Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 48 (1.12.1899)
- Date
- 1899-12-01
- Page
- Seite 567 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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567 die Alle um die Sache gewußt haben, mit diesen damals ja ungleich werthvolleren Enthüllungen ans Tageslicht getreten ist, und noch viel mehr die historische Thatsache, daß Andrassy zeitlebens sich entschieden als ein Freund der Juden gezeigt hat. Sein Verhalten ans dem Berliner Kongreß in der rumänischen Jndenfrage, sein Standpunkt in der Frage der Civilehe und der Durchführung der Emanzipation in Ungarn — das alles widerspricht jenen spiritistischen Geisterbeschwörungen der österreichischen Antisemiten in entschiedenster Weise. Nicht viel besser haben es ja auch die deutschen Antisemiten mit dem Fürsten Bismarck getrieben. Und einer der Schlimmsten war in dieser Beziehung der vor einigen Tagen verstorbene Dr. Moritz Busch, eine merkwürdige Spielart von sächsischem Antisemitismus. Er war es, der den Judenhaß in die „Grenzboten" verpflanzte, die ja von einem Juden begründet waren. Seine dort aufgespeicherten antisemitischen Artikel hat er 1889 unter dem Titel „Israel und die Gojim" gesammelt. Aber es ist interessant, daß er trotz aller Mühe es nicht hat erreichen können, daß Fürst Bismarck das Buch gelesen, geschweige denn sein Urtheil darüber abgegeben hat. Ja, einmal stellte ihn der Fürst geradewegs darüber zur Rede, daß er seine Aeußerungen über die Juden „unter dem Tisch" notirt und entweder falsch wiedergegeben oder ihnen einen Sinn beigelegt habe, den sie nicht hatten. Zum Dank dafür macht das „Siglsche Vaterland" jetzt, nach seinem Tvde, Busch — znm Juden! Es soll uns übrigens gar nicht wundern, wenn jetzt oder später aus Büschchens Nachlaß oder sollst woher „authentische" Aeußernngen Bismarcks über den „Ritualmord" Plötzlich anftanchen würden, die natürlich dieselben Glaubwürdigkeiten für sich in Anspruch nehmen könnten wie die jetzt dem Grafen Andrassy in den Mund gelegten. Es klang bitter, wenn man sagte, die Inden selbst seien hie und da die eifrigsten Beförderer des Antisemitismus. Aber für Frankreich ist es sicher nicht ganz ohne thatsächlichenHinter» grund. Ein Pariser Berichterstatter, der von den Millionen Zetteln mit den Inschriften: „Morl aux juifs!“ und „N’achetez den aux juifs!" an Ladenthüren, Hausmauern, Briefkasten, Bonlevardbäuinen, Anschlagsäulen und Zeitungskiosken zu berichten weiß, erzählt am Schlüsse seiner Darstellung Folgendes: „In den Tingeltangeln und Künstlerkneipen nehmen antisemitische Lieder einen breiten Raum ein und finde», obschon sie nicht' nur gehässig, sondern auch läppisch find, großen Beifall. Das hält freilich die französischen Juden nicht ab. diese Kunsttempel eisrig zu besuchen und über ihre grausame Verspottung und Beschimpfung ebenso zu lachen wie ihre antisemitischen Nachbarn, von denen sie nicht erkannt zu sein glauben, obschon sie sich hierin häufig irren." In dieser Verallgemeinerung ist die Mittheilung sicher unrichtig. Daß aber der religiöse Jndifserentismus und die sittliche Verwilderung unter den französischen Juden überhandgenommen, ist doch eine traurige Thalsache, die dm Führern des Judenthums in jenen Ländern große Sorge macht. Eine religiöse Neubelebung ist dort dringendes Bedürfnis mit einer allgemeinen Ausweisung vorzugehen, so müsse man sich durch Boykottirung aller israelitischen Geschäftsleute deren Auswanderung erzwingen u. s. w. Die türkischen Blätter bemerken dazu, eine solche Maßregel sei wie ein zweischneidiges Schwert, das Bulgarien schärfer treffen werde als die Boykottirten oder Ausgewiesenen; ein ganz erheblicher Bruchtheil des flüssigen Kapitals und des Im- und Exporthandels fei iu deren Händen, eine Entziehung deffelbe müsse die finanzielte Krise des Fürstenthums nur verlängern; die Türkei werde übrigens nur Nutzen ans dem bulgarischen Antisemitismus ziehen, denn man werde die Juden hier mit offenen Händen empfangen. Thatsächlich haben sich schon beinahe 290 Familien an die Regierung gewandt mit der Bitte, ihnen Wohnsitze anznweisen und dürfte die Pforte dein Verlangen nur zu bereitwillig Nachkommen. Andererseits hat in der vorigen Woche der Minister des Innern Radoslawoff eine Deputation der jüdischen Kultusgemeinde Sofia empfangen, welche gegen jenes Antisemitenblatt Klage führte, das durch Verleumdungen, erdichtete und entstellte Schauergeschichten Haß gegen die Inden zu erregen sucht, und die Brandfackel der Feindseligkeit in die Bevölkerung schleudert. Der Minister, welcher den Ausführungen aufmerksames Gehör schenkte, gab zur Antwort, er kenne das angezogene Blatt nicht; er werde sich aber darüber unterrichten lassen und dem Treiben desselben, wenn ein solches stattgefnnden habe, Einhalt zu gebieten trachten. Weiters versicherte der Minister, daß ihm das Treiben des Antisemitenklubs bekannt sei. Er habe diesbezüglich dem Polizeidirektor entsprechende Weisungen bereits zukommen lassen, damit der Klub seine Propaganda einstelle. Zum Schluß führte der Minister aus, die Deputation könne ihren Stammes- und Religionsgenoffen die Versicherung geben, daß die bulgarische Regierung ihnen jederzeit den nöthigen Schutz werde angedeihen lassen, damit sie ruhig im Lande leben könnten. 4i> Einer der schlimmsten Judenfeinde iu Rußland war der soeben verstorbene Geheimrath Michael Kapustiu, zugleich einer der unheilvollsten russische»! Staatsmänner, einer der oberste»»' Rathgeber der Krone aus der Zeit Alexanders III., der Vernichter des deutschen Schulwesens der baltischei» Provinzen Rußlands und Vergewaltiger der Dorpater Universität. Kapustin »var ein hochbegabter, aber brutaler Vertreter des yffiziellen Nihilism»»s in den obersten Regionen der russischen Büreankratie. Jhin sind in Leidenschaftlichkeit und Rücksichtslosigkeit, Befähigung und Beharrlichkeit nur noch der ihm iin Tode vorausgegangene Justizminister Manassein und der noch iin Dienste stehende Oberprokureur des Synods Pobedonoszew gleich gekommen. Viele von den Beschränkungen, die die jüdische Schuljugend auf den höheren Lehranstalten in Rußland zu erleiden hat, sind auf sein Konto zu schreiben. Mit Michael Nikolajewitsch Kapustin M einer der schlimmsten, reaktionärsten Staatsmänner RützlMds aus den» Leben geschieden. * -V' * Der Antisemitismus macht sich auch in Bulgarien breit, und als sein Vorkämpfer spielt sich die Zeitung „Otsef" in Sofia auf, die ganz einfach die Ausweisung aller Juden aus dem Fürstenthun, verlangt und bedauert. daß man heutzutage nicht einen Kreuzzug wie vor 800 Jahren gegen die Türken predigen dürfe; wenn die Regierung zu schwach sei, Also auch den Krieg in Transvaal Haber» die Juden auf dem Gewiffen. Ja, er wird nur in ihrem Jntere^e geführt. Offen gestanden, haben »vir uns längst gewnndert, daß diese Entdeckung von den Antisemiien noch nicht gemacht wurde. Nun kommt sie aber gar von zrvei Seiten, erstens von englischen-. Sozialdemokraten, von Denen ein Theil entschieden antiseinitische Neigungen hat, und dann von der Berliner „Germanin".