Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 47 (24.11.1899)
- Date
- 1899-11-24
- Page
- Seite 559 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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559 - Dies läßt sich aber mit Bestimmtheit sagen, daß nämlich in der jetzigen trüben Zeit, wo die antisemitische Agitation soviel Unheil verursacht, es höchst rathsam ist, daß Juden es streng vermeiden, Proselhtenmacherei zu treiben, zumal wie dies in der obenbeschriebenen Weise geschieht. Are Frauen im Talmud. Von Rabbiner Dr. Tobias Cohn. \ IV. anche unter den Frauen haben sich durch unrühmliche Eigenschaften urrsterblich'gemacht. Wir haben in dieser HillsichL schon die Frauen tnm Mechuza genannt rmd fügen an dieser Stelle noch die Frauen von Schechanzib hinzu. In Bezug auf jene meint der Talmuds, daß ein Glas Wein sich wohl für Frauen schicke, zwei seien schon ungeziemend, gar drei oder vier seien widerlich; von den Frauen in Schechanzib räth er ab, weil sie aberwitzig und spottsüchtrg sind^). — Auch solche Frauen kennt der Talmud, welche ihre Männer absichtlich kränken, indem sie immer das Gegentheil von dem auf den Tisch bringen, was der Mann wünschj?). So begegnen wir im Talmud manchem hochberühmten Manne, der durch die Tücke seiner Frau viel geplagt ist und voll bitterer Wehnmth ausruft: „Eine böse Frau ist schlimmer als ein Wintertag", und ein anderes Mal: „Behüte dich Gott vor etwas, das schlimmer ist als der Tod; denn solches ist die böse Frau"^). Und doch erklärt einer jener heimgesuchten Männer: „Das höchste Glück ist der Besitz einer Frau"?) ein ariderer kehrt niemals von seinem Ausgange in sein Haus zurück, ohne seiner Frau eine Liebesgabe mitzubringen, die er in das Tuch gebunden hat. Als er auf den Widerspruch, der darin liegt, aufmerksam gemacht wurde, erwiderte er, die Frau habe doch für die Erziehung der Kinder zu sorgen?) Ein Dritter endlich — und das war der, dessen Frau durch ihre Widerspenstigkeit hinsichtlich der Speisekarte sich auszeichnete — stellt geradezu den Grundsatz auf: Die Frau muß hoch geehrt werden, denn sie sorgt für die Erziehung der Kinder, hält sie zur Schule und zum Glauben an und bewahrt ihrem Manne Treue während seiner Abwesenheit auf den auswärtigen gelehrten Anstalten?) Darf es danach befremden, daß derTalmud dasLob der guten Frau in vollen Akkorden preist, daß er begeistert das Wort des Spruchdichters variirt: „Wer die Frau heimführt, hat hohes Gut erworben", und wenn er zuletzt voll tiefer Empfindungen zu dem Ausrufe hingerissen wird: „Komme und überzeuge dicA wieviel Glück und Heil eine gute Frau dem Manne verbürgt; ja eine gute Fran ist eine edle Gottesgabe."8) Schön war die Sitte in Palästina?) daß die Freunde des junger: Ehepaares mit Arrspielrlng auf Sprüche 18,22 und Koheleth 7,26 sich nach dem Ergehen desselben erkundigten; vollends rührend und zu künstlerischer Darstellung geeignet erscheint die Szene eines eben vermählten Ehepaares im Talmud, die uns zugleich auch eine Vorstellung von dem giebt, was dort unter anderem unter einer guten Frau verstanden wird. Ich meine die junge Gattin von Rabbi Akibas Sohn, die ihrem Manne bei seinen Studien leuchtet. Es war nämlich h Ketub. 64 a. -) Moed K. 28 b, Pes;ach 112 b. a) Jebcuii. 63 a. 4) Iebam. 63 a—b. 5) Jebam. 62 b, 63 b. °) Jebam. 63 a—b. 7) Berach. 17 a, Sotah 21 a, 8) Iebam. 63 b und sonst. 9) Jebam. 63 b. unmittelbar nach der Trauung, da wandte sich der Gatte seinen Studien zu, die er des Hochzeitsfestes wegen eben unterbrochen hatte. Als aber die Nachtaubrach, ersuchte er die Gattin, ihm dabei zu leuchten. Sie hält darauf die brennende Kerze in der Hand, der Mann vertieft sich in seine Studien, und das neuvermählte Paar bringt in dieser Gruppirung die Nacht über zu?) Am folgenden Morgen tritt der Vater Akiba bei dem jungen Paare ein, und beglückt ruft ihm der junge Gatte jenes Bibelwort zu.: „Wer die Frau heimführt, hat ein hohes Gut erworben". Wie aber das Ehelebenin Israel auf das Walten der göttlichen Vorsehung znrückgeführt wurde, wie es heilig war in seinem Bestände, erfüllt und durchdrungen von dem Gedanken der höchster: Sittlichkeit und Weihe: so herrschte ein humaner Geist nicht allein in der betreffenden Gesetzgebung, sondern auch in der Sitte, d. h. in der durch das Leben herausgebildeten Hebung und Gewohnheit im Umgang und Verkehr mit den Frauen. In der Gesellschaft hatte die Frau den Vortritt vor dem Manne?) Erschienen Männer und Frauen vor Gericht, so wurde über die Angelegenheiten der Fran zuerst verhandelt?) da es gegen den Anstand verstößt, diese mit den Männern zugleich warten zu lassen. Die in besonderer Hochachtung steheirden Frauen brauchten nicht persönlich vor Gericht zu erscheinen, sondern konnten durch einen Abgeordneten des Gerichts in ihrem eigener: Hause vernommen werden?) und als einmal die Wittwe des großen Gelehrten Rab Huna vor Gericht erschien, erhob sich der Präsident von seinem Sitze ihr zu Ehrend. Solche Formen der Gesetzgebung und Sitte sprechen von selbst für die Werthschätzung der Frau im Talmud, für die geachtete Stellung, welche sie dort einnahm, im Gegensätze zu den benachbarten Völkern. — Aber diese Thatsachen wirkten zugleich auch auf das gesammte Sein der Frau, auf ihre Liebe und Verehrung, ihre Hingabe und Entsagung für der: Mann und erzogen große Charaktere unter den Frauen, welche einzig erscheinen in der Kulturgeschichte der Völker und bezeichnend waren für die treibende Gewalt des Glaubens und seiner Wissenschaft im Judenthum. Es bestand nämlich die Sitte in Babylonien und wohl anch in Judäa, daß sehr bald nach der Vermählung der Mann seine junge Frau verließ, um auf dert berühmten Akademien in Judäa dem Studium des Gesetzes obliegen zu können, und es in der Kenntniß desselben zu möglichster Vollkommenheit zu bringen. Zwölf Jahre und darüber brachten auf diese Weise die junger: Männer, fern von ihrem Hause und ihrem Weibe, zu?) dem während dieser ganzen Zeit alle Sorge der Existenz überlassen blieb. Der einzige Trost, welcher der so gleichsam verwittweten jrrrrgen Frau den Schmerz der Verlassenheit mildern konnte, war die Hoffnung, daß der Gatte dereinst als hochgeachteter Gelehrter und Gesetzeskundiger zurückkehren urrd sie an dessen Seite die Ehren theilen rverde, die feiner harrten. So zogen viele im Talmud namhaft gemachten Männer zu dem bezeichneten Zweck in die Fremde, und wem: sie zurückkehrten, rvaren ihnen die Wege und Straßen der Heimath fremd geworden. der Sinn für die heinrischen Verhältnisse war ihnen abhanden gekommen, und das eigene Kind stand unerkannt vor seirrem Vater?) Von Rabbi Akiba, einem der gefeiertesten Meister im jüdischen Alterthum, wird h Jalkut Nr. 958 zu „Sprüche" 28.12. -} Thaau. 23 b. a) Jebam 100 a, Maini. Sanhedr. 21,6; Chosch. Mischp. 15, § 2. * 4) R. Nissim zu Schevuoth IV, 1; Chosch. Mischp. 124, §1. >) Schevuoth 30 b- 15) Ketub. 62 b. r) Das.