Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 47 (24.11.1899)
- Date
- 1899-11-24
- Page
- Seite 557 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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567 Aus dem Studententeden. Äon Rechtsanwalt Engen Beer. ' München, den 30. Oktober. er die an unseren Universitäten unter der Studentenschaft herrschenden Verhältnisse, wie sie sich in den letzten fahren entwickelt haben, mit Aufmerksamkeit verfolgt hat, dem ist die bedauerliche Thatsache nicht entgangen, daß der Antisemitismus unter den Studenten, welche dereinst im Leben berufen sind, eine führende Rolle zu übernehmen, in einer geradezu erschreckenden Weise zngenommen hat, so daß es für einen jüdischen Studenten nicht erstrebenswerth ist, einer Studentenkorporation, mag diese ein Korps sein oder eine Burschenschaft oder sonst eine studentische Vereinigung, beizutreten; denn zum großen Theile haben diese offiziell den Beschluß gefaßt, keine Juden aufzunehmen, zum großen Theil auch stehen sie, ohne, einen offiziellen dahin gehenden Beschluß gefaßt zu haben, Jahre lang schon auf dein Standpunkt, ihre Korporation judenrein zu halten, was aber merkwürdiger Weise jüdische „Alte Herren", die einst als Studenten dieser Korporation noch angehören durften, nicht hindert, der Korporation weiterhin als Philister anzngehören und sich ans Kneipen als Erinnerung an vergangene Zeiten anstaunen zu lassen. Es ist dies eine nach beiden Seiten hin bedauerliche Erscheinung am Ende des 19. Jahrhunderts, das so gern das Jahrhundert der Aufklärung genannt werden möchte. Wie aber jedes Verhängniß seine Gnade hat, so hat auch hier diese bedauerliche Erscheinung ein erfreuliches Ergebniß gezeitigt, und das ist die Entstehung jüdischer Korporationen an unseren Universitäten. So unerfreulich der Grund der Entstehung ist, so erfreulich ist die Entstehung selbst, aber nicht etwa, weil es begrüßenswerth ist, daß konfessionell abgeschlossene Korporationen bestehen. Im Gegentheil, es ist tief bedauerlich, daß eine konfessionelle Abschließung hat kommen müssen; aber erfreulich ist, daß jüdische Studenten-sich gefunden haben, welche sich nicht etwa selbst abschließen, wie man ihnen zuiveilen zum Vorwurf macht, sondern als Ausgeschlossene den vornehmen Stolz in sich tragen, sich selbst, ohne anderswo vergeblich anzuklopfen, zu Korporationen zu vereinigen, in denen sie nach Innen und nach Außen so lange wirken, bis die Zeit heraufkommt, in der sich ihnen die übrigen Korporationen wieder eröffnen, in der sie nicht deshalb abgewiesen werde»i, weil sie Juden sind. Nach dem Vorgang von Breslau bildeten sich im letzten Jahrzehnt jüdische Verbindungen in Heidelberg. Berlin, München, Freiburg und Bonn, welche untereinander in einem Kartellverband stehen. Man vergegenwärtige sich die Situation der zur Hochschule kommenden jungen Leute. Sie verlassen das Gymnasium, beziehen, die Brust geschwellt von Hoffnungen und Idealen, die Universität, und erfahren sofort, daß ihre Koabiturienten, mit denen sie noch vor wenigen Tagen aufs Freundschaftlichste verkehrten, in Korporationen eingetreten sind, in denen man sie alsbald darauf aufmerksam macht, daß der Verkehr mit ihren jüdischen Koabiturienten nicht gern gesehen werden. Jedem einwandsfreien Studenten stehen diese Korporationen offen, dem jüdischen Studenten, sei er auch noch so einwandsfrei, bleiben sie verschlossen. Der Eine wird darob verbittert, der Andere wird gleichgiltig, wieder Andere geben sich dem Studium hin. Die letztgenannte Folge ist ja an sich sehr erfreulich, allein, von der Wiege bis zur Bahre sind die schönsten die Studentenjahre, und es sind die schlechtesten Philister nicht, die unter Tags studirten und Abends Studenten waren. Es besteht in diesen Jahren ein Bedürfniß, sich mit Gleichgesinnten zu vereinigen und sich mit ihnen zn freuen. Da öffnen sich nun dem jüdischen Studenten Korporationen, in denen er Gleichgesinnte findet, junge Männer, die sich vereinigt haben, studentisches Wesen und studentisches Leben, die Liebe zu unserem deutschen Vaterlande wie die Liebe zum Judenthum, in ihrer Mitte zu pflegen. Wer Gelegenheit hat. die Kneipen dieser Korporationen zu besuchen, dem muß das Herz aufgehen vor Freude, wenn er sieht, mit welcher Begeisterung dieselben ihr hochgestecktes Ziel im Auge haben. In der einen Hand den Schläger, mit dem Jeder zur Rechenschaft gezogen wird, der sich erfrecht, die Leute zu beleidigen (und die Beleidigungen, denen die jungen Leute uin ihres Judenthums willen ausgesetzt sind, sind nicht eben selten), in der anderen Hand die Waffe des Geistes, die Wissenschaft, die Litteratur und die Geschichte des Judenthums, womit sie sich ausrüsten znm Kampfe im Leben, in dem auch sie berufen sind, dereinst eine führende Rolle zu übernehmen, getragen von dem Bewußtsein, daß, wer die Geschichte und die Litteratur des Judenthums keiint, ebenso stolz wird auf sein Judenthuni wie wir als Deutsche es sind auf unser Deutschthum. Mit flammender Begeisterung we.cken die jungen Leute in ihren Reihen die Liebe zum Glauben ihrer Väter und weisen in ihrem Thun, ihren Reden wie in ihren Liedern auf die Verächtlichkeit Dessen hin, der sich des Vaters schämt. So hat der Geist, der das Böse gewollt, das Gute geschaffen. Seit nunmehr vier Jahren besteht in München eine Verbindung. „Licaria" genannt. Dieselbe stieß in den ersten Jahren ihres Bestehens gar vielfach auf Vorurtheile in Studentenkreisen, und es ist das Verdienst einiger Bürger, das Wesen dieser Verbindung bei Zeiten und richtig erkannt zu haben. Um die jungen Leute in ihrem schweren Kampfe, der nicht nur der Sache des Jndenthums allein, sondern damit auch der Sache der Menschheit gilt, zu unterstützen, hat es an Worten der Anweisung nicht gefehlt. Aber mit Worten allein ist nichts gethan. Auch ein sichtbares Zeichen der Anerkennung mußte geschaffen werden, welches den Leuten beweisen soll, wie sehr man ihre Bestrebungen zu würdigen weiß. Da traten denn im Laufe des Sommers drei Herren, Michael Nußbaum, Louis Weil nnd der Schreiber dieser Zeilen zusammen, interessirten eine Anzahl jüdischer Bürger für die Sache, und aus deren Mitte wurde eine Fahne gestiftet, welche heute der „Licaria" überreicht wurde. Die Fahne selbst ist ein Meisterwerk der Münchener Stickkunst und Nadelmalerei, hervorgegangen ans dem Atelier der Stickerin Frau Emilie Hamburg in München. Die aus der Ueberreichung veranstaltete Fahnenweihe wurde am Vorabend durch einen solennen Festkommers eingeleitet, bei welchem Vertreteraller Karfellverbindnngen und eine große Anzahl Münchener- Bürger anwesend waren. Der Präses, Stud. jur. Ludwig Weil, ein biederer Schwabe, gab in seiner schneidigen Begrüßungsrede, der Aktive, Stud. med. Josef Hirsch in einer tief empfundenen Tendenzrede der Freude Ausdruck ob der erfolgten Sympathie-