Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 48 (1.12.1899)
- Date
- 1899-12-01
- Page
- Seite 568 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Unter der Spitzmarke „lieber deutsche Inden in Südafrika" brachte die „Germania" auf Grund einzelner englischer Zeitung^ stimmen eine Reihe vor: Artikeln, in welchen die deutschen JuÄn als die^Schuldigen an dem Kriege England-TransvaM erklärt werden. Auffallend ist dabei, daß auch ein freisinniges Blatt solchen Gehässigkeiten gegen die Juden in ihren Spalten Raum gab und^Wort für Wort die „Germania" citirte. Noch schärfer geht das offizielle Organ der englischen Sozialdemokratie „Justice" ins Zeug. Es brachte einen Leitartikel: „Der jüdische Krieg gegen Transvaal", in dem es behauptete, England führe eigentlich nur „den Juden" zuliebe diesenZ Krieg, und Chamberlain, Cecil Rhodes, Sir Alfred Millner, ja selbst Lord Salisbury, sind nichts Anderes als jüdische Söldlinge. Den Beweis dafür blieb der wackere Schreiber schuldig. Aber nichts destoweniger wird seine Anklage jetzt die Runde machen durch die antisemitische Presse der ganzen Welt. O diese Juden! * Aus Transvaal selbst liegen dagegen in dieser Woche folgende Nachrichten vor, die auf jene kecken Lügen ein seltsames Streiflicht werfen: „Nach den zuletzt eillgegangenen Nachrichten aus Johannesburg hat die Transvaalregiernng dem Rev., Hertz die Erlaubniß zum Aufenthalt in Johannesburg entzogen, weil er in mehreren Uitlandermeetings gegen die Buren ausgetreten war. Dagege,i dnrferl. hie anderen jüdischen Geistlichen ReU D. Wasserzng und S. Manne unbehelligt irn ganzen Gebiet der Republiken sich anfhalten. Wohin Hertz sich wenden wird, ist noch unbekannt. In Kapstadt gie.bt. tzs neuerdings auch eine antisemitische Zeitung, oder viellliehr ein Wipkelblättchen. welches in Antisemitismns macht. Der rieneste Vor)vl^.'s. gegen die Juden ist der der Feigheit. Mit leichter Mühe kornfle M. Rabbinowitsch diesen Tadel zurückweisen durch den Hinweis aps . die große Zahl von jüdischen Soldaten,- welche zur Zeit im Felde stehen, sowohl bei der regulären englischen Armee, als bei den Freiwilligen aus den Kolonien, aus Kapstadt. Natal. Griqualaud rc. Gerade jetzt wird aus Johannesburger Flüchtlingen wieder ein Freikorps gebildet, darunter natürlich auch viele Juden. Für beit Sanitätstrain dieser Reitertruppe war ein Betrag von 20,000 Mark nöthig, den Herr Ben Lazarus aus Johannesburg, der. zur Zeit in.London weilt, auf telegraphische Bitte dort in einer Stunde durch Sammlungen , cm der Börse beschaffte. Auch in der Natal-Freiwilligentruppe. Imperial Light Horse genannt, sind eine Anzahl Juden; einer der beiden Führer dieser Truppe ist Major Walter M. Davies, auch ein Glaubensgenosse. Bei dem Kampfe um den entgleisten Pauzerzug bei Colenso wurde ein Jude Warski von. der Durban Light Infanterie verwundet. Im Ganzen sind bis jetzt nach den offiziellen Verlustlisten gefallen 3 Juden, verwundet 10 und vermißt 2." Zu Ehren eines Ghrenmgnnes. weiten Kreisen unserer Gemeinde und darüber hinaus M wird das seltene Familienfest der goldenen Hochzeit, das , Herr Leopold M i n d e n und dessen Gattin am 2. Dezember in voller Rüstigkeit feiern werden, allgemeine Theilnahme finden. Da erscheint es denn wohl gelegen, wenn wir ans unserer Redaktionsmappe einige interessante Dokumente, die wir dem Fleiß und der Güte des fei. Dr. I. Joel hier zu verdanken, haben, veröffentlichen, die die Herkunft der Fannlie des Jubilars betreffen, zumal auch die Gesammtgeschichte der Berliner Gemeinde init betheiligt ist. Schon im Jahre 1892 ist anläßlich des 70. Geburtstages von Herrn Minden in Nr. 34 d. Bl. vom 19. August behauptet worden, Minden sei ein Enkel dös Jehüdä Löb Minden, der Däjml der Berliner Gemeinde in der Mitte des vorigen Jahrhunderts war und das berühmte Wörterbuch „Millm Lelohei" schrieb-, in dem zuerst deutsche Worte vorkamen. Jndeß war das eine irrige Annahme. Der Verfafier konjekturirte wahrscheinlich so: Leopold heißt auf jüdisch-deutsch Leib oder Löb, Minden heißt Minden, folglich ist Leopold Minden ein Enkel von Leib Minden. Allein beide Annahmrü waren irrthümlich. Der Name „Leopold" hier, bei Herrn Leopold Minden, lautet »licht, nach seinem Ursprünge zurückübersetzt, Leib' oder Löb, sonder» „Limut". Dieser Name wurde bei der Bundesaufnahm« Herrn Leopold Minden gegeben nach seiner Mutter, die einen Tag nach seiner Geburt, am 20. August 1822, nach zehnmonatiger Ehe starb. Im Gemeinde-Namensbnch heißt es hierüber: „Der Knabe führt den Namen Schelomoh, genannt Limut." Einerseits trüg inan Bedenken, später einmal den Jüngling mit einem reinen Frauennamen zur Thora aufzurufen; andererseits wollte man, gegenüber dein tief schmerzlichen Ereigniß, dem Wunsche des Vaters Nachkommen und im Namen des Kindes das Andenken an die Mutter erhalten. Der Großvater von Herrn L. I. Minden mütterlicherseits hieß Joel Kohn und lebte in Altstrelitz. Sein Großvater väterlicherseits war Joseph Dobrisch, ein Sohn von David Dvbrisch, der ein Sohn war von Hirsch Dobrisch. Alle Drei liegen auf dem alten Begräbnißplatz in der Großen Hanrburgerstraße. Auf diesen Joseph zeigt das „I" hin, welches Herr Leopold Minden in seiner vollen Namensbezeichnung führt. Die verschiedenen Descendente» dieser drei Genannten, welche bis dahin alle Dobrisch, der Etymologie nach „Gutman", hießen, nahnle»», gemäß dem 8 2 des Ediktes vom 11. März 1812, verschiedene feste Familiennamen an. Die Einen nannten sich Hirsch, die Anderen Davidsohn, lind Joseph Dobrisch adoptirte den Namen „Minden" als Familiennamen, Warum Joseph Dobrisch diesen Namen erwählte, läßt sich nur schwer begründen. Ein großer Theil von den Minden, die hier beerdigt find, erschwert insofern das Forschen nach ihrer Abstammung als sie bloß ihren Personennamen führen mit dem Zusatze „Minden", d. h. aus Minden. Minden war früher eine Filiale von Halberstadt (Anerbach, Geschichte von Halberstadt, Seite 91), und lieferte ein bedeutendes Kontingent zur alten Berliner Gemeinde; übertrosfen wurde es nur noch von Halberstadt selbst. Der Bedeutendste unter den Mindens ist wohl Baruch Minden. Er kam schon ca. 1660 nach Berlin und war ein Sohn des Halberstädter Dajan Simson (nicht Simön, wie Auerbach Seite 34 schreibt) Wolf Wilner, ferner ein Urenkel des berühmten Moses Jsserles durch seine Tochter Lea der Schlviegervater von Rüben Fürst. In der Offizin seines Neffen Moses Elias zu Dessau wurde der Kommentar des bekannten Rabbiner David Fraenkel zu dem Talmud-Jeruschalmi gedruckt. Baruch Minden stand iin Bunde mit Jereniias Jacob, dem Verfasser des BucheS Dl# und mit dem reichen Gelehrten Jüdet MoseS aus Landsberg a. d. W., über den Landshut in seinen (Seite 22 und 23) sich ausläßt. Diese Drei hatten bedeutenden Einfluß auf den Gang, den die hiesige Gemeinde nach der Ansiedelung der Wiener nahm. Sie hielten ans dem Gebiete von Minhag und Hülacha dem talmudischen Dreigestirn die