Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 47 (24.11.1899)
- Date
- 1899-11-24
- Page
- Seite 560 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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860 erichtet?) daß er nach 24 jähriger Abwesenheit zn seiner Frau znrückkehrte. Während dieser Zeit habe diese, obwohl in drückendster Armnth, den Mann unterstützt, indem sie sich ihres Haarschmuckes beraubte und den Erlös ihm znkommen ließ. Später sei das Paar reich geworden, und Akiba machte seiner Fran aus Dankbarkeit einen seltenen Goldschmuck zum Geschenk, ans welchem die Stadt Jerusalem geprägt war. Bedarf es nach alledem der Erörterung, daß die Frauen im Talmud die Erzieherinnen ihrer Kinder waren und daß sie allein die Erziehung derselben leiteten? Das aber war dem Talmud gerade wichtig, weil er darauf die ganze Größe des Volkes, die ganze sittliche Hoheit und Macht der Nation gründete. Er wußte ebenso gut wie Tacitus, der dies voll den Germanen rühmt, daß der Einfluß der mütterlichen Erziehung durch das ganze Leben des Menscherl sortwirkt. Denir die Erziehung ist eine Aufgabe der geheiligten Mutterliebe. Die größte sittliche Gewalt, die eS in der Welt giebt, ist die, welche eine Mutter auf ihr jullges Kind übt, und riichts ist unwiderstehlicher für den Menschen oder unzerstörbarer in dem Menschen, als jene ursprünglichen Eindrücke, die voll einer trefflichen Mutter zurückgelassen mld durch beit unbestimmten Zauber der Erinnerungen ans der Kindheit beschützt werden. Es lag in der Eigenart, wie die Fran im Talmud ihre ersten Ehejahre verlebte, eine eigene Kraft und Hoheit der Seele, eine besondere Größe der Tugend und Reinheit der Sitte, mit welcher sie das Heiligthum der Ehe bewahrte. Es lag aber auch in dem Wesen der Erziehung, welche die Frau im Talmud an ihrem Kinde übte, eiue That von höchster Bedeutung, die Bethätigung des großen Berufs, in die Seele des Kindes den Samen des Guten zu senken, es mit Liebe zur Tugend zu erfüllen und vorzubereiten, daß es dereinst ein gewissenhafter Mitarbeiter am Tempel des Glaubens und Wissens, ein todesinnthiger Kämpfer für Religion und Vaterland werde. Und beide Momente, so leuchtend in den Frauen des Talmuds vertreten, waren ein voller, werthhyltiger Einsatz für die Ehrerbietung, welche sie genossen, für die geachtete Stellung, welche sie einnahmen. Aber nicht das Gemüth allein, durch das allerdings die Frau dem Manne überlegen ist, durch das sie ihn übertrifft an Selbstverleugnung im Dulden und Ertragen, an Tiefe der Liebe und Innigkeit, nicht das Gemüth allein berechtigte die Frauen im Talmud zu der dort anerkannten Stellung, sondern auch ihr Geist durch Aneignnng von gelehrtem Wissen, durch eine gewisse Nebenbuhlerschaft neben dem Manne in den weitverzweigten Richtungen der Glaubens- und Religionswissenschaft, welche den Inhalt aller gelehrten Bildung der damaligen Zeih überhaupt ausmachte. Man ist bis in unsere Tage herab geneigt, der Frau jene) Kräfte des Geistes abzusprechen, die zur Bethätigung größerer Berufe erforderlich sind, obwohl jedes Zeitalter, jedes Jahr»! hundert durch ungezählte Beispiele diese Annahme Lügen straft. Es mag wahr sein, daß in allen diesen Fällen die Frau sich! mehr empfangend als produktiv eriviesen hat, daß sie in Kunst und Wissenschaft keine neuen Prinzipien aufgestellt, keine neuen Erfindungen gemacht hat. Allein mau darf doch andererseits nicht die Enge unterschätzen, in welcher die Frau zu leben gezwungen war, die Borurtheile unbeachtet lassen, welche sie zu bekämpfen hatte, die tausendfältigen kleinen Beschäftigungen i) Dos., Nedcni», 50b, Jerusch.Sabb. VI, 1; Sat. XIX, 15. übersehen, die ihr im Hause zufielen und sie zu einer freien energischen Ausbildung des Geistes, wie es dem Manne möglich war, gar nichtkommen ließ. Genug, zu allen Zeiten hat es Frauen gegeben, die in Wissenschaft nnd Kunst sich hohe Anerkennung erwarbeir, und die Frauen des Talmud zählen zu diesen, soweit der dortige Stand der Bildung dabei in Betracht kommt. Was hals es, daß, wie wir vorhin ausführten, ein Verbot den Unterricht der Tochter in Bildung nnd Wissen untersagte! Ganze Reihen gelehrter Frauen bezeugen durch ihren Wissensdrang die Energie ihreS geistigen Strebens und den hohen Grad der Bildung, die sie erlangt haben. Da besuchen Frauen die gelehrten Vorträge, welche Abends gehalten werden, andere belästigen durch gelehrte Fragen die großen Meister, die wahre Leuchten auf dem Gebiete des talmudischen Wissens waren. Wiederum andere, welche an Gerichtsverhandlungen als Zuschauer theilnehmen, weisen dem Vorsitzenden Jrrthümer in seinem Urtheil nach?) Rabbi Josna, groß als Gelehrter und eiustußreicher Politiker zur Zeit des Kaisers Hadrian, bekennt, daß eine Frau ihn durch ihr besseres Wissen beschämt habe?) Allen voran aber verdient die gelehrte Beruria, Gattin des Rabbi Meir, genannt zu werden, die neben den Thanalm ihren Platz hat, mit ihnen diskutirt, in vielen Fällen von ihnen alierkannt wird nnd Hunderte von Gesetzesstellen auswendig kennt.8) Mag es auch immerhin eine Art Blanstrnmpfthum gervesen sein, daS hier feine Antiquitäten aufweist, mag .auch feststehen, daß das weibliche Geschlecht nicht in Wissen oder Können, sondern in der Persönlichkeit die Blüthe seiner Natur und die eigentliche Stätte geistiger Einwirkung auf Andere hat: solchen Beispielen gegenüber, wie lvir angeführt haben, war die Geringschätzung deS Geistes in den Frauen ein Jrrthum, das Verbot der Bildung vergebliche Mühe, nnd der Ausspruch, daß „die Weisheit der Frau in der Beschäftigung mit Spindel und Webstuhl bestehe"/) berveist nur, daß neben dieser auch jene gepflegt wurden. (Schluß folgt.) Der religiöse Optimismus. Von Prof. Dr. Lu d >v i g S tei u. II. er Optimismus ist keine mathematisch demonstrirbare Weltanschauung. Lust- und Unlustwerthe find dermaßen subjektiv und selbst beim gleichen Subjekt in so hohem Grade willkürlich und wechselnd, daß sie keine wägbare) meßbare Größe darstelleu. Vollends ist es eine Chimäre, für das Menschengeschlecht oder gar das ganze Universum eine Lust- und Unlustbilanz aufznstellen, wie sie Schopenhauer und Hartmann mit negativem, Düring und Duboc mit positivem Erfolg gezogen haben. Wenn es schon einem einzelnen Menschen kaum jemals mit Sicherheit gelingen wird, von seinem eigenen Leben eine unbedingt zuverlässige Bilanz mit genau fixirbarem Lust- oder Unlustüberschuß heranszurechnen, wie soll da erst die Rechnung beim Menschengeschlecht oder gar dem Universum stimmen? Wenn schon die Einer, die einzelnen Posten im Debet- und Kreditsaldo des Lebens willkürlich und unzuverlässig sind, wie wäre es denkbar, daß da die Schlußsumnie richtig und präzis sein soll? h Jouia 66 b, R. Hojcha». 17 b, B. Mezia. 59 b, Sabb. 116 a_ Ketiib 85,1. •) Ernbin 58 b. s) JilN.asi» II S. 21b, Zemach David 21b, Thvssepht. Kelim IV, Erubi» 58 b, Aboda Sar. 18 b. *) Joma 66b.