, Bianca Schätzer, Cecile Steinitz, Emma Stern. O. Strauß. Dr. Elise Weiße. Doris Wiener und den Herren: I. Weinberg, Wasserthorstr. 50, als Vorsitzender, Martin Fernhgch als Schriftführer und H. Benjamin als Rendant. 22 Berlin, 28. November. Am 27.. d. feierten der Geheime Kommerzienrath B e n j a m i n L i e b e r rn a u n und Frau in voller Rüstigkeit die seltene Feier , der diarnantenen Hochzeit. Herr Liebernrann wurde bei Begründung des Deutsche»» Handelstages zu desseir erstem Präsiderrterr ernannt und gehörte lange Zeit dem Berliner Aelleste,»- kollegirrrlr eine Zeit lang als Vizepräsident an. Die „Gesellschaft der Freunde" hier hat ihn zu ihren» Ehre»»präsiderrtett ernannt, und. auch .an sonstigen öfferrtlrche»» und insbeso»»dere WohlthätigkeitsarrstaltLN ninmrt das Ehepaar noch heute lebyaste»» Antheil. Am Jubellag desselben gab sich daher in weite»» Kreisen ein herzliches Interesse knr,d. Feier fand indes; »rur im engsten Fa»»rilienkreise statt, : - Berlin, 26. November. Der Schriftstelleri»» Frl. Jer»ny Hirsch wurden gestern zum 70. Gebrrrtstag marrcherlei. Ehrungen zu theil. Die Kaiserin Friedrich sairdte mit .einenr h»ildvollen und a»rerkerrnenden Schreiben die silber»»e Medaille mit ihren» Relief hi ld und dem deutscher» Wappen auf dem Revers. Ein Komitee der Frenndiiilren,