Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 48 (1.12.1899)
- Date
- 1899-12-01
- Page
- Seite 570 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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-- v^TJ1 ‘FWrp,*^n —— 570 Rdack angeschlossen. Denn in Wahrheit hat a»»ch R. Schlvmo, dev Fürst der Bibel, sich hie und da verleiten lassen, den einfacher! Sinn, des Bibelwortes zu deuten. Nun haben freilich die späteren Erklärer noch viele Zusätze zu seinen Worten gemacht und haben geebnet und frei gemacht den Pfad, angepaßt dem Fuße zarter Knaben, die keine Kraft haben, sich zur Höhe eines Drusch nach Art unserer alten Weisen zu erheben. — Nachdem aber einmal die Erlaubniß, die Thorü auf mannigfache Art zu deuten, bestand und es kaum eine Verkehrtheit gab, die nicht zusanunengereimt wurde, warurn übertreibt man so geheim bei Kindern und der anderen Volksmenge mit Redensarten, und warum soll diesen die Bibel wie ein versiegeltes Buch sein? — Das eine Gute nehruen wir für uns in Anspruch, daß »vir mit großer Be» hntsamkeit unter allen Bibelerklärern. den früheren und späteren, die Erklärung gewählt, die dem einfachsten Sinne des Wortes entsprach und am leichtesten zu treffen war. Denn dies ist der Weg, auf den man die israelitischen Kinder zu leiten hat, auf die kürzeste Art. bis sie größer werden und wie wir im Stande sind, sich an alle Schwierigkeiten heranzuwagen» — Geht hin und sehet, was der Raschban» in seiner Bibelexegese in» Anfang der Paraschah Wajeschew schreibt: Meine Lieben mögen einsehen und verstehen, daß es unter allem, was unsere Lehrer uns gelehrt. keinen Vers giebt in seinem eigentlichen einfachen Sinne. Selbst wenn es galt, uns einen Grundsatz der Bibel in seiner einfachsten Forn» zu lesen und kund zu thun, so geschah es durch Agadas. dnrch Halachas, durch Dinim in langathmiger Sprache, durch die 32 Midot des R. Elasar, den Sohn des Joses des Galiläers und durch die 13 Midots des R. Jsmael. Und da die Rischouim infolge ihrer Frömmigkeit sich bestrebten, innner nach dem Drusch, in dein keine Essenz war. zü lesen, darum gewöhnten sie sich nicht an die einfache Deutung der Bibel. Und weil die Weisen gesagt haben: Strengt eure Kinder nicht au durch zu viel Reden und dann: Beschäftigung mit der Thora ist ein Verdienst und kein Verdienst, dagegen Beschäftigung mit dem Talmud ist jedenfalls ein größeres Verdienst — deswegen gewöhnten sie sich nicht an die Einfachheit der Bibel, wie * eß ausgeführt in Meßichta Sabbath: und ich habe »licht gewußt, ,daß kein Bibelvers über seine Einfachheit galt. — Auch unser Meister R. Salomo »nein Großvater, der die Bibel erklärt, ließ sich verleitest, den einfachen Sinn des Bibelverses zu deuten. Und ich, Samuels Sohn, des Meir sein Schwiegersohn, habe niich mit ihn» unterhalten, und er gestand mir, daß wenn ihm die Möglichkeit noch lväre, er einen anderen Kommentar geschrieben hätte, angepaßt der gewöhnlichen Erklärungsweise. Soweit er. — Ich nannte mein Werk „Milim Leloha", denn dieser Name paßt ihn! ganz besonders, indem es einen Kommentar giebt zu jedem Worte des göttliche»» Buches und der heiligen Propheten. Auch den Zweck verfolgte ich, daß in diesen» Namen mein und »»»eines Vaters Na»nen zur Erinnerung enthalten sein sollen; denn in den» Worte Milim sind e»»thalten die Anfangsbuchstaben meines Narnens Löw Minden und der Name lneines Vaters Joel Minden und einzeln die Abbreviaturen: Von Mir Jehuda Löw Minden." Wie man sieht, war irr der Familie Minden die Klarheit des Geistes, der Freimuth der Gesinnung und da8 Streben nach Aufklärung immer zu Haufe. Es ist eine eigenthümliche Fügung, daß ein Nachkomme des Mannes, der das erste, oder doch eines der ersten deutscher» Bücher der jüdischen Litteratur geschrieben, einer der Begründer der Refor»nge»neinde gelvorden ist. Brief aus Oesterreich. Mitte November 1899. nter allen den Personen, mit welchen der Patriarch Jakob in Berührung kam, hat mich schon in der Jugendzeit Niemand so angewidert wie der berüchtigte Labaxs. Dieser elende Heuchler, welcher die Kräfte des Stammvaters in selbstsüchtiger Weise für seine Zwecke ausnützte, frömmelnd die Augen verdreht, sich beklagt, feilt treuer Diener hätte nicht ehrlich an ihm gehandelt, und ihn dabei betrügt und belügt, ist in der That, so scheint es, das Vorbild jener Wölfe, welche, um das Lamm zerreißen zu können, sich beklagen, es trübe ihnen das Wasser. Die Wölfe aber stehen oben, hie Lämmer unten. An all dies werden wir erinnert, wenn wir die ewig denkwürdige Debatte lesen, die sich wegen der Judenplünderungen iir unserem Abgeordnetenhause entsponnen hat. Ein „parlamentarisches Fest—essen" fürwahr für unsere Antisemiten, nachdem sie 10000 fl. bei einen» Banket zu Ehren der aus Wien hinausgewörfenen „Gas-Engländer" der—jnbelt, ist diese Debatte mit Recht genannt worden. Im Reichsrathe werden die geplünderten Juden zum zweiten Male rnalträtirt, kein Wort der Entrüstung fällt, nur Anklagen, schivere Allklagen — gegen die Juden. Diese Debatte ist ein Blitz, der die Fiusterlnß, in welcher wir leben, hell und erschrecklich beleuchtet. Die Labauiden haben sich hier in ihrer ganzen Größe gezeigt. Welcher Hohn wurde über unser vielgehetztes Judenthlm» hier ausgeschüttet! — Der Minister stellt die Verhältnisse wahrheitsgemäß dar, er vertheidigt die Gendarmen, welche in der Nothwehr dem Pöbel gegenüber handelten und einige, Schüsse abgaben, und was muß mall nun hören? Hätte»! die argbedrängten Wächter der Sicherheit nicht geschossen, so wäre nicht geplündert worden — Laban, der sich über Jakob beklagt, — der Wolf über das ihm das Wasser trübende Lamni. Diese Logik kann man in unserem Abgeordnetenhause lernen. Und da wurldert man sich über unsere plündernden Wallachen und Hannaken, wenn solche Vernunft im Reichsrathe gepredigt wird. Wir Juden wissen jetzt, wessen wir uns zu gewärtige» haben, und wir können unsere Schlüsse daraus ziehen! Da tritt zuerst der Jungtfcheche Zaczek auf. Der Mann ist ' natürlich Advokat. Warum fragt er, gehen die Juden in Mähren mit den Deutschen? Hätten sie stets tschechisch gewählt, wären sie wahrscheinlich nicht geplündert worden. Wir verstehen den Herr»», und er versteht sein Geschäft. Mit Plünderungen wird praktische Wahlgeoinetrie verbunden. Aber mit Verlaub, Herr Rechtsver—treter! Siild die Juden in Prernu nicht stramme tschechisch-Nationale? Und in Prerau erscholl zuerst der moderne Ruf: „Pojydnie na zidy“, d. h. arrangiren wir einen fröhlicheil Raubzng gegen die Juden, um sie zu überzeugen, wie hoch die doppelgeschwänzte Kultur steht. Der Herr Zaczek »vnrde aber von den Prerauer Juden gewählt. Oder sollten diese sich erfrecht haben, dem Gegenkandidaten des Herrn Zaczek, dem getaufteil Juden und Ultratschechen Stransky, — auch ein Advokat — ihre Stimmen zu geben? Wir wissen es nicht, ist uns auch gleichgiltig, den Zaczek und Stransky — par nobile tratrum. Nun kommt Berner. Der Mann ist, im antisemitischen Modejargon gesprochell, Judenstämmling und Sozialdemokrat. Bei diesem sind alle Juden Mährens Ausbeuter. Die armel» Krämer sind alle Schnapshäudler, welche das Volk vergiften. Das mit jüdischem Schnaps vollgetrunkene Volk fällt über seine Vergifter her und plündert sie aus, um weiter Schnaps zu trinken. . Warum fragt er, afsnniliren sich die Juden nicht der Majorität? Das ist doch von den Juden recht dumm gehandelt. Und Berner hat das Vergnügen zu hören, wie ihm die Christlich-Sozialell, seine Erzfeinde, zujubeln. Welch eine prästabilirte Harmonie zwischeri Sozialdemokraten und Christlich-Sozialen. Eine rührende Uebereinstimmung der Ansichtei» fürwahr! Nach Herrn Berner hat auch der berüchtigte Hilsner wahrscheinlich (?) die Hruza erschlagen, weil — Weiteres getraut er sich nicht zu sagen. — Und dieser Berner nennt sich Kämpfer für Freiheit und Recht! Freiheit und Recht hören bei ihm wahrscheinlich dort