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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-11-24 · Heft 47 (24.11.1899) · p. Seite 561

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 47 (24.11.1899)
Date
1899-11-24
Page
Seite 561 (sequence 9)
Language
German
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- 561 Mathematisch beweisen läßt sich also der Optimismus als Weltanschauung «bensoweing wie sein geschworener Widerpart, der Pessimismus. In Schopenhnriers Rechnung habe» sich, trotzdem er in seiner Jugend auf einem Hamburger Haudelskomtor hinter einem leibhaftigen Hauptbuch saß. eben so viele Rechenfehler eingeschlichen, wie in die des erblindeten Philosophen Dühring, der trotz seiner Blindheit, zu welcher sich in der Judenfrage auch noch eine Art von Seelenblindheit gesellt, ein typischer Vertreter des Optimismus als Weltanschauung ist. Der Optimismus läßt sich im günstigsten Falle nur logisch beweisen; in Wirklichkeit kann er sogar nur gefühlt werden. Nicht der Intellekt, sondern das Gefühl entscheidet in der Regel darüber, ob man sich zum Optimismus bekennt oder nicht: Das Temperament, der Nasseninstinkt, ist hier stärker als alle Logik. Das Gefühl aber ist, wie wir in» letzten Abschnitt ausgeführt haben, eine inkommensurable Größe. Eben deshalb weisen wir seit Schleiermacher den Religionen das Gefühl als ihre ausschließliche Domäne an. Der Intellekt schafft Erfindungen, Technik, Wissenschasten und Philosophie, das Gefühl Künste und Religionen. Im beiderseitigen Jntereffe ist daher eine reinliche Scheidung dringend erforderlich. Die Philosophie soll die Religionen respektiren als Herrscherinnen im Reiche der Gefühle; die Religionen sollen den Wissenschaften und der Philosophie unbedingte Geltung im Reiche des Gedankens znerkennen. Vollzieht man nun eine solche Scheidung der seit Jahrtausenden im wildesten Unfrieden lebenden Ehegatten Philosophie und Religio»» — jene das Männliche, Denkende, diese das Weibliche, Gefühlsmäßige darstellend —, so muß auch, wie alle juristisch Geschulten ohne Weiteres zugestehen werden, eine Gütertrennung, eine gesondcrte Zntheilung der bisher gemeinsam besessenen Objekte ausgesprochen werden. Geschieht dies, so muß aus den angeführten Gründen der Optimismus, bisher gemeinsamer Besitz oder richtiger gemeinsames Streitobjekt beider Ehegatten, der Philosophie energisch abgesprvchen und der Religion ebenso energisch zugesprochen werden. Was mau nicht wissenschaftlich beweisen kann, daran kann man nur glauben. Der Optimisnius ist wegen der unaufhebbaren Subjektivität aller Lust- und Unlustwerthe als Weltanschauung mit mathematischer Präzision unbeweisbar, wenn er auch mit logischer Argumentation höchst wahrscheinlich gemacht werde» kann. Ist er aber nicht streng wissenschaftlich beweisbar, sondern nur als innere Ueberzeugung gegeben, d. h. fühlbar, so gehört er unstreitig in das Gebiet der Religion als der Beherrscherin unserer Gefühlsfaktoren. Stände mir nun ein Richterspruch von einiger Kompetenz in diesein Ehescheidungsprozeß zu, so würde ich i» oberster Instanz das Endurtheil dahin fällen: Die Ehe wird wegen gegenseitig unüberwindlicher Abneigung gelöst. Bei der Liquidation der Güterteilung fällt das eine Dominium Intellekt den Wissenschaften und der Philosophie, das andere Dominiuin Gefühl der Religion zu. Das feindliche Brüderpaar Optimismus und Pessimismus aber, an welchem beide Eltern bisher mit nicht allzu großem Erfolg herumerzogen haben, fällt endgiltig der Religion anheim, sintemal sie ganz und ohne Rest zur Gefühlssphäre gehört. Jetzt wird man es verstehen, warum ich nicht vom Optimismus schlechtweg, sondern vorn religiösen Optimismus spreche. Eine optimistische Weltanschauung haben, heißt in meinen Augen eben nicht, durch die großen philosophischen Optimisten Platon und Leibniz von der Richtigkeit eines transcendentalei» oder durch Dühring von derZuverlässigkeit eines empirischenOptimismus logisch überzeugt worden zu sein. Völker oder einzelne Menschen, welche das Unglück haben, mit greisenhaften Instinkten und den aus diesen heranswachsenden melancholischen Grundstimmungen ausgestattet zu sein, iverden durch keinen noch so scharfen Dialektiker zun» Optimismus bekehrt werden können. Hier kann nur das Gefühl helfen. Wie nach Spinoza ein Affekt immer wieder nur durch eilten anderen gleichwertlngen paralysirt iverden kann, so läßt sich der Buddhismus als die Weltanschauung der Unfrische, der degenerirtei» Instinkte nur durch das hellenisch-jüdisch-christliche Kultursystem heile»«, als der Weltanschauung jugendkräftiger Lebensbejahung, hoffnnngsfreudiger und siegeszuversichtlicher Lebeuserhebung. Der Buddhisinus ist der religiöse Ausdruck erschlaffter, abgelebter Kulturformen, unser Kultiirsysteu« hingegen die religiöse Formel der Welt- und Naturfrendigkeit, der jugendfrischen Initiative. Urid so möchte ich den Kerninhalt des religiösen Optimismus in die Worte pressen: Der Glaube an die Einheit und Vernünftigkeit des Weltganzen im Allgenieinen, sowie an die unendliche Vervvllkvuiinnungsfähigkeit des Menschengeschlechts im Besonderen, das ist das einzige und Grunddogma des religiösen Optinlismns. EUILLETOlä Mirjam. Eine Geschick«« aus dein römischen Ghetto. - V. anderen Morgen, znr Stunde, wo Luigi gewöhnlich ^ÄliL ausgegangen lvar, kam Saverio zu Katharilla. Sie war * -mT® ganz allein. Saverio nahm Gelegenheit, mit brennenden Worten von den« schönen Schmuck in der Ltracka de Condotti zu reden. „Es ist wahr," sagte er, „einen schönereit Schmuck hat selbst nicht eine Königin. Das ist ein Feuer in diesen Smaragden, daß man nicht die Augen hinwegwenden kai«n! Und wie schön sind diese Steine gefaßt! Solche Juwelen könnten eine Heilig« locke»«, einmal aus dem Himmel herunter zu gehen! Eine reiche Fürstin aus England, eine Ketzerin, hat gestern darum gefeilscht." Katharina seufzte tief auf. „Ich habe ihn gerettet!" rief Saverio und hielt das sunkelnde Kleinod vor der erblaffenden Katharina empor. — „O," rief Katharina, „ich wollte gern sterben, wenn dieser Schmuck nur ein einziges Mal wieder mein wäre!" — „Göttliches We'^' Du Inbegriff aller meiner Sehnsucht, erhöre mich, so soll dieser Schmuck Dein eigen sein! Ja, er ist es schon!" — Katharina war vor Freuden wie rasend. Bald drückte sie den Schmuck, bald den Mönch an ihre Brust, bis ihr alle Besinnung verlöre«» ging. Sollte man nicht die Weiber alle zusanirnen und meine Peppina mit in das Lotto setzen, daß »»an entlveder alle znsaminen gewönne und die Auswahl darunter oder eine Niete hätte? Denkt nur, fremder Herr, als Lnigi heimkam, fand er den frommen Saverio in sittsan»er Entfer««u»>g vor« der gebenedeiten Katharina sitzen und eine rührende Legende aus einem feinen Büchlein vorlesen. Katharina selbst aber saß «vie eine verklärte Heilige mit selig niedergeschlagenen Augen am Fenster und zeichnete a«n Kopfe einer büßenden Magdalena. So fromm und sanft «var ihn» lange nicht das Gesicht seines

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