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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-12-01 · Heft 48 (1.12.1899) · p. Seite 571

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 48 (1.12.1899)
Date
1899-12-01
Page
Seite 571 (sequence 7)
Language
German
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571; auf, wo das Judenthum anfängt. Dafür müssen aber auch die Juden leiden, da man sie für die Sozialdemokratie verantwortlich macht. Welche Schützer haben sie doch an diesen Volksvertretern! , And nun kommt der Thersites unserer Volksvertretung, der ehrenwerthe Schneider. Wer bei gewissen Gelegenheiten den Verstand nicht verliert, hat keinen zu verlieren. Da standen sie die Reichsboten rings um den modernen Talmudkommentator und wollten sich vor Lachen schier wälzen als dieser über daS uralte Buch seine Witze riß. Ein Bild, werth verewigt-zu werden. Die Dumncheit auf ihrem Gipfelpunkte! Wenn die Juden verbittert werden, wenn sie mit Verachtung erfüllt werden über ein solches Vorgehen, wer kann es ihnen übel nehmen? Stehen die Wallachen, welche die Fenster zertrümmerten, nicht höher, als solche, welche hier zum zweiten Male in den Ruf einstimmen: „je casse les vitres.“ Da erhob sich keine Stimme, welche diesem Treiben Einhalt gethan hätte. Was haben die Plünderungen der Juden mit dem vielgelästerten Talnmd zu thun? Ein Professor der Prager Universität, Masaryk, will Nachweisen, wie sehr der Polnaer Prozeß der Revision nöthig ist, und die Staatsanwaltschaft konfiszirt seine Broschüre, und hier läßt man es zu, daß ein ganzer Volksstamm, eine ehrwürdige Religionsgenossenschaft verhöhnt und verlästert werde! Man verliert wahrlich jede Achtung vor menschlichem Gerechtigkeitsgefühle und glaubt sich zurückgestoßen in die alte Barbarei früherer Jahrhunderte. Und nun kommt der Thierarzt Türk. Das ist ein Deutsch- Nationaler. Der gute Mann wärmt das Märchen von den jüdischen „Sekten" auf, die vielleicht Blut brauchen. Es giebt gewisse Leute, die immer reden und sich blamiren müssen. Lassen wir diesen Herren das Vergnügen. Vielleicht wird sich inzwischen der Herr Türk aus einem Schulbüchlein, bestimmt für die unteren Klaffen unserer Volks¬ und Mittelschulen, überzeugen, daß es solche Secten im Judenthum nicht giebt, weil, nun weil das Judenthum überhaupt das Blutvergießen außer den dasselbe selbst bei Thieren verabscheuenden Karäeru, nicht kennt. Dieser Herr Türk ist im klebrigen der Entdecker von Knigges Konversationslexikon. . Und jetzt marfchirt die deutsche Fortschrittspartei auf. Ihr Vertreter, der Herr dMvert, macht eine großartige Entdeckung. Er meint, am Ende des Jahrhunderts seien solche Debatten beschämend, und man solle alle Staatsbürger mit demselben Maße messen. In der That, eine herrliche Entdeckung! Gerade so, wie wenn heute Jemand nach Columbus Amerika oder nach Kopernikus die Bewegung der Planeten entdecken wollte. Die Rede des Herrn d'Elvert gipfelt etwa in folgenden Kraftsätze»: Die Juden sind sozusagen steuerzahlende Bürger; sie arbeiten wacker für uns mit dem Stimmzettel; wir häbeil mit ihnen nicht die allerschlechtesten Erfahrungen gemacht; sie liefern z. B. auch Beiträge für den deutschen Schulverein, welcher ja, wie man hört, auch antisemitisch ist; kommt es zu Wohlthätigkeitsfesten, ist das Geld des jüdischen Banquiers immer zu haben, vorausgesetzt, daß man seinem Gänschen von Tochter gestattet, mit der schwarzrothgoldeneu Schärpe geschmückt für die hungernden christlichen Kinder Champagner lind Zigarren an den Meistbietenden zu verkaufen, daher ist es unsere ver—wünschte Pflicht und Schuldigkeit, die Juden zu schützen, denn wir befinden nns Gott sei Dank im Jahrhundert der Civilisation, ja das Jahrhundert geht seinem Ende entgegen, daher schämen wir uns ein wenig und lasten wir die Juden nicht ausplündern, denn wir brauchen viel, viel Geld! — So, jetzt ist der Fortschritt gerettet. — Wir wissen nicht, was zu alledenr die Juden noch sagen werden. — Ich denke, wir haben genug gehört, wir haben die modernen Labans an der Arbeit gesehen. Der neugegründete „Allgemeine Oesterreichisch-Jsraelitische Bund" hat Arbeit bekommen. Mir scheint es aber, wir sind so verwundet, wie der alte Jesaias sagt „von der Fußsohle bis zum Scheitel", daß dir altes Jndenthum kein „Verband" mehr nützt. Du mußt eine Radikalkur durchmachen. Sieh dich nach sehr tüchtigen Heilkünstlern um, deine alten Aerzte haben dich dem Tode nahe gebracht. Iwri. Are Franen iw Talmud. Von Rabbiner Dr. Tobias Cohn. V. piudel und Webstuhl! Das ist in der That die Hauptbeschäftigung i) der Frau im Talmud, die in der Jugend bereits damit vertraut gemacht wurde als derjenigen Kunst, die vor allem der Frau zukomint, und die Summen aller häuslichen Tugenden, Ordnung und Sitte, Fleiß und Sparsamkeit umschließt. Sinnig ist der Brauch der griechischen Frauen, Spindel, Rocken, Webschiffchen, selbst Webkörbchen mit bereitgehaltener Wolle der Minerva als Weihgeschenke darzubringen, lind au vielen Stellen wird von griechischen und römischen Dichtern der hier in Rede stehenden weiblichen Beschäftigung Erwähnung gethan, di« auch von vornehmen Frauen geübt wurde. Auch die hebräische Litteratur verweilt gern bei dieser .Kunst, und bezeichnend für die Kulturgeschichte des jüdischen Alterthums ist der Talmud mit seiner Schilderung der darauf bezüglichen Werkzeuge und ihres Gebrauchs. Ja, so oft kommt er darauf zurück, daß sich daraus auf den hohen Werth dieser Beschäftigung, aus ihren bedeutenden wirthschaftlichen Nutzen schließen läßt und wir fast im Stande sind, die Frau im Talmud bei dieser Beschäftigung zu beobachten von dem Augenblicke an, wo sie Flachs und Wolle in Fäden spaltet und auf den Rocken steckt, bis zuletzt, wo das Gewebe voll Wolle, Linnen, Byssns fertiggestellt ist und in eigenen Gebrauch genommen oder auf Schiffe verladen in fremde Lällder gebracht wird. War doch das benachbarte Alexandrien mit feilten beiden, durch Anlagen mit einander verbundenen Häfen der glällzende Aereinigungspunkt der vorzüglichsten Völker der alten Welt lvie für die Bildung, so auch für den Handel — Alexandrien, das den Israeliten reiche Gelegenheit zum Absätze kostbarer Gewebe bot, die von den fremden Kausleuten zu großen Summen erworben wurden. Wurde doch dadurch der Gewerbefleiß der Frauen gefördert, ihr Kunstsinn geweckt und d.ie Kunst selbst zu wunderbarer Höhe gebracht. Wir lesen bei griechischen und römischen Schriftstellern von seidenen Geweben, so zart, daß sie dem Gewebe der Spinne glichen, ferner von Purpurstoffen, die mit Gold und Silber durchwirkt waren; söllte diese Kunst nicht auch voll den jüdischen Frauell gepflegt >) Mail». Ischuth 21,1; E. E 80,1. 2) Jerusch. Snbb. XIII, 1-4 'Das. Schek.VlII. S; Ketub5Sb;Sabb. 105a; B. Kama 119b; Jerusch, tzabb. VII, 10; Kelim 29,1; Schir Hasch. Rabb. 1. 18.; Jo,na 72 b; Jas. Alterth. III, 5 und ,8; s. auch Hartman»: Die Hebräerin.

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