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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-12-01 · Heft 48 (1.12.1899) · p. Seite 576

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 48 (1.12.1899)
Date
1899-12-01
Page
Seite 576 (sequence 12)
Language
German
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57.6 nur an den 88. Psalm, und dann muh ich weinen: „Meine Gestalt ist jämmerlich vor Elend, Herr! Ich rufe Dich g>E» täglich, ich breite meine Hände aus zu Dir! Freunde und" Nächste und meine Verwandten halten sich ferne von mir? um solches Elendes willen!" Ja, ich war noch ein Kind, alif ich nach Königsberg gehen mußte zu einem Doktor, der mir das Bein abgenommen hat." Rebekkas Antlitz glühte vor innerer Erregung. " „Seid ruhig." flüsterte die Zwergin und blickte warnend nach eiiiein Bette hin, auf welchem eine blasse, hagere Frau sich ruhelos mit geschlossenen Augen hin- und herwarf. •< „Die versteht kein Englisch," sagte die Russin stolz. „Glaube das nur nicht. Sieh nurwie schnell die Schwestern unser Jüdisch gelernt haben." Rebekka schüttelte den Kopf: „Sarah ist eine Polin," sagte sie, „und die Polen können viele Jahre hier leben und lernen doch nichts." „Ich bin krank, krank, krank!" schrie eine alte, zusannnengeschrumpfte, polnische Großmutter in Deutsch als ob sie Rebekkas Meinung bestätigen wollte. Sie hockte wie ein Affe auf ihrem Bett und zankte den ganzen Tag mit den Schwestern wegen der geöffneten Fenster: sie haßte frische Luft über alles: Gleich nach ihrem Klagen drang entsetzliches Geschrei aus einem, anstoßenden Zimmer, gleichsam um deii Besucher zu überzeugen, daß er sich iricht in einem „Barnumffchen Museum" befände, sondern daß alle diese Monstrositäten lebend und echt waren. Die hübsche, junge Schwester Margarethe, noch nicht an diese Szenen des Elends gewöhnt, war von Mitleid ergriffen, als vor ihr das aschfarbige, schweißtriefende Gesicht der schlagflüssigei» Kranken anftanchte, welche zitternd in den;, großen Lehnstuhl saß. Ihre unförmig geschwollenen Hände ruhten aus Luftkissen, ihr ganzer Körper war von unsäglichen Schmerzen gemartert; sie schien ohne alle Verbindung mit der Außenwelt; und doch war sie krankhaft argwöhnisch, daß ein. langsam tödtendes Gift in ihre Speise gemischt würde und fluchte mit unheimlicher Energie Allen, die ihr nahe kamen. . Sarah hatte unterdessen ruhig und schweigend gelegen, ihr weißes, leidenschaftsloses Antlitz verrieth nicht das verzehrend- Feuer, das in ihrem Innern wogte. Sie hatte ein ernstes Gesicht, das Spuren früherer Schönheit trug. Sie schien allein und verlassen unter deu Kranken, allein und verlassen, wie ihr ganzes Leben war. Ihre Jugend hatte sie in dem Warschauer Ghetto zugebracht, wo sie sich vor neunzehn Jahren, als sie kaum ihr sechzehntes Jahr erreicht, verheirathet hatte. Ihr einziger Sohn, ein junger Mann, auf den die englische Umgebung keinen wohlthuendey Einfluß gehabt, war schon vor einigen Jahre»« nach Südafrika gegangen. Um dort mit den Kaffern zu handeln. Ihr Mann hatte sie jetzt seit vierzehn Tagen nicht besucht. Als die Besucher der Kranken endlich eingelasse»» wurdech verschwand Sarahs Gleichgiltigkeit; sie hatte sich auf die Seite ihres Körpers, welcher nicht gelähmt >var, gestützt und saß; so gut sie es koimte, aufrecht. Aber nach und nach verlor sich alles Interesse aus ihren großen, grauen Augen. Es war ein Gesumme von Stimmen in dem Saal: das wasserköpfige Mädchen wqx der Mittelpunkt einer lustigen, ausgelassenen Gruppe; die alte polnische Groß»nutter fluchte ihren Enkeln» »veil sie nicht kamen, und schalt ihnen, »venn sie da. ivareir. Jeder hatte seine»» Bestich, de»» er küssen oder mit den» er sich auszanken ko»»nte. Einige ihrer Bekanirten näherten sich Sarahs Schmerzenslager, aber sie »var zu stolz, um diese nach ihrem Manne zu frage«; die bedeutungsvollen Blicke, die in der Richtung ihres Bettes gesandt wurden, trafen sie wir glühende Pfeile. Sie bat eine der Schwestern, einen Schirm um ihr Bett zu stellen, der sie vor den neugierigen Blicken der Besuchenden schützen sollte: ihr Mann, wenn er kam, würde sie schon zu fiyden wissen. . , . „Wehe mir! wehe mir!" jannnerte die alte polnische Großmutter, „»velche Sünde»» habe ich begangen, daß ich den Fluch solcher Enkelkinder, tragen »nuß. - Ihr kommt blos her, um zn sehen, ob die alte Großmutter schon todt ist. — Ach! Ich bin so krank, so krank, so krank!" Die Dämmerung brach herein; die weißen, verloffenen Betten sähe»» geisterhaft aus in den» dunkelnden Zwielicht. — Jetzt »var der letzte Bes»»cher fortgegangen. Sarahs Mann »var nicht gekommen. — „Er ist vielleicht nicht wohl." sagte Schtvester Margarethe in ihren» besten Jüdisch, „oder er ist von seiner Arbeit zu sehr in Anspruch genommen. Frau Kretznow. Es giebt jetzt genug z»» thun, die Geschäfte gehen sehr gut." Sie u»»d Sarah »varen die Einzigen in der Anstalt, die von der Kretznow'schen Skandalgeschichte nichts wußte«; ihre Jugend und ihr sanfter, jungfräulicher Charakter hatten die junge Schtvester dagegen geschützt. „Er hätte schreiben können," erwiederte Sarah voller Bitterkeit, „aber er ist meiner überdrüssig. - Ich liege hier jetzt über ein Jahr, der Fluch Hiobs lastet auf mir." „Söll ich ihm . . . schreiben?" fragte Schwester Margarethe zögernd, „Nein! Er sollte hören, daß ich an seinem Herze»» anklopfe." „Aber!" — fuhr Schwester Margarethe leiser fort. . „Laß mich in Frieden," schrie die Kranke wie ein verrvundetes Thier. . Die Oberin berührte sanft den Arm der jungen Schtvester und zog sie n»it sich fort. „Ich werde ihn» schreiben," flüsterte sie. Die Nacht kan», aber kein Schsaf für Sarah. Sie warf sich unruhig hi« und her aus ihrem einsamen Schmerzenslager. Ihr Mann konnte sie sicherlich nicht vergessen haben; sie würde »licht so bis zi» ihrem Tode liegen, bis zum Tode, der noch so weit entfernt war. Ihr starkes religiöses Gefühl verbot ihr den Tod herbeiznwünschen; sie war in die Anstalt gegangen, um ihren» Mantte den Anblick ihrer Leiden zu ersparen; sollte sie nun für immer vo»» ihn» geschieden sein? Sollte sie sich nie mehr an dem Anblick seiner Kraft erfreuen können? (Forts, folgt.) . Fitterarische Mitteilungen. — Bernhard Münz: Moritz Lazarus. (Berlin 1900. Ferd. Dümmler.) Eine Festschrift zur Feier des fünfzigjährigen Doktorjubiläums ist diese Arbeit unseres geschätzten Mitarbeiters weit über den Nahmen herausgewachsen, den sie sich gesteckt. Sie ist eine Biographie von Lazarus geworden. In objektiver Weise, mit Sachkenntniß und Geschmack schildert der Verfasser das Leben und Schaffen des gefeierten Denkers. Er führt uns alle seine epochemachenden Werke auf den verschiedenen Gebieten der Wiffen schaff im Einzelnen vor. er analysirt die philosophische und religiöse Weltanschauung von Lazarus auf Grund dieser Schriften und entwirft uns so ein vortreffliches Gesammtbild dieser vorragenden Erscheinung. das Jeden fesseln wird, der es aufmerksam betrachtet. Hoffentlich fehlt es dieser anregenden Schrift nicht an vielen solcher aufmerksamen Leser. Druck und Verlag von R u d o l s1 o f f e in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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