Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 48 (1.12.1899)
- Date
- 1899-12-01
- Page
- Seite 575 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 87% known words query
- IRI
…/3224737-3228311-3228360--55972-3292228- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Wer Hat nurr vor dem Forum der Geschichke recht bekommen? Der Buddhismus, oder lmser Kultursystem? Die grundsätzliche Lebensverneinnng und Weltflucht des Pessimismus, oder die Natur- und WeltfrPidigkeit des religiösen Optimismus? Welcher Meuschentypus ifl der Sinn der Geschichte? Die himmelnden Memmen und zerflossenen Mollusken der Tschandala-Religionen, welche vor jedem Windhauch europäischer Thatkxaft in nichts * zerstieben, oder der optimistisch gerichtete Mosaismus, welcher durch seine beiden Tochterreligionen, das Christeuthum uneben Mohamedanismus, thatsächlich die Weltherrschaft errungen hat? Und lrrögen sich die Töchter zuweilen noch so sehr gegen die religiöse Stammmutter aufleh^^en, so ist dies nur ein Familienzwist, der vollständig zurücktritt, sobald es sich um andere * Kultursysteme handelt. Wie in-der Familie einzelne Glieder sich befehden, solange sie unter einander sind, aber sofort geschlossen einig gehen, sobald es sich um gemeinsame Interessen der Familie nach apßen handelt; wie in den Bölkerfaiiiilien partiknlaristische Zäukereiell zwischen Nord und Süd in Friedenszeiten hervortreten, aber sofort verschwinden, sobald es gilt, gegen den gemeinsamen Erbfeilld zu kämpfen, so verhält sich's auch mit beit Religionsfamilien. Die drei nlolrotheistischen Religionen mögen unter einander gar manchen Familienzwist auszrlfechten haben — und leider sind ja die Bitternisse der Familienstreitigkeiteil in der Regel die peinlichsten —, sobald es gegen den Erbfeind des Lebens, gegen ben religiösen Pessittlislnus, geht, stehen wir Alle in Reih uub Glied zusanlmen. An buddhistischen Jnvasionell hat es freilich keiner der drei monotheistischen Religionen gefehlt. Seitdem Alexander der Große die kultnrliche Verbindung herstellte — vorn vierten vorchristlichen Jahrhulldert ab — sickert nämlich die lebensfeindliche Lehre des Buddhismus gleicherweise in den Hellenismus wie in den Atosaismus hinüber. In der älexandriuischen Philosophie der Griechen, insbesondere im Neuplatoursmus. hat sich der pessimistisch-buddhistische Bacillus ganz bedenklich eingenistet. Ebenso bilden sich im Mosaismus asketisch gestimmte Sekten heraus wie die der Essener ans palästinensischem, sowie die der Therapeuten auf alexandrinischem Boden. Aber diese Sekten werden zum Glück sözialpsychisch resorbirt; sie greifen nicht tief in die Volksseele ein. Die buddhistische Invasion erscheint hier lokalisirt, auf einen ungefährlichen Herd eingedämmt, wohl weil die optimistischen Instinkte gegen diese pessimistischen Eindringlinge gleichsam immunisirt erscheinen. Wie mit den pessimistisch gestimmten Sekteil, fo ergeht^s auch dem Mosaismus mit seinen pessimistisch gerichteten Büchern. Das Buch Hiob, das Grundbuch des Pessimismus, ist eingeschmuggeltes Fremdprodukt, ebenso wie der Prediger Saiomonis ganz und gar in die Tinten der buddhisirenden Hellenistik getaucht ist. Und selbst da bricht die unverwüstliche Lebeusenergie des Mosaismus wie eruptiv in beu Worten hervor: „Besser eilt lebender Hund als ein todter Löwe Xl, 4, 6." Die optimistischen Instinkte wehren sich mit aller Kraft und Macht gegen den alle Lebensfrische vergiftenden, ertödtenden Buddhismus, und diese Instinkte haben vor der obersten Instanz der Geschichte recht behalten. Denn der vollständige Niedergang und Zerfall der beiden ältesten Kultursysteme — Indiens und Chinas beweist uns klärlich, daß religiöser Pessimismus gleichbedeutend ist mit Völker- Selbstmord. EUILLETON rL. mnv Eifernde Liebe. Eine Erzählung von I. Za »gwill. u dem kleinen Krankenhanse herrschte eine erregte Stimnimig. Es war der Tag, an welchem die Kranken ihre Freunde und Verwandten empfangen durften, und man erwartete sie in wenigen Minnten. Die Unglücklichen sollten bald die letzten Neuigkeiten ans dem Ghetto hören. Selbst für diese elenden, gebrochenen Wesen besaß das Leben noch viel Anziehendes; sie hungerten nach Neuigkeiten und Klatschereien aus ihren früheren Kreisen. Die Anstalt war nnansehnlich, klein; zwei Eckhäuser, die mit einander verbunden waren, in einem elenden, ärmlichen Viertel des östlichen London; die Anstalt wurde hauptsächlich durch wöchentliche Beiträge vo» einigen Pence von den Armen selbst erhalten. Fallsüchtige. Gelähmte, Rückenmarkkranke und andere hoffnungslos Leidende fanden hier freundliche und theiliiahuivolle Aufnahme. Den armen Kranke» fehlte hier in der That nichts weiter als eben die Gesundheit. Sie hatten sogar eine kleine Synagoge, so daß auch ihren religiösen Bedürfnissen Genüge geschah. Für die Frauen war eine besondere Abtheilung eingerichtet, als ob diese unglücklichen Leidenden sich noch gegenseitig stören könnte». Die lustige, kleine, fallsüchtige Lea mit dem Wasserkopf hatte ihren Stuhl in die Männerabtheilung hinuntertragen lassen und kokettirte mit dem blinden, tauben Manu, der die Blindenbibel auswendig kannte und ernsthaft und ruhig, wie der heilige Autouius, weiterlas. Der schwachköpfige Moses hatte sich tu das Dameuzimmer hineingemacht und machte, ohne sich um die frommen Schwestern mit ihren kleidsamen, iveißen Mützen und Schürzen ztt bekümmern, einem entsetzlichen, Schrecken einflößenden Krüppel mit einer Habichtsnase, die hauptsächlich dazu geutacht schien, eine große, rmtde Hornbrille zu tragen, die Cour. Wie die meistett der Patienten, war auch diese ansgestandeit und hatte eine dem festlichen Tage entsprechende Toilette gemacht. „Lea sagt, sie würde sich glücklich schätzen, wenn sie so wie Dtt gehen könnte," sagte MoseS in schmeichlerischem Tone. „Sie sagt Zimmer, Milly kattu so wunderschön gehen; sie kamt die ganze Länge des Gartens hin und zurück gehen." Ans Millys bleichem, abgeinagertem Gesicht spiegelte sich ein mitleiderregeitdes Lächeln dankbarer Atterketttlung. „Rebekka, Du weinst schon wieder," sagte eine schwarzäugige Zwergin, als sie die verwelkte Hand ihrer Freundin in die ihrige nahm, „Du bist wieder ganz traurig, Rebekka; Dein Buch ist ganz naß vori Deinen Thräneit." „Nein! Ich bin gar nicht traurig," envirderte die blasse Russiit mit ben großen, melancholischen Augen. „Du mußt nicht glauben, daß ich weine, weil ich nicht glücklich bin. Wenn ich traurige Geschichten lese, traurig und hoffnungslos, wie mein eigenes Leben, dann sühle ich mich glücklich." „ - Die Zwergin lächelte mit nnglänbiger Miene: „O. ich glaubte, Du weintest, weil D» an Deine Liebesgeschichten dachtest." „Ich," sagte Rebekka, „ich habe mein Bein zu früh verloren, um Liebesgedanken gehabt zu habe». Nein, ich denke