Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 48 (1.12.1899)
- Date
- 1899-12-01
- Page
- Seite 572 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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'MWWWWWWD^^^^^M r>7s,;—- ''" worden sein? Die Frauenim Talmud waren Erben des Fleißes und der Kunstthätigkeit jener Frauen, die zur Zeit des Königs Salomo gelebt haben. Was damals die Phönizierfür den Absatz der hebräischen Fabrikate waren, das waren jetzt die Aegypter, Alexandriner.? So wurde durch die Thätigkeit der Frau, durch ihre Mitarbeit neben dem Manne der Wohlstand im Hause, in der Familie, im Volke begründet und die Stellung der Frau nothwendigerweise eine geachtete, selbstständige, einflußreiche. Nichts Anderes aber hatte der Talmud im Auge, als die Stellung der Frau durch sie selbst, durch ihre Mitarbeit am Erwerb, zu heben, und eben deshalb macht er ihr jene Thätigkeit zur Pflicht, durch welche sie zu dem Wohlstände des Hauses beitragen kann, die sie nach seiner Ansicht nicht unterlassen möge, wenn ihr auch hundert Dienerinnen zu Gebote stehen?) Um ihrer selbst willens fordert der Talmud diese Thätigkeit von der Frau, um sie mit dem erhebenden Gefühl uüd Bewußtsein zu erfüllen, daß sie mitarbeite an dem Wohlstände des Hauses, eine Helferin sei an der Seite des Mannes, und dessen Achtung, Ehre und Liebe verdiene. „Wer jedoch auf den Erwerb der Frau zählt und ihn um seinetwillen verlangt, um sich selbst zu entlasten, der wird nimmer Segen ernten."8) Das ruft der Talmud dem Manne zu, während er das Lob der Frau Mit jenem Hymnus aus alter Zeit feiert* 4): „Ein bieder Weib, wer findet es? Weit über Perlen geht ihr Werth ... Eifrig besorgt sie Flachs und Wolle und schafft mit Lust der Hände. Fast Kaufmannsschiffen gleich bringt sie von fern her ihren Gewinn.!. . Aecker erwirbt sie durch ihren Fleiß, und Weinberge pflanzt sie an . .. Klug streckt sie ihre Hand zum Rocken aus, die Spindel fassen ihre Finger.. . Nicht minder webt sie Decken, Bhsius und Purpur ist ihr Kleid... Um sie zu preisen treten ihre Söhne auf, ihr Mann, um sie zu loben: „Viele Frauen handeln bieder, doch übertriffst du Alle." Mit dem Wohlstände verbindet sich leicht der Luxus, der an sich nicht tadelnswerth ist, sondert» es erst durch Ausschreitung und Ausartung wird, wenn er mit den Vermögens- Verhältnissen nicht mehr in Einklang steht. Der Luxus steht in Verbindung mit dem Fortschritt der Kultur und. ist in gewissem Sinne gleichbedeutend mit erhöhtem Lebensgenüsse und gesteigertem Schönheitsgefühl. Aber wie er zweifelsohne mit der Bildung des Menschen sich verträgt, so führt er andererseits durch feinen Mißbrauch zur Wollust, Verweichlichung und Sittenlosigkeit, zum Verderben der Gesellschaft. Unter diesen Gesichtspunkt fällt der Luxus der Frauen im Talmud, der nur im Zusammenhänge mit dem gesteigerten Wohlstände, mit der höheren Bildung und dem Mißbrauch, dem er unterlag, zu betrachten ist. Gewiß, der Luxus war in jenen Jahrhunderten ein allgemeines Nebel. In Rom schritt die Gesetzgebuilg dagegen ein, und,wie dort hatte er auch im jüdischen Gemeinwesen die Männer nicht minder' als die Frauen ergriffen. Mit überaus grellen Farben beschreibt der jüdische Schriftsteller Philo5) an verschiedenen Stellen die Prachtliebe und Prunksucht, die Verweichlichung und Sittenlosigkeit seiner Zeit. Der Talmud aber faßt zumeist die Frauen ins Äuge, die dort mit einer Prunkliebe und Verweichlichung behaftet erscheinen, daß sie in dieser Hinsicht bis auf den heutigen Tag unerreicht geblieben sind. ') Ketnb. 69b. -) Das. 68b, dazu Raschi. ->) Das. Peßach. 50b. 4) Sprüche 31, lOff. ■') „Von den Träumen" S. 584; „Von den besonderen Gesetzen" S. 772 »nid öfter. ...; . Ich spreche gar nicht von den seidenen, golddurchwirlsten,? mit Thiergestalten und Blumen eingewebten Stoffen, .-aus welchen ihre Kleider angefertigt waren, nicht von den kostbaren Kleidern selbst, die mit langen, herabhängenden ') und reich mit Blumen bestickten Schleppe» versehen, ihrer Trägerin ein vornehmes Ansehen, gaben, sondern verweile nur bei den Schmuckgegenständen von Gold lurd Silber, von Perlen und, Edelsteinen, bei dem Gebrauch der Parfümerie-: und Schönheitsmittel aller Art und gelänge zu der Ansicht, daß die heutigen Schöllen in Israel lange nicht an die kosmetische Erfindungsgabe und an den Reichthum von edlem uild kostbarem Schmuck ihrer Ahnen im Talmud heranreichen. Die Frauen im Talmud erscheinen mit mehrreihigen, goldene» Halsketten oder auch mit enganschließenden, die auf den Hals drücken, weil dadurch das Gesicht eine« . volleren Ausdruck annimmt. In den Ohren tragen sie Gold- und Perlenschmuck, oft in über einander angebrachten Ohrlöchern. Besonders reich »var der Gürtel, dessen breite Fläche dazu genügenden Raum bot, mit Perlen und Edelsteinen ausgelegt.2) Daß Finger- und Nasenriuge nicht fehlten, braucht nicht erst erwähnt zu werden. Armgehänge und Fußspangeir, Haarnetze und Schleier sind aus den Zeiten des Propheten Jesaias8) bekannt. Später wird noch der Fraueuschmuck einer goldenen Krone erwähnt — der Stephane, wie sie in der alten und neueren Kuustlitteratur genannt wird Mld seit den Schliemann'schen Ausgrabungen uns bekannt ist — mit der darauf befindlichen Abbildung einer Stadt, den z. B., wie wir bereits hervorgehoben haben, die Frau des Rabbi Akiba als Geschenk ihres Mannes trug.'') Das war damals eine besonders ehrenvolle Auszeichnung. Der Patriarch Gamaliel verweigerte seiner Frau solchen Schmuck. Es verging aber Wohl nicht ein Jahrhundert, als die Frauen sich auch dieses Schmuckes bemächtigt hatten. Denn kaum wurde in Nahardea und Mechuza, zwei, allerdings durch die Ausgelassenheit ihrer Frauen berüchtigte Städte, bekannt, daß keine religiösen Bedenken gegen das Anlegen dieses Schmuckes an Sabbathen und Festen bestehe, so sah u»an in der ersten Stadt 24 damit geschmückte Frauen und in der zweiten allein in einer Straße 18.5) Allerdings der Talmud hat gegen die natürliche Eitelkeit der Frauen wenig eiuzuwenden. Er berichtet sogar, daß schon der sittenstrenge Esra«) bald nach dem babylonischen Exil darauf bedacht war, den Töchtern in Israel de»l Ankauf von Schmuck und Geschmeide zu erleichtern. Der Talmud will ausgesprochenrrinaßen, daß die Frauen schön erscheineil, ihren Männern Schmuck und Zierde seien, und wenn er dies oder jenes Schmuckstück beanstandet, dann geschieht es eben nnr ans religiösen Gründen. Allein dieser Luxus mußte Ernst und Sitte im Volke bedrohen und ihm die Mahnungen der Propheten und die Leiden in Erinnerung bringen, voll welchen es seiner Laster wegen schon wiederholt betroffen, wurde. , Mit diesem Luxus seidener Gewebe, kostbarer Kleider und Edelsteine verbunden, welche die palästinefischen Frauen mittelst des ostindisch-arabischen Handels aus Phöniziei», -Babylonien, Persien bezogen, ging ein zweiter nebenher, der zur Vervollständigung der Toilette diente. Es war der Aufwand in Spezereien, Parfümerien, Salben, Schminke. „Die Luft in Palästina," bemerkt einmal der Talmud, „erzieht die Menschen zur Weisheit^)"; wir können hinzufügen, sie erzog die Frauell zur Putz- ') Sabb. 98 b. 2) Das. 57 a u. d, 89 b, 62 a, Kelim 20 b; vgl. über den Neichthuni: Arachin 19a. *) Kap. 3, 11—24. ') Nr. 51.-'*) Sabb. 59 b. °) B. Bathr. 22 a. T) Das. 158 b. .