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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-11-24 · Heft 47 (24.11.1899) · p. Seite 558

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 47 (24.11.1899)
Date
1899-11-24
Page
Seite 558 (sequence 6)
Language
German
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558 bezeugung. Nach einem Toast auf Prinzregent und Kaiser feierte Herr Rabbiner Dr. Werner mit geradezu hinreißender Beredsamkeit die hohen Ziele der Verbindung. Zur Fahnenweihe selber fanden sich heute zahlreiche Herren und Damen in festlicher Stimmung ein. Der Festakt wurde stimmungsvoll eingeleitet durch einen Choral. Nach einer Begrüßungsrede des Präsiden wurde die Fahne überreicht im Namen der Spender von Herrn Michael Nußbau m, welcher in glänzender, von Herzen kommender und zu Herzen gehender Rede mit markiger! Worten ausführte, man sei der Gründung der „Licaria" in Bürgerkeisen am Anfang skeptisch gegenüber gestanden und nicht Jedermann sei von der Nothwendigkeit der Entstehung überzeugt gewesen. Die Licaren haben jedoch in der kurzen Zeit ihres Bestehens im wahren Sinne des Wortes „schlagend" den Beweis geliefert, daß sie nicht nur eine Existenzberechtigung, sondern geradezu eine Existeuzverpflichtung haben. Es sei Sache der Bürger, solch hehre und ideale Bestrebungen zu unterstützen und zu fördern, und deshalb überreiche er als Zeichen des Dankes und der Anerkennung im Namen der Spender die Fahne mit dem Worte der Schrift: „Jsch al Digloli“, „Jeder halte zu seiner Fahne." Diese Worte des Festredners Herrn Michael Nußbaun: fanden stürmischen Beifall. Als derselbe sich gelegt hatte, ergriff Herr Rabbiner Dr. Werner das Wort zu einer Weiherede, welche ein Meisterwerk der Rhetorik genannt werden muß. Alsdann dankte ein Philister der „Licaria", Herr Rechtspraktikant Dr. Hollaender, indem er in beredten Worten, welche von wahrhafter Begeisterung Zeugniß ablegteu, die Zwecke und Ziele seiner Verbindung auseinander setzte. Zahlreiche Bänder wurden hierauf, gestiftet von Frauen und Jungfrauen und Familien, au die Fahne angehängt unterentsprechenden Ansprachen. Viel Beifall fand hierbei die Ansprache einer redegewandten Dame, Frau Hermann Weil, sowie der Prolog und ein Gedicht der beiden Fräulein Loewenthal, gedichtet von Herrn Dr. Benario. An den Festakt schloß sich in würdiger Weise ein Ball an, gewürzt mit Vorträgen aktiver Licaren. Ueber Münchens Dächern fern im Osten sah man Frühlicht glänzen, da zogen die letzten Mannen nach Hause. Wir aber verließen das Fest in dem Gedanken, daß auch hier wiederum der alte Spruch zur Wahrheit geworden: „Auch das zum Guten." Der Licaria und all ihren Kartellverbindungen ein Vivat ervseat, tloreat! Briefe aus England. Von Nev. Dr. I. C h o tz n e r. 'ährend der verflossenen Sommermonate erschien wiederholentlich in verschiedenen englischen und auswärtigen Blättern die Ankündigung, daß Mr. Oswald Simon in wenigen Wochen einen allwöchentlichen Sonntagsgottesdienst in London abhalten werde, der den üblichen Sabbathgottesdienst ersetzen sollte. Selbstverständlich machte diese Ankündigung hierzu Lande, wo die Gesellschaft zur Bekehrung derJuden ihren Hauptsitz hat und wo überhaupt allerlei religiöse Fragen stets mit mehr oder weniger Heftigkeit diskutirt werden, in jüdischen wie nicht jüdischen Kreisen ziemliches Aussehen. Besonders jubilirte darüber die ganze Fraternität der jüdischen Missionäre in England, die, als sie einst noch streng orthodoxe Inder: in Rußland waren und sich über den Talmud recht heftig schüttelten, jeden ihrer früheren Glaubensgenossen verdammten, der es wagte, am „heiligen" Sabbath ein Taschentuch durch die Straßen zu tragen; diese sauberen Leutchen schlugen sofort Kapital aus der fraglichen Ankündigung, indem sie dieselbe in ihren salbungsvollen Predigten als Resultat ihrer eigenen gottgesegneten Wirksamkeit bezeichneten, daß nämlich ihre früheren Glaubensgenossen in England schon angefangen hätten, im „Lichte des neuen Testaments" zu wandeln. Aber hierin bewährte sich wiederum das alte lateinische Sprüchwort, das verdeutscht lautet: „Es dröhnten die Berge, und zuin Vorscheine kan: eine lächerlich kleine Maus." Der erste jüdische Sonutagsgottesdienst in England fand wirklich am vergangenen Sonntag in London statt, aber er begann und endete so harmlos, wie eine in der Sahara losgelassene Bombe. Mr. Simon miethete zu diesen: Zwecke ein großes Zimmer im Westen von London, das nicht die geringsten Anzeichen irgend eines Betsaales hatte, und in Gegenwart von etwa 80 Personen beiderlei Geschlechts verrichtete er die üblichen Funktionen eines Predigers, Vorsängers, Chorleiters — der Chor bestand aus zwei Damen und einen: kleinen Jungen — und sogar die eines „Schammes". Die größere Majorität der besagten Versammlung bestand aus Nichtjuden, während eine kleine Zahl von jüdischen Freunden und Gegnern des fraglichen Unternehmens den Rest bildete. Was den Gottesdienst selbst anlangt, so wechselten dabei Auszüge aus dem hebräischen Gebetbuche — natürlich in englischer Uebersetznng — mit kirchlichen Hymnen ab, und jedes hebräische Wort wurde da ganz rigoros ausgeschlossen. Manche der Andächtigen knieten hie und da nach Belieben und waren somit dem ganzen vorgeschriebenen Programm treu, welches das Knien während des Betens nicht ausschloß. Die Predigt bildete natürlich die Mee de resistance in diesem geistigreligiösen Feste, und in ihr legte der Redner sein eigentliches Glaubensbekenntniß ab und führte zugleich auch die Gründe an, die ihn: zu seinem Unternehmen Veranlassung gaben. Er glaube, sagte er unter anderem, daß die Juden ein Königreich von Priestern seien und in dieser Eigenschaft einzig und allein die wahre Gottesidee besitzen. Es sei daher ihre Pflicht, diese Ideen zu verbreiten und allenthalben bekannt zu machen. Die im Pentateuch enthaltenen ewigen Wahrheiten seien nicht ausschließlich für die Bekenner des Judenthums, sondern vielmehr für die gesummte Menschheit bestimmt. Das Judenthum, sagte Redner zum Schlüsse seiner Predigt, habe zu allen Zeiten seiner Geschichte Vertreter gehabt, welche die heilige Mission desselben laut und öffentlich verkündigten.' Zu diesen gehöre nun auch er, und es sei sein frommer und höchster Wunsch, daß sein Unternehmen den besten Erfolg haben möge. Nach Beendigung der Predigt recitirte Mr. Simon einen Theil des „Kaddisch", worauf ein feierliches Finale vom Chorunter Harmoniumbegleitung gesungen wurde. Auch hörte :nan dann den Klang von Münzen, die von manchen Anwesenden in einen Teller geworfen wurden, der in der Nähe der Thüre des Betsaales sich befand. So endete der erste jüdische Sonntagsgottesdienst in England, dessen Einführung schon Monate vorher in verschiedenen Zeitungen mit großem Eclat angekündigt worden war. Ob derselbe lange fortgesetzt und günstige Resultate erzielen wird, das wird die Zukunft lehren.

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