Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 47 (24.11.1899)
- Date
- 1899-11-24
- Page
- Seite 563 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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-WWWWW 563 Popolo übersehen kann, zwei langbeinige Engländer mit den Lorgnetten an den Augen so eingefroren dort stehen sah, daß mein Herz wieder tief in die Brust zurücksank. Mein Begleiter, welcher mir nieine Gedanken vom Gesicht abgelesen haben mochte, sagte lachend: „Sieh nur dort diese englischen Nationalgesichter mit schmaler Nase, langem Kim: und dem offenen Munde, tu welchem man immer das weiße Gitter der Zählte sieht, hinter welchem die amte englische Sprache eingesperrt ist und sich mißmnthig darin herumwälzt,- lveil sie kann: mit der Tatze herauslangen darf! Und doch ist vielleicht kein Volk voll so poetischer Gedanken als dieses!" „Der Engländer", entgegnete ich, „ist ein verwöhntes Kind der Geschichte, großartig und launisch wie die Nordsee, seine Amme, tiefsinnig wie seine Mutter, die einsame große Insel, aber auch egoistisch und hartherzig wie sein reicher Oheim, der Welthandel, bei dem er auf dem Kotntor arbeitet!" Indem wir solche Gleichnisse schmiedeten, kamen wir weiter vor, wo wir gleichfalls die Piazza unten überschalten konnten. Dieser Platz des Volkes, wie er heißt, wird auch zum Rabensteine gebraucht. Ich sah dort zu verschiedenen Malen das entsetzliche Schauspiel der Hinrichtung. Dort sah ich auch zwei römische Carbonari unter der Guillotine Kopf uttd Leben verlieret:. Die beiden Bösetvichter standen brav und altrömisch. Jetzt war der Platz tvieder mit neugierigen Gaffertt attgefüllt, aus ihrer Mitte aber ragte hoch das Gerüst der Guillotine empor. Wie eine hungrige Natter züngelte oben das heimtückische Beil. Das Getöse der Menge wuchs. Der Verbrecher, ein hoher, schlanker Mann, schritt zwischen zwei betenden, verntnmmten Brüdern des Todes empor zur gräßlichen Bühne. Seine Gestalt schier: mir einutal im Leben schon vorübergegangen zu sein. Jetzt trat er zum Block, beugte sich — alles verging vor meinen Augen, ich wandte mich um, lvie ein Schwert fuhr es durch nteine Seele; ein dumpfer Schlag fiel; ich fuhr auf. ' Die Brüder des Todes uttd das gattze Volk schrien: „Es lebe Gott! Betet für die arme Seele!" Wie vernichtet startd ich oben. Mir war in diesem Augenblick die Welt so gleichgiltig, so ein schändliches und erbärmliches Nichts, daß ich selbst hätte sterben ntögen. Der alte Spielmann ging eben an mir vorüber t:nd drückte mir einet: Zettel in die Ha::d. Es war der gedruckte Bericht von der Verurtheilung des Verbrechers. Erst wie ich nach Hanse kam, warf ich einen Blick darauf. Wie erschrak ich aber, als mir die Worte: „Marchese Luigi Po::etti" in die Augen sprangen. Ja, er war es, der Unglückselige, der unter dem Beile der Justiz den Nackdn gebogen hatte! — Es war in dem Berichte kurz erzählt: Am fünfzehttten April dieses Jahres sei Luigi in das Benediktinerkloster zu ... . gekommen und habe begehrt, mit dem frommen Bruder Saverio zu sprechen. Dieser wäre gekommen, worauf Beide im Klostergarte:: eilte Zeit lang herumgegangen wären. Allda befinde sich ltnter anderen Heiligen auch eine kleine marmorne Statue der heiliget: Katharilta Dort angekommen, habe Luigi Pottetti den Mönch niedergeworfelt und mit einem Messer drei absolut tödkliche Stiche, zwei durch die Brust und einen in de:: Schädel hinei::, versetzt, so daß der unglückliche Saverio auf der Stelle sein Leben aufgegeben hätte. Die Klosterbrüder wären erschrocker: herbeigerannt, Luigi aber habe sich noch mit dem Mordwerkzeuge in der Ha::d ruhig gefatlgen gegeben. Seines Verbrechens geständig, wäre er tit der Hauptversammlung des Tribmtals einstimnlig zutt: Tode verurtheilt worden. Einige Tage darauf reiste ich mit diesem Schlagschatten in meiner Seele vot: Rom ab. Nabbiner-Versammlung. Geehrter Herr Redakteur! (£)j/4!/ einet: Augen habe ich kann: getraut, als ich meinet: Bencht über de:: Parttossimtag in Ihren: Blatte sah. Meine kühnsten Erwartungen sind übertroffen, meine verwegensten Träume erfüllt: ich bin gedruckt. Ja, ja Löb Korach, nun bist du ein berühmter Mann geworden. Sie schwärnten ja. auch für das „jüdische Familienleben"! Als die Jttdetühnmszeitutlg mit dem Parnossimtag in nteinen: Hanse eintraf, da hättet: sie ein Stück „jüdisches Familienleben" sehen können. Meine Frau schtvamn: in Thrüueu der Rührung ut:d bewunderte ihre:: „großer:" Matnt, und mein kleiner Sohr: schlvenkte die Zeitung in: Triumph. Natürlich habe ich selbst die Zeitung in unserer kleinen Gemeinde von Haus zu Haus getraget:, danüt jedes Gemeindemitglied lese, was „der Geringstett einer" geschrieben. Sie Alle waren stolz auf ihren berühmten Mitbürger; nur unfer Parneß war ein wenig beleidigt, weil ich ihn lticht mit: Rauten unter den Theilrtehmern atu Parnossimtag attfgezählt hatte. Er war nämlich auch unter den95, er warDevjenige, der seinen Chasan mitgebracht hatte ::nd dazu eitle schöne Rede, die ihm sein Chasan feit: sättberlich attfgesetzt hatte. Aber — es thut mir leid, Jhtteu das berichten zu müsset: -Abonnenten hat Ihre Zeitung trotzdem bei uns keinen einziger: gewönnet:. Die Leute meinten, eine Schwalbe mache noch keinen Sommer. Sie hätten bisher (woher die Leute das nur wissen?) die Jüdischkeit utrserer Gegend geflissentlich verschwiegen, ut:d wir würden doch auch zu Kol jisroel gehören. . . . Also wenn Ihnen an der Vermehrltng Ihrer Abonnentenzahl etwas gelegen ist, baut: ernennen Sie in unserer Gegetrd einen Spezialkorrespondenten mit tnöglichst hohen: Gehalt. Auch bei uns werden manche Juden 80 Jahre alt, auch bei uns feiert man silberne und goldene Hochzeit, auch bei uns wollet» Juden Stadträthe werden und bringend auch manchmal dazu, auch bei uns hält der Rabbitrer ergreisende Leichenreden, uttd in feiner Vertretung der Chasan noch viel, ergreifettdere, auch bei uns wüthet die Schnorrerplage, und von Zeit zu Zeit ereignet: sich bei uns sogar Dinge von welterschütternder Bedeutung, nvie z. B. der Parnossimtag. Gestatten Sie mir, so lange der Spezialkorrespondent noch nicht ernannt ist. Ihnen das Wichtigste zu berichten. Sie haben ja schoi: tvieder eit: hochbedeutendes Ereigniß übersehen. Auf den Parnossilntag folgte eine Rabbiner- Versammlung. Das war eigentlich selbstverständlich. Die Rabbiner mußten doch den Parnossim zeigen, daß sie sich nicht an den Wimpern klimpern lassen. Ulster Rabbiner als Derjenige, der der Stätte des Paruossimtages an: nächsten refidirt, nah::: die Sache in die Hand. Um der Demonstration das nölhige Gewicht zu verleihen, wählte er als Ort der Rabbinerversammlung denselben Platz, an dem die Parnossim getagt hatten. Aber welchen Rabbinerverband hätte er einladen sollen? Die bestehenden Rabbinerverbände wollen ja mit