Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 48 (1.12.1899)
- Date
- 1899-12-01
- Page
- Seite 574 (sequence 10)
- Language
- German
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peräments über den Mosaismus aus, weil dieser das Leben ' energisch bejaht, also jenem religiösen Optimismus huldigt, de»six Schopenhauer für den Inbegriff aller „Verruchtheit" erklärt^ Lessings Vorwurf, wenn es überhaupt ein solcher ist, trifft nur! zum Theil zu, der Schopenhauers leider nicht ganz. Eine Diesseitigkeitsreligion in dem Sinne als ob sie jedem Menschen die hedonische Maxime snggerirte, möglichst viele Freuden des Daseins zu erraffen und ausznkoste», weil in seiner persönlichen Existenz der Sinn seines Lebens für ihn beschlossen sei. ist der Mosaismns sicherlich nicht. Wenn ich auch gern zugebe, daß» die Unterwelt des Mosaismns, das Scheol der Bibel, lange nicht die Rolle spielt, wie der Hades bei den Griechen und die Hölle der mittelalterlichen Kultur, wie sie sich in Dantes ewigem Gedicht so vollendet spiegelt, so übersehe man eben nicht, daß es zweierlei Jenseitigkeiten giebt: eine örtliche und eine zeitliche? Was der Mosaismus nur schwach, kaum merklich, vertritt, ist die örtliche Jenseitigkeit, das Scheol bezw. Gehinom oder auch das Paradies (Gan-Eden); was er aber um so nachdrücklicher betont, ist die zeitliche Jenseitigkeit, die Evolution, d. h. bir künftige Vervollkominnnngsfähigkeit des Menschengeschlechts: der Messianismus. Wer der Messiasidee psychologisch auf den Grund geht, der wird in ihr den zum erstenmal in der Ge-s schichte auftretenden Gedanken einer Entivickelung nach oben, eines stnfenweisei» Aufstiegs zu immer höherer Menschlichkeit,: kurzum die Idee einer zeitlichen Jenseitigkeit erblicken müssen. Jean Paul nennt einmal den Instinkt den Sinn der Zukunft. Der Mosaismus ist in Wirklichkeit die Verkörperung der-, optimistischen Grundinstinkte, des fleischgewordenen Sinnes für: die Zukunft. Alle anderen alten Kulturen haben nämlich das) „goldene Zeitalter", wie es sich in den Mythologien fast aller! Kultursysteme wiederfindet, rückwärts projizirt, in die Längst-) Vergangenheit zurückgeschoben; der Mosaismus hat es zuerst vorwärts projiziert, in die Zukunft des Menschengeschlechts hinein verlegt. Während die anderen Kultursysteine einstimmig behaupten: das „goldene Zeitalter" war einmal, erklärt das' Kultursystem des Mosaismns, das „goldene Zeitalter" wird sein. Zum wahrhaft klassischen Ausdruck gelangen diese beiden Weltanschauungen bei Ovid und Jesaias. Ovid schildert in den „Metamorphosen" in glühend poetischen Farben wie schön es einst war und wie unwiederbringlich dies alles für uns verloren ist, der Prophet Jesaias kündet dagegen (an zahlreichen Stellen, besonders Dentero-Jesaias 40) erdentrückt und verklärt, wie schön es dereinst sein wird. Der Messianismus, dessen typischer Vertreter gerade Jesaias ist, darf als der verkürzte Ausdruck der israelitischen Volksseele, als das charakteristische Merkmal des in Mosaismus und Christenthum verkörperten Kttltnrsystems angesehen werden. Der Messianismus aber fällt mit den»., was ich zeitliche Jenseitigkeit nenne, zusammen. Während nämlich der religiöse Pessimismus eine Religion der Blasirtheit, der degenerirten Instinkte, des greisenhaften Wimmerns über ein angeblich verlorenes Paradies darstellt, offenbart sich der religiöseOptimisnnis als Religion jngendfrendiger Zuversichtlichkeit, der regenerirten Instinkte, welche das vermeintliche Paradies nicht räumlich fixiren, sonder»! zeitlich in die Zukunft des in unendlicher Ent- »vickelung nach immer höheren Daseinsformen begriffenen Menschengeschlechts verlegt. Zukunftsfrendige Strömungen, »vie sie beispielsiveise die christlichen Millenarier in ihrer Hoffnung auf das tausendjährige Reich religiös darstellen oder in unseren Tagen der Sozialismus politisch repräsentirt, sosern er an die endgiltige Pacifizirung der. btzte lmmniae, an das künftige Gelingen eines gefestigten Gleichgewichts zwischen den koklidirenden Interessen der einzelnen Menschen glaubt — sie Alle sind von messianischen Gedanken durchhaucht und durchzogen, gleich »vie die jüdisch-nationale Belvegnng des Zionismus. Denn inesfianisch denkt Jeder, der optinlistische Grundinstinkte hat, der das Paradies nicht rückwärts, sondern vorwärts projizirt, der an die Velvollkoinmnungsfähigkeit des Menschengeschlechts glaubt. Man wundere sich also nicht, wenn z. B. die Begründer der sozialistischen Partei in Deutschland, Laffälle und Marx, ursprünglich ans dem Mosaismus hervorgegangen sind. Der Sozialismus ist eben politischer Messianismus; seine Richtigkeit kann ebenfo»ve»»ig mathematisch demonstrirt werden, »vie die des Optimismus selbst. Man kann ihn vielmehr wie den Optimismus nur fühlen, nur an ihn glauben. Wer nun, »vie die Bekenner der mosaischen Religio»», seit dreitausend Jahren mit optimistischen Instinkten, »nit messianischen Zukunfts- Hoffnungen planinäßig erzogen worden ist, der »vird von vornherein geneigt sein, allem zuzujauchzen, »vas den Fortschritt fördert, »vas die Menschen geistig und sittlich hebt, mit einem Worte allein, »vas Zukunft im Leibe hat. Was der große Optimist Leibniz von seiner Monade sagt, ftf feigros de l’avenir, zuknnftsschivanger, das gilt ganz besonders vom religiösen Optiniisinus; er ist zuknnftsschivanger. Er hat keine rückwärts gebogene, sondern eine vorwärts gerichtete Phantasie. Er berauscht sich nicht »vie die Roinantiker aller Zeiten andern, »vas gewesen ist, sondern an dem, »vas sein »vird; er trinkt nicht! Lethe, sondern Nektar und Ambrosia. Er schöpft nicht die ' Motive aus der Vergangenheit zu den» Zivecke. um jammernd »»nd händeringend zu wehklagen: Ach, »vie schön ist es einst gewesen, sondern er stndirt nur die Geschichte, um aus ihr zu lernen, welche Fehler man früher begangen nnd in Zukunft unbedingt zu meiden habe, damit inan frohlockend ausrufen könne: Ach, »vie schön »vird es dermaleinst fein! Haben »vir also der vergleichsrveise »vohlivollendeu Beurtheitheilnng des Mosaismns seitens Lessings das Argument entgegenzilsetzen, der Mosaismus sei ebenfalls eine Jenseititzkeitsreligion; nur stelle er alles auf zeitliche, »veniger auf räumliche Jenseitigkeit ab, so müffen »vir der übelwollenden, bösartige,» Kritik des Mosaisrnus seitens Schopenhauers entgegenhalten, sie treffe — leider — nicht ganz das Richtige. Leider, sage ich. Denn dasjenige, »vas Schopenhauer den» Mosaismns als.Schand- und Brandmal anheften möchte, daß er der typische Vertreter einer optimistischen Weltanschauung ist, gerade das ist in »»»einen Augen fein größter Ruhmestitel. Hätte der Bnddhisinns als Religion endgültig über die Mittelmeerknltnren gesiegt, dann »väre»» »vir in der Kultur dort, »vö Indien heute ist. Mit pessimistischen Instinkten erzogene Kulturen zerfallen, vernlvrschen. Wer nur Vergangenheit, keine Zukunft hat, wem das Universum alles, die Persönlichkeit nichts bedeutet, der verliert naturgemäß alle Lebensenergie, der erschlafft und verkttlmnert — er degenerirt. Der Buddihsnnis hat das älteste Kulturvolk der Erde-ebenso zu Grunde gerichtet, seelisch deprimirt und heruntergezüchtet wie Consncius und Laotsee das uralte Kulturvolk Chinas. Der Erfolg ist offenkundig, den» blödesten Auge sichtbar. Eine Handvoll Holländer nnd Engländer genügt, um hunderte Millionen von Menschen in Indien z»» beherrschen, nnd eine winzige Truppe europäischer Matrosen reicht aus. »nn 300 Millionen Mensche» in Ostasieu in Schach zu halten.