Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 48 (1.12.1899)
- Date
- 1899-12-01
- Page
- Seite 566 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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dies ist auch zur Hälfte wahr, aber die Absicht der Verfolgung war ja auch gar nicht, um zu heilen, sondern nur um vorzubeugen. Ein von der Pest Befallener ist. unheilbar, und' man verfolgt ihn nur, um ihn daran zu verhindern, die gefährliche Krankheit weiter zu tragen, indem man durch sanitäre Maßregeln die Möglichkeit der Verbreitung der ansteckenden - Krankheit abschneidet wie nian einen Weinberg zu retten versucht, indem man die von der Philoxerra angegriffenen Stäöe ausreißt. Spanien ist das einzige Land, wo nian die Ausrottnngspolitik andauernd genug zur Anwendung gebracht hat, uni allein ihre Resultate an den Tag zu bringen. Im übrigen Europa schreckte man vor dem System zurück; man gab sehr schnell die Ausrottung der Ketzer durch Feuer und Schwert ans, ließ etwas von seinem Rechte ab, wurde nach und nach milder nnd endigte damit, was Pollack „das milde oder behutsame EhikanirnngSsystenr" nennt. Ob nun die Fürsten Protestanten oder Katholiken waren, fanden sie sich darin, daß eine gewisse Anzahl ihrer Unterthanen nicht die herrschende Religion, die Staatsreligion anerkannten. Ilm mit gutem Wissen maffakriren nnd ansrotten zu können, muß man davon überzeugt sein, daß der wahre Glaube zur Erlösung der Individuen nöthig ist; aber aus die Dauer beginnt man solche Anschauung in Zweifel zu ziehen oder doch zu finden, daß diese keine ganz vernünftige Meinung für sich hat, nnd es erscheint dann sehr hart, einen Menschen zu tödten wegen einer solch unvernünftigen Meinung. Von diesen, Augenblick an beschränkt sich die Verfolgung ans bürgerliche und mäßige Strafen. Man versagt dem Ketzer gewisse Rechte, beraubt ihn einiger der gesellschaftlichen Vortheile, inan behandelt ihn nur als halben Bürger, fast wie einen Minderjährigen, und auf verschiedene Weise sucht man ihm die Ketzerei zu verleiden — aber man läßt ihn wenigstens leben. t Der Gesichtspunkt hat sich verändert. Es handelt sich nicht länger um die Rettung der Seelen, sondern um die Gefahr, welche gewiffe Lehren der Gesellschaft aussetzen könnten, wenn sie Verbreitung fänden, und man kehrt daher zu der politisch-religiösen Verfolgung zurück, welche schon das polytheistische Alterthum kennt und bringt sie zur Anwendung. Das begrenzte Zwangssystem beruht auf dem Prinzip, daß gewiffe Glaubenssatzungen oder eine Minderheit von Glaubenssätzen nvthwendig für die Aufrechthaltung der Gesellschaftsordnung sind, so daß es wohl dem Einzelnen gestattet sein könne, den einen oder den anderen Glaubenssatz zu verwerfen und mit seinen Freunden darüber zu diskutiren, während es ihm verboten ist, öffentlich gegen die einmal angenommenen Satzungen aufzutreten. An deveZeiten. andere Sitten. Auch jenes Vorgehen erschien bald als zu streng; und die Schriftsteller des neunzehnten Jahrhunderts konnten es wagen, in ihren Anschauungen recht weit zu gehen, ohne von demselben beunruhigt zu werden. Also: In alten Tagen verfolgte man die Ketzer, um zu verhindern, daß die Seelen vergiftet würden; später beschäftigte man sich damit, den Staat gegen Meinungen zu vertheidigen, die man für gefährlich hielt; heute besteht die einzige Verpflichtung, welche man den Ketzern auferlegt, darin, die Konvenienz zu beobachten. Unter den wesentlichsten Ursachen der Verfolgungssncht befindet sich aber eine, sogar eine sehr wesentliche, die der Verfasser sonderbar genug übersehen zu haben scheint: Das ist die Tendenz, welche gewiffe Regierungen gehabt haben, um die politische Einheit auf die religiöse,und ihren absoluten Glauben auf das ihnen zuftehende Recht, auf ihre Weise die Gewissen ihrer Unterthanen zu führen und zu leiten... zu begründen. Man hat davon ein Beispiel, aber bielleicht auch nur dieses eine, schon im Alterthum. Antiochus Epiphanes, der von Mommsen als ein asiatischer Joseph II. charakterifirt wird, hatte den riesigen Plan erdacht, alle die Nationen, aus denen sein Reich bestand, zu verschmelzen, und in der Ueberzengung, daß der Religionsunterschied das größte Hinderniß sei für die volle Ausübung seiner Souverainität, wollte er, daß sie Alle den hellenisch-römischen Glauben annehmen sollten, zu dem er sich selbst bekannte. Er erklärte daher sowohl dem Gotte der Juden wie der Mitra den Krieg, verfolgte die Widerstrebenden uud plünderte unbarmherzig ihre Tempel. Es gelang ihm' nm&t&tt Aufstand der Juden hervorzurnfen und, ganz entzegen seinen Wünschen, die Bildung eines panthelstischen Staates zu begünstigen. Die spanischen Könige waren glücklicher; sie verjagten sowohl die Jude» wie die Mauren, so daß der katholische Glaube von den Pyrenäen bis Cadix zur Alleinherrschaft gelangte, und die Inquisition wurde zu hinein solchen wirksamen Werkzeug der politischen Einheit, daß Spanien die administrative entbehren konnte. Die Menschen haben nun einmal eine natürliche Neigung, Diejenigen als Ketzer zu betrachten, welche eine andere Meinung und einen anderen Glauben als sie selbst haben; aber diese Neigung, die während langer Zeiten durch die Gesetzgebung gestärkt wurde, wird jetzt von dieser bekämpft und hier befindet sich eben der große Unterschied zwischen jetzt und ehemals. Früher sahen die Staatsmänner die Intoleranz als eine Garantie für Frieden und Ordnung an, nnd durch eine natürliche Evolution. gelangten die Regierungen nach und nach dahin, die Intoleranz als den ärgsten Feind des Friedens und der Ordnung zu betrachten. Die Behauptung, daß die Intoleranz eine Bürgertugend sei, würde früher ein Paradoxon gewesen sein und ist jetzt nur eine ganz gewöhnliche Phrase; allein hier ist vielleicht der Ort, daran zu erinnern, daß solche Allgemeinheiten nicht zu verachten sind; denn es gehören Jahrhunderte dazu, um sie ins Leben zu rufen. Aber schließlich hat der Schriftsteller Recht behalten, der einmal sagte: Solang man von Toleranz spricht, herrscht noch die Intoleranz. Die Wahrheit dieser Sentenz können wir Juden alle Tage und in allen Ländern Europas, ja der Kulturwelt, am eigene» Leibe erfahren. Mir Woche. Berlin, 28. November. in Haupttric unserer Gegner ist es, verstorbene Größen für ihre Zwecke zu cijiren. Sie machen es wie die früheren Spiritisten, indem sie den citirten Geistern ihre eigene»! Worte in den Mund legen und dem umstehenden Publikum durch allerlei Kunststücke den Sinn einigermaßen verwirren. Man kann dieses Treiben jetzt in Oesterreich genau beobachten, wo man sogar den Grafen Andrassy als Kronzeugen für die Blutlüge anzuführen sich nicht gescheut hat. Eine lebhafte Polemik hat sich darüber entspannen. Aber das Entscheidend» ist und bleibt doch der Umstand, daß bei Lebzeiten des österreichischen Reichskanzlers keiner jener Herren,