Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-11-24 · Heft 47 (24.11.1899) · p. Seite 562

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 47 (24.11.1899)
Date
1899-11-24
Page
Seite 562 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3228311-3228359--55954-3292203
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

562 Weibchens vorgekommen. O, wie glücklich war er! Und wie dankte er im Herzen seinem frommen Freunde für den tröstlichen Zuspruch, der so sichtbar bei seiner Katharina angeschlagen hatte. Er drückte dem Mönch herzlich die Hand und bat ihn mit ben freundlichsten Augen, im Vorlesen fortzufahren, indem er selbst sich 31t seiner theueren Katharina setzte und sie inbrünstig küßte wie ein heiliges Gnadenbild; aber Katharina war auch so hingegeben, so ohne Widerstand, ihre Stimme so flötenweich, daß jeder Ehemann über so du weißes Täubchen entzückt gewesen sein müßte. Gerade so war meine PePPina auch, wenn sie früherhin was Unrechtes gethan hatte, wie ein Kätzchen, das den Milchtopf zerbrochen. Aber da kam sie schön an! Husch! husch! hatte sie die zehn Gebote im Gesicht, und das sechste mit dem Daumen der liitfeii Hand. Aber nun merkt auf! Während Saverio vorlas und Luigi mit dem Ring an der Hand seiner Frau spielte, trat der Goldschmied von der Strada de Condotti herein. Der schöne Saverio lachte höhnisch in sich hinein, die Marchesa aber wurde todtenbleich. oder auch roth, das soll mir gleich sein. Der Goldschmied wendete sich aber zum Mönch mit den Worten: „Edler Bruder, es ist gut, daß ich Euch treffe, Ihr werdet mir behilflich sein, den Handel abzuschließen." Dann aber sprach er zum Marchese: „Exzellenz! Ihr wollt also den schönen Schmuck behalten? Ihr thut sehr wohl; denn etwas Schöneres und Billigeres findet Ihr nicht sobald zusammen. Per bacco! §ätte ich Geld danach, ich behielte dieses Kleinod selber! Es wäre mir um keine Grafschaft feil. Das ist eine Arbeit in Gold und Stein, wie sie heutzutage gar nicht mehr geliefert werden kann. Benvenuto Celliui hätte die Steine nicht besser fassen können!" — Katharina war mehr todt als lebend. Luigi entgegnete: „Verehrter Meister! Wohl habe ich neulich um eueren allerdings sehr kostbaren Schmuck gefeilscht: aber seitdem habe ich mich anders besonnen. Meine Katharina mag nichts mehr davon wissen; Ihr aber thut sehr unrecht, Euch mit Eueren Maaren den Herrschaften aufdringlich zu machen!" Der Goldschmied machte ein zorniges und zugleich mißtrauisches Gesicht und sagte: „Nun, so gebt mir den Schmuck zurück, und damit soll es auch gut seill!" Katharina saß stumm lind weiß lvie Kalk im Armstuhl, ihre Hände zwischen die Knie gepreßt: der Mönch aber schien ruhig im Buche fortzulesen. So hat mir alles der Goldschmied Wort für Wort erzählt. „Ich weiß vori keinem Schmuck!" entgegnete Luigi. „Was?" rief der Goldschmied; „wenn die Edelleute solcher Kniffe sich nicht schämen, was soll der Bürger thun? Aber hier," er wendete sich zum Mönch, „hier sitzt mein Gewährsmann! An Euch halte ich mich!" „Da thust Du auch recht daran," erwiederte der Mönch ruhig und freundlich, „hättest Du das längst gethan, so brauchtest Du einen so wackeren Manu, lvie den Herrn Marchese, nicht in Verlegenheit zu setzen. Ja, Meister! Allerdings habe ich mir von Dir den Schmuck anvertrauen lassen oder vielnlehr Dich darum gebeten, um denselben noch einmal der vortrefflichen Marchesa zu zeigen und vielleicht dennoch einen Handel abzuschließen; um diesen Preis ist er doch zu theuer, Marchesa wünscht nunmehr den Schmuck nicht!" „Thut nichts! 's thut nichts!" versetzte der Goldschmied, „nur bitte ich um meiner! Schnruck." Katharina saß in sich selbst vertieft. Vergeblich fragte sie Luigi nach dem Ort der Aufbewahrung des Schnruckes, er .erhielt keine Antwort; der Mönch aber sprach: „Laß doch Hier im Schrank im dritten Kästchen links li'egt er."' Luigi zog das Kästchen heraus, und dev Schmuck fand sich natürlich vor. Die Marchesa that einen Hellen Schrei, als wollte sich die Seele vom Leibe trennen. Kopfschüttelnd gab ihn Luigi, kopfschüttelnd nahm ihn der Goldschmied zurück, der sich nun in Begleitung des tugendsamen Saverio hinwegbegab. „Theuere Katharina!" bat Luigi, „O, sage mir, wie bist Du so traurig eines solchen Schmuckes wegen! Vielleicht kann ich in den nächsten Monaten eine bedeutende Summe einnehmen; danll, ja dann sollst Du dennoch diesen Schmuck bekommen!. Wie könnte ich denn mein süßes Herz so leiden sehen! Komm, kleiner Narr, und sei gut!" Katharina aber stieß ihn von sich und schrie : „Rühre mich nicht an; ich bin pestkrank und aussätzig! Ich Elende! Ich Verworfene!" Sie warf sich auf den Boden, raufte sich die Haare aus und schrie, von heftigen Gewissensbissen gemartert, danll aber lveinte sie lvieder und schluchzte; wenn aber Luigi sie aufzuheitern suchte, begann sie von Neuem zu rasen. Gerade so machte es meine Peppina auch; rlur daß ich ein Mittel dagegen weiß. Dort aber im Palast ward bei einbrechender Nacht das Uebel schlilümer, sie nannte laut den Mönch einen Teufel, ihren Verführer! So daß Luigi wie ein Besessener ans dem Saale herausstürzte und zu seinen Dienern schrie: „Nehmt Euch in Acht, daß ich Euch nicht stoße! Hängt mir ein Brett vor die Augen! O, Jupiter, warst Du doch auch ein Stier, als Europa auf dir ritt, und hattest Hörner wie ein Stier!" Kennt Ihr die schöne Statue von dem Heiden Jupiter und Europa? Steht sie nicht im Vatikan? An eine solche Statue aber dachte der arme Luigi. Aber bald war er still und zog sich in sein Betstübchen zurück, indem er die Thür hinter sich zuschlug und verriegelte. Gegen Mitternacht klopfte v etwas leise an seine Thür und winselte ganz erbärmlich. Luigi aber biß sich in die Fäuste und blieb still. Als er am anderen Morgen bleich und wüst herauskam, meldete ihm ein Diener, daß die Marchesa verschwunden sei. Wie sie wieder gefunden worden ist, habt Ihr selbst gesehen! Seht," sprach nun lachend der alte Spielmann, „jetzt habe ich mein Versprechen gehalten!" Ich lohnte ihn, und er ging still fort, da er sah, lvie traurig mich seine Geschichte gemacht hatte. Ich habe nur noch hinzuznsetzen: Einige Wochen darauf erging ich mich mit einem Landsrnann auf dein Monte Pinzio in der ersten Frühlingsgrüne unfern der Villa Medici. Hier und da lachten blühende Bäume lvie fröhliche Mädchen und hoch schwang der Lorbeer seine goldenen Federbüsche. An den grünen Abhängen krochen muntere Knaben nach Primeln und blauen Tränbchen herum. Zn unserer Linken lag die ganze Stadt Rom mit ihren Palästen, Kirchen, Klöstern und tausend Straßen und Gaffen hingebreitet und schien sich selbst wie ein glückliches Kind ein Liedchen zu summen, das leise bis zn uns herüberwogte. Hoch oben aber im azurnen Himmel jauchzte eine urlsichtbare Lerche. Ich war so heiter gestinnnt, daß ich allen Menschen hätte zurnfen mögen: Der Völkerfriede ist erstanden, und null ist alles gllt! Wir Alle sind wieder Brüder worden! Bald wurde ich aber abgekühlt, als ich in einiger Entfernung auf der Stelle wo man die ganze Piazza de!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.