Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 47 (24.11.1899)
- Date
- 1899-11-24
- Page
- Seite 564 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3228311-3228359--55956-3292205- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
664 gemeinsamen rabbinischen Angelegenheiten nichts zu,. schaffen haben, und hier stand daS Interesse aller Rabbiner auf dem Spiele. Da blieb nichts Anderes übrig, als schnell, eine» neuen Rabbinerverband zu gründen, um „die/ Stellung der Rabbiner gegenüber den Uebergriffen der Par-- nvssim zu wahren". Der Aufruf zum Beitritt hatte überraschende Wirkung. Es war zur Erlangung der Mitgliedschaft weder der Nachweis eines besonderen Staatsexamens, noch die Antorisation durch ein Seminar, noch die vor einem Rabbinatskollegium abgelegte Prüfung verlangt. Und so meldeten sich zu dem neuen Rabbinerverband 5424 Mitglieder. Das neueste Jahrbuch des Gemeindebnudes weist freilich so viele Rabbiner in Deutschland nicht aus: wahrscheinlich haben sich die meisten Chasanim Deutschlands, dem Vorgänge der Parnossim folgend, auch zn Rabbinen gemacht. Parnossim waren jedenfalls auch darunter, und wie viele simple Gemeindemitglieder giebt es, die sich einbilden, Rabbiner spielen zu können? Jedenfalls zählt der neue Rabbinerverband 5424 Mitglieder. * Daran läßt sich nicht tippen. Der jüdische Gastwirth, bei dem die Rabbinerversammlnng stattfinden sollte, dachte ernstlich daran, sich irgend eine transportable Sängerhalle zu verschreiben. Es war aber nicht nöthig. Denn von den 5424 Mitgliedern kamen nur 24. Das waren aber iv ir k lich e Rabbonim aller Farben. Wenn ich recht unterrichtet bin, waren 25 Farben vertreten. Von den Verhandlungen ist nicht viel in die Oeffentlichkeit gedrungen. Die Anwesenden haben sich das tiefste Stillschweigen anferlegt. Nur soviel wurde bekannt: alle angemeldeten Vorträge mußten von der Tagesordnung abgesetzt werden, weil sie rabbinische und religiöse Angelegenheiten behandelten. Da unter den Anwesenden verschiedene gefürchtete Dauerredner sich befanden, so ward beschlossen, daß Keiner anhaltend länger als zwei Stunden reden dürfte. Der hervorragendste Vortrag behandelte das Radfahren. Leider bin ich nicht in der Lage, Ihnen mitzntheile», in welcher Weise dieser Vortrag im Zu- - sammenhange mit dem Zweck der Versammlung stand, die Stellung der Rabbinen gegenüber den Uebergriffen der Parnossim zu wahren. Aber ich denke, daß irgend ein Theilnehmer der Versammlung, nachdem ich Ihnen deren Tagung verrathen, sich veranlaßt fühlen wird, der stairnenden Mitwelt Näheres zu offenbaren, womit bis zum nächsten Male seine Schuldigkeit gethan zu haben glaubt Ihr Löb Korach. Im Lager zu Mizpa. Von Dr. M. Fiegel. ysias, der Syrerfeldherr, den die Lorbeerreiser schmücken, (gjSp Schickte seine Heeres,nassen, um die Juden zn erdrücken. Dort bei Emmaus ans dem Felde lagern sie in dichten Reihen. Zuversichtlich ob des Sieges sie den Göttern Opfer weihen. Schwenken fröhlich ihre Becher, singen übermüth'ge Lieder. Und aus allen Zelten Hallen Jubelhymueu mächtig wieder. Furcht und Schrecken herrscht im Lande; denn schon nahet das Verderben, Das der freche Syrerkönig wnthend drohte Jakobs Erben. Aber Judas Heer — nach Mizpa zieht es hin in ernstem Schweigen. Um sich dort an heiliger Stätte ehrfurchtsvoll vor Gott 31t neigen, Dort, wo Samuel der Seher einst in frommer Andacht weilte. Als die Scharen der Philister das Verderben jäh ereilte. Ihrer Sünden Zahl gedenkend, wenden sie ihr Herz voll Wemuth Hin zu ihrem höchsten Richter, beugen sich vor ihm in Demuth. Und sie beten: „Herr im Himmel, ach, iu Nöthen und Gefahren Hast bit stets beschirmt, gehütet deine auSerwählten Schaaren. Sieh, wir ziehen jetzt des Krieges rauhe, wildverschlmlgne Pfade, Und wir müssen unterliegen, hilfst du nicht mit deiner Gnade. Nicht nach unsrer Sünden Menge, wollest, Herr, du uns jetzt richten, Nein, nach deiner großen Liebe ~ daß nicht völlig uns vernichten Jene Frevler, die mit frechen Worten lästern deine Lehre, Die nicht anerkennen wollen deilles heil'gen Namens Ehre." Also beten sie; sie weinen und kasteien ihre Seelen, Und in ihres Vaters Obhut still ihr Leben sie befehlen. Da tritt Inda vor die Reihen, und er spricht mit ernstem Mahnen: „Haltet euch bereit für morgen! Denkt der Tapferkeit der Ahnen, Stürmet auf die gottvergess'nen, überm üth'gen Syrerreihen, Die deS heiligen Tempels Hallen frevelhaften Sinns entweihen! Seid getrost! Für seine treuen Diener wird der Herr selbst streiten. Ulld zn frohem Siege wirb er seine frommen Krieger leiten." Frendig tönt es durch die Reihen: „Ja. der Herr wird für uns streiten." Uild gestärkt durch Gottvertrauen sie zum Kampfe sich bereiten. Für die Lehre, die am Horeb Mose einst dem Volk geboten. Kämpfen sie mit wildem Muthe, achten nicht die Zahl der Todten, Treibell vor sich her die Feinde, die in jähem Schrecken weichen Und llicht ruh'n, bis sie ermattet der Philister Land erreichen. „Sieg!" so tönt^s von allen Seiten, rmd die frommen Streiter neigen Alldachtsvoll sich ihrem Gotte, ihre Demuth zu bezeigen. Da erklingt's aus einem Munde: „Dank dem Herrn für seilte Gnade, Er. der Allerbarmer war mls Hort Ulld Licht auf dunklent Pfade." Und mit lautem Jubelsange sallell ein die.vollen Chöre: „Jhni, der gnädig uns errettet.' Ihm sei Lob und Preis und Ehre!" Sprechsaal Sehr geehrter Herr Redakteur! lMhre Mittheilnng in Nummer,43 über die hohen Zifferll der in Ungarn nur standesamtlich geschlossenen jüdischen Ehen bedarf einer Nichtigstelluilg. Nach der Angabe des Költiglichell ungarischen laudesstatistischen Amtes wllrdell in Ullgarll — ohne Kroatien imb Slavonien — im Jahre 1896 6747 ulld im Jahre 1897 6931 jüdische Ehen mld christlichjüdischeMischehen vor den staatl ichenMatrikelämtern geschlossen, während, »vie nlir Herr Dr. Josef von Körösy, der Direktor des statistischen Bureaus, schreibt, dieAnzahl der i n d e n jü dische n Ma trikel n verzeich n et en Trauungell nur 4417 resp. 4286 betrug. Von diesen 2330 resp. 2645 nur stalldesamtlich geschlosseneil jüdischen Ehen fanden die Mischehen ohne kirchliche Einsegnung statt; denn auch der einzige Rabbiner in Ungarn, der gleich nach Einführung der Civilehe aus allzu großem Patriotismus sich zur Einsegnung von Mischehen bereit erklärt hat, ist längst davon abgekommen. Blos standesamtlich wurden auch alle diejenigen Ehen geschlossen. welche vonl religiösen StandpUllkte aus nicht zulässig silld. Rechnet man zu den ca. 340 Mischehen, die religiös nicht zulässigeir Ehen, welche sich im ganzen Lande auf ca. 200 belaufen dürften. so bleiben voll den 2330 resp. 2645 stalldesamtlich geschlossenen jüdischen Ehen ca. 1790 resp. 2100. welche, wohl gemerkt, in den jüdischen Matrikel ll nicht als getraut verzeichilet sind. Da ist nun vor Allem zu berücksichtigen, daß es viele jüdische Gemeinden giebt, welche nach Einführung der Civilehe ihre Matrikeln gar nicht oder lässig-fortführen llnd daß viele Gemeinden, trotz der Aufforderung des lalldesstatistischen Amtes, die rituell geschlossenen Ehen am Jahresschluß nicht allgeben. Jll deil jüdischen Matrikel!! sind auch alle diejenigen Ehen nicht verzeichnet, welche von nichtamtirellden Rabbirwrn getraut wurden, was in den an Galiziell grenzendell stomitaten sehr häufig vorkomnlt. Alles zusammengenomlnen, rednzirt sich die Zahl der in Ungarn nicht rituell getrauten Ehen auf einen sehr geringen Prozentsatz. Von den in Budapest in den genanntell Jahren geschlossenen Ehen bleiben ohne ritllelle Trauung kaum 1 Prozent. Hochachtungsvoll B ll d a p e st. 12. November 1899. Dr. M. K a y s e r l i n g. Druck und Verlag von Rudolf Mosfe in Berlin. Verantwortlich für dre Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.