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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-12-01 · Heft 48 (1.12.1899) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 48 (1.12.1899)
Date
1899-12-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Gm üttWrlerMes Organ für alles jüdische Interesse. 63. Jahrgang. Ar. 48. KerLi«, 1. Aezewker 4899 Begründet von . Nadbiner Dr. M-Wig PhiliPpson-Lonn. . Verlags-Grpedition: Gerlin, Zerufalemerstr. 48/49. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezögen vierteljährl.3 M. Medneten v: GnftnvKarpelejö* Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an - die Adresse: Verlag der „Allgern. Zeitung des Judenthums", Berlin 8^.,' Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse,. Berlin. ÄNlsiltll'. Leitartikel r Intoleranz. — Die Wochen — Zu > Ehren eines EhrennkanneI. Brief aus Oesterreich. — Die Frauen im Talmud. V. Von Rabbiner Dr. Tobias Cohn. —' Der religiöse Optimismus. III. Von PE Dp?LudwiMStein. -- Fettiüetonr Eifernde Liebe. Eine Erzählung von I. Zangwill. — Litterarische MittheilHtngen. Der ÄetzNeiNdevote. Korrespondenzen und Nachrichten r Berlin, Breslau, Glogau, Hannover, Bochum, Wien, Petersburg, Odessa, London. — Bon Räd und Fern. — Miseellen. Autoteran;. J Berlin, 28. November. JLpin berühmter englischer Rechtsgelehrter, Sir Frederick v, Pollack, Professor am der Universität zu. Oxford, ein Philosoph und Schriftsteller, der unter Anderem eine werthvolle Studie über Spinoza geschrieben hat, ein liberalkonservativer Mann, aber im Grunde genommen mehr konservativ als liberal, dieser Mann hat es vor Kurzem unternommen, eine Theorie der Intoleranz aufznstellen, ein Unternehmen, das leider heute mehr als zeitgemäß ge,raunt werden muß. Eine kurze Analyse dieser Untersuchung wirft interessante Streiflichter auf die Judenhetzen der Gegenwart in den verschiedenen Staaten Europas. Wenn man die Geschichte der Intoleranz schreiben will, ist die erste Vorsichtsregel, die man zu beobachten hat, die, sich vor ungenügenden Erklärungen zu hüten. Es fällt nicht schwer, alle die Unglücksfälle, welche die Intoleranz herbeigeführt hat, auf die ehrgeizige Priesterschaft zu schieben, die vor allen, danach trachtet, ihre Uebermacht aufrecht zu erhalten. Wie große Befriedigung diese Erklärung, die das Odium für einige der finstersten Blätter der Geschichte auf eine einzelne Gesellschaftsklasse wirft, auch den vulgären Geistern gewähren mag, ist sie doch, so meint der Verfasser, sehr oberflächlich. Wie wichtig es auch stets der Geistlichkeit gewesen sein n,ag, die Ketzerei äuszurotten, so würden doch ihre Bestrebungen fruchtlos gewesen fein, wenn sie nicht ans die? Zustimmung von Seiten der Völker und der Regierungen hätten rechnen können; denn gewißlich gab die Geistlichkeit die, Verbrecher an, aber es war der Staat, der sie strafte. Mit weit größerer -Berechtigung kötinte man.sagendaß, da die Urtheile, -welche gefällt wurden, stets die Konfiskätioi, des Vermögens aussprachen, die Regierungen bei der Verfolgung nur daran dachten, ihre Begehrlichkeit zu befriedigen.. Es ist gewiß, daß man die Juden. fast ganz in Ruhe gelassen haben würde, wenn sie nicht außer sonstigen -.Verbrechen^ das Unglück gehabt hätte», tüchtiger und reicher zu sei« als die Christen und Häher.auch mehr Neid als. eigentlichen Haß erweckten. Der . Antisemitismus der Jetztzeit liefert Zeug,,iß davon. In England wurden sie vor ihrer Versagung unter Eduard den. Ersten als besonderes Gut der Krone betrachtet,, und. mär, klagte sie nicht sonderlich nachdrücklich an, das Blut von Ehristenkindern zt, rituellen Zwecken zu verwenden, äußer wenn der König sich in drückender Geldverlegenheit befand.? Aber nichts destoweniger ist es wahr, daß die, Fürstenwelche die Juden und Ketzer verfolgten, nicht Mein glaubten, ein Recht auszüüben, sondern eine Pflicht zu erfüllen, daß das Bewußtsein, der Völker sie freisprach, und daß ein Gesetz, daß man fast für göttlich au» sehen konnte, Ihre? Gewaltthätigkeiten? billigte, D i e s i st e s, was zu erklären ist. . Die stark treibende Kraft in der Verfolgung ist.ebenso alt wie die Welt, sagt der Verfasser. Er hätte, vielleicht den Gedanken näher bestimmen können, indem er hiilzugesügt hätte, daß. die Intoleranz für die Gesellschaft als. eine Art Instinkt der Selbsterhaltung zu betrachten ist. Der Wilde hat seinen Fetisch, der ihn beschützt, ihm gute Jagd verleiht und seine. Heerde gedeihen läßt. Ans ähnliche Weise geht es mit den Völkern zu, die nicht mehr zu den Wilden gezählt werden. Nun gähnt freilich? die Tiefe eines. Abgrundes zwischen den Fetischen in Dahomey und z. B. der Verehrung, welche seinerzeit Pallas Athene oder. Apollo gewidmet wurde; aber wie hochgesinnt die Götter auch sein inogen, mischen die Völker doch gern ein wenig afrikanischen Fetischismus in die Verehrung, die sie ihnen weihen. Die Gesellschaft kann sich also darin nicht fügen, daß Ungöttliche und Freidenker der Religion die Achtung versagen, welche ihr zukommt. Die Anwesenheit eines einzigen Ketzers ist für sie eine Quelle der Gefahren und unterdrückt sie diesen, so führt sie nur eine selbsterhaltende Klugheit aus. Zu diesem Hauptgründe, der sowohl die civilisirtesten Stadtbewohner wie die wilden Stämme zur Intoleranz treibt, kommt noch, ein anderer? politischer Natur. Wenn man einmal; die Geistlichen als die höchsten-Funktionäre des Staates betrachtet, wenn man ihren Schutz in allen offenen Verhältnissen anruft, und wenn die religiösen Ceremoniei, mit dem ganzen Pomp der bürgerlichen und militärischen Institutionen innig verbunden werden, wenn -mit einen, Worte die. Religion der Politik einverleibt wird, so setzt sich jeder Widerstand gegen die,eiWesetzte Religion der Gefahr ans, als Verrath gegen die Sache derOrdnniigbetrachtetzi! werden. Es ist? sehr leicht gesagt, daß man die Ueberzenglmg Anderer nichsdurch Anwendung, der Macht überwinden könne, und

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