Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 48 (1.12.1899)
- Date
- 1899-12-01
- Page
- Seite 573 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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sucht und Eitelkeit, weil das Land ihnen die Mittel dazu sehr erleichterte. War doch Palästina überreich an avomatischen Produkten aller Ärt^) an Balsam und Olive, an Myrrhe und duftenden Harten,, an edlen Holzarten, farbegebenden Kräutern und Pflanzen, in deren richtiger Vermischung ln:d geschmackvoller Anwendung Man es bereits zu einer ausgebildeten Kunst gebracht hatte, so daß es der Toilette aü Mannigfaltigkeit und Reichthym keineswegs fehlte. Wo der palästinensische Boden versagte, wo auch Gilead und der Libanon nicht mehr ausreichten, da kam das Ausland mit seinen Schätzen zu Hilfe, und die Frauen von Babylonien- Persien, Kleinasien, ohnehin vielleicht die ersten Lehrmeister der jüdischen Frauen in dieser Kunst, wurden ihre Vorbilder in den laugen Jahren ihres Zusammenlebens seit dem babylonischen Exil. Aber auch Rom und das große römische Weltreich lernte von jenen asiatischen Völkerschaften urtd wurde eine Stätte des übertriebensten Luxus mrd der zugespitztesten Verseinerungssiichü Was Wunder daher, wenn der jüdische Stamm auch unter der Herrschaft der Römer, wenn die jüdäischen Frauen auch in dieser Zeit ihrer Neigung und Gewohnheit folgten und, in solchen Schulen gebildet, ihrer: Lehrern Ehre machten. Die Frauen im Talmud sind der lebendige Beweis dafür?) die Büschel und Blüthen wohlriechender Pflanzen zwischen ihre Kleider legten oder inn Hals und Busen trugen, balsamische Düfte vor: angezüudeten Myrrhen, Weihrauch und anderen Spezereien einathmeten und um sich her verbreiteten, mit dem feinsten Oele und kostbarsten Essenzen das künstlich geflochtene Haar durchnäßten und wie ein beseeltes Aroma die Straßen und Plätze durchschritten, rings um sich herköstlichen Wohlgeruch verbreitend. Gesicht und Hände wurden mit den feinsten Salben und seltensten Essenzen bestrichen, um die Haut rein, glatt und zart zu machen?) und die große Sorgfalt, die mit allen diesen Mitteln auf die Pstege des ganzen Körpers angewendet wurde, wurde durch Schönheitserfolge reichlich belohnt. Ist es da zu verwundern, daß, während die Reichel! mit großen Kosten die seltensten und theuersten Verschönerungsmittel anwendeten, auch die Armen nach ihren: Vermögen mit gewöhnlichen m:d billigen Mitteln sich zu helfen suchten? In der That beschreibt der Talmuds die Verschönerungsmittel der Armen mit gleicher Treue wie die der Wohlhabenden, und groß muß die Wirkung dieser Verschönerungsmittel gewesen sein, wenn sie erreichten, was der Talmud uns .mittheilt?) daß ein Vater, den er namhaft macht, seine durch Mangel an Schönheit ausgezeichnete Töchter durch sorgfältige Anwendung dieser Mittel geradezu schön machte, so schön, daß der Mann, der sich dann um ihre tzänd bewarb, es sich eine Summe Geldes kosten ließ, nu: sie heimzufuhren. Aber wie in der Welt der Sinnlichkeit, so zeigt uns der Talmud die Frauen zugleich auch in der Welt.des Glaubens und der iReligiosität oft als Vorbilder in Gottesfurcht urrd Frömmigkeit. Niemals war die Frau im Tatmud gänzlich von: Kultus ausgeschlossen. Zur Zeit des Tempels durfte sie bei der Darbringung des Opfers betheiligt sein?) und als später das Gebet an Stelle des Opfers und die Synagoge an Stelle des Tempels trat, da wurde sie zu Gebet und Gotteshaus very Hohes Lied an vielen Stellen; Jernsch. Iomä III. 9; das. IV. 5; Babli Joma 38a; Sabb. 25 b, 63a; Kerith. 6a; Jernsch. Peßach III. 1: Schiwiith VII, 1.?) H. L. an vielen Stellen; Moed Kat. 9 b.?> Sabb. 80b. , % Das.; — Jerusch. Peßach. III, 1 Gernara, dazu P. Moscheh; Moed Kät. 9b. b) Sabb. 80b, Moed Kat. 9 b.?) tzhagrgah 16 a. pflichtet?) und sie bewährte sich in der Erfüllung dieser Pflicht Etder ganzen Seeleninnigkeit/ die so sehr der Borzug der Frau ist, und trat vor ihren Schöpfer, wie ehedem die betende Hannah, und legte vor ihn: den Tribut ihrer Gesinnung nieder, die. Sprache ihres Herzens, das Bekenntniß ihrer Demuth und den Preis seiner Herrlichkeit. Nun war die Frau den:. Unendlichen im Gefühl ihres Herzens sicher verknüpft und bethätigte Fs im drangvollen Streben nach heiliger Befriedigung wie durch Gebet und Synagoge, so durch religiöse, weihevolle Hebungen, die das Haus zu einen: Tempel des Glaubens, zu einer Stätte der Tugend und Beglückung »nachten. Es war in der Mitte des zweiten Jahrhunderts als eine hochbejahrte Frau auf die Frage, welchem Umstande sie ihr hohes Alter znschriebe. zur Antwort gab: „Ich habe nach durch nichts jemals davon abhalten lassen, zn.den Frühesten in der Synagoge zu gehören." Wenn aber religiöser Sinn im Hause herrscht, edle Sitte darin waltet: dann darf die Frau noch heute sagen, daß ihr Verdienst daran das größte sei. Die Frau im Talmud hatte sich über Zurücksetzung und Geringschätzung nicht zu beklagen Sie verdankt ihm in allen Stadien ihrer Entwickelung, an allen Punkten ihres Lebenslanges eine wesentliche Förderung gegen die Frauen anderer Völker, eine Erhebung aus der Niederung, welche den Frauen von diesen angewiesen war. „Die Frau soll mit den: Manne steigen," soll von dem Glanz und der Größe seiner Stellung und seines Besitzes gewinnen an Achtung und Ehre. Das ist ein Grundsatz des Talmud, und er bringt ihn noch am Grabe ■vbet Frau zur Geltung durch die Forderung einer ehrenvollen Feierlichkeit, die selbst in der Synagoge stattfand.2) ' Es ist das geheimnißvolle Wirken im geschichtlichen Leben der Völker, daß sie es in ihren Produktionen, in ihrer gesellige»: wie staatlichen Entlvickelung bis zu einem gewissen Grad der Vervollkommnung bringen und es dann einem anderen Volke, einer anderen Zeit wie ihr mitgebrachtes Recht überlassen, das begonnene Werk fvrtzusetzen und fortzubilden. Auch die Frauenfrage schreitet fort nach den: ewigen Gesetze der Entwickelung. Die Frau ist vom Talmud, vom Geist des Judenthums, aus der Tiefe, in welcher sie ein verachtetes Dasein fristete, zur lichten, lebensfrohen Höhe des Glaubens und der Moral emportzehobeu worden. Das Christenthum und die zwei Jahrtausende seit seinem Entstehen haben mit wechselndem Erfolge weiter daran gearbeitet und die Frauenfrage ungelöst an die Gegenwart abgegeben. Möge esder Gegenwart beschieden sein, diese Fragedie eine Kulturfrage in eminenten: Sinne ist, in den Wegen des Fortschritts zu lösen zum Segen dcr Strebenden, zum Segen der Menschheit. Der religiöse Optimismus. :>f: Bon Pros Dr. Ludwig Stein. ■ , ■ ' HI- ' ' e^*nö erklärt in seiner „Erziehung des Menschengeschlechts" den Mosaismus nnr als vorbereitende Etappe höherer Neligionsbildungen, weil er vorwiegend Diesseitigkeitsreligion, noch nicht volle Jenseitigkeitsreligion ist. Schopenhauer vollends gießt die ganze Lauge seines galligten Tem- ' Barüch. 20n. 2) Ketnb 46b, Gemach. VIII. Meg. 28 b.