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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-11-24 · Heft 47 (24.11.1899) · p. Seite 556

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 47 (24.11.1899)
Date
1899-11-24
Page
Seite 556 (sequence 4)
Language
German
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556 drei Kindern sine Stiefmutter zu geben, so erzog eine alte Großmutter dieselben, indem sie wohl gewissenhaft für ihre körperliche Pflege sorgte; sonst blieben die Kinder viel ans sich selbst angewiesen, denn den Vater hielt sein Geschäft oft vom Hause fern. Glücklicherweise besaß Jennys Vaterstadt schon damals eine treffliche Töchterschule, und das begabte, lernbegierige Kind gewann in derselben einen Schatz von Kenntnissen. Als Jenny in ihrem fünfzehnten Jahr« die Schule verließ, hielt sie ihre Ausbildung keineswegs für abgeschlossen, sondern nahm sich vor, durch eifriges Selbststudium ihr Wissen zu erweitern und zu vertiefen; namentlich hatte sie ein hervorragendes Talent für Sprachen, in denen sie es in der Folge zu großer Fertigkeit brachte. Ihr redliches Streben, unablässig an ihrer Fortbildnng arbeiten zu wollen, stieß aus nicht geringen Wiederstand in ihrer Familie und in ihrem Freundeskreise; dort herrschte noch das Vorurtheil, ein Mädchen in ihrer Lebenssphäre brauche überhaupt nicht so viel zu lernen als sie scholl wußte, ja, es sei geradezil unpassend, noch au Fortbildung zu denken und sich mit Büchern zu beschäftigen. Sie mußte die Erziehung ihrer Geschwister wie die Leitung des Hauswesens übernehmen und, obgleich sie weder Lust noch Veranlagung dazu hatte, auch im Geschäst ihres Vaters thätig sein; heimlich setzte sie jedoch ihre Studien fort. Die Großmutter starb, das Geschäst ihres Vaters mußte insolge Rückganges aufgelöst werden, die Geschwister kamen in die Fremde, ivährend Jenny bei ihrem Vater blieb, das kleine Hauswesen alleiil besorgtes sich durch Anfertigung feiner Handarbeiten einen Erwerb ver'- schaffte und doch noch Zeit erübrigte, zielbewußt vorwärts zu streben. Es ist bezeichnend für jene Zeit, daß auch nicht eine einzige Person in Jennys Umgebung auf die Idee kam, daß Befähigung nild Wissen das junge Mädchen auf einen anderen Weg zu befriedigenderer Thätigkeit und lohnenderem Erwerb hinwiesell. Bis zu seiliem Tode, der 1856 erfolgte, ividmete Jenny ihrem Vater aufopfernd kindliche Fürsorge und Hingebung;' nun hieß es, sich aus eigener Kraft eine Existenz aufbauen. Nachdem die Behörde ihr, der Jüdiil, ans ein Gesuch mit* anerkennenswerther Bereitwilligkeit die Genehmiguilg ertheilb hatte, eine Privatelenientarschule für Knaben und Mädchen jeder Konfession zu errichten, widinete sie sich mit Eifer und Pflichttreue ihrem Berufe und gab noch vielfach" Sprachstuilden. Außerdem begann sie sich schriftstellerisch zu versuchen, und dies sollte von bestimmendem Einfluß auf die Gestaltung ihres ferneren Lebens werdeil. Durch eine Bekannte, welche mit dem Besitzer ulld Begründer des „Bazar"' in Verkehr stalld, hatte dieser Einblick in einige litterarische Arbeiten Jennys erhalten, dieselben waren in der beliebten Frauenzeitung erschienen, und kurze Zeit darauf wllrde sie in die Redaktion des „Bazar" berufen. Sie übersiedelte zu Anfang des Jahres 1860 nach Berlin, das ihr lieb und vertraut war, da sie wiederholt als Gast ihrer Verwandten mütterlicherseits dort geweilt hatte, und wirkte vier Jahre als Redaktionsmitglied des „Bazar". Um jene Zeit zeigten sich die ersten Bestrebungen hochgesinnter Frauen, welche die Erringung einer größeren Selbständigkeit der Frauen, die Erweiterung der Frauenbilduug und der Franenerwerbsgebiete zum Ziele hatten. Es war nur zu natürlich, daß Fräulein Hirsch bald die lebhafteste Theilnahme hierfür empfand. Nachdem sie von der Redaktion des „Bazar" zurückgetreten war, hatte sie sich vorerst litterarisch beschäftigt, wohnte jedoch schon im folgenden Jahre dem ersten deutschen Frauentage in Leipzig, aus welchem der Allgemeine Deutsche Frauenverein herporging, bei. Sie redigirte hierauf kurze Zeit gemeinsam mit der Schöpferin desselben, Frau Luise Otto-Peters, das Vereinsorgan „Neue Bahnen", zog es jedoch vor, ihre Zeit und Kraft dem damals in Berlin entstandenen Verein zur Förderung der Erlverbsfähigkeit des iveiblichen Geschlechts, dem späteren Letteverein, zu widmeil. Sie übernahm das Amt einer Schriftführerin und verwaltete dasselbe niit der ihr eigenen hohen Pflichttreue bis zu in April 1883. In dieser amtlichen Eigenschaft war sie bei verschiedeneil Frauentagen, die der Allgemeine Deutsche Frauenverein veranstaltete, anwesend, so in Berlin, Hamburg, Darmstadt. Wiesbaden, Lübeck und Breslau, und ist auch zuweilen der Ehre theilhaftig geworden, von der deutschen Kronprinzessin, der späteren Kaiserin Friedrich, der erhabenen Protektvrin des Lettevereius, einpsangen zil werden. Von 1870—81, während der Dauer seines Bestehells, redigirte sie auch daS Organ der deutschen Franen-Bildungs- und Erwerbsvereine „Der Frauenanwalt". In jener langen Reihe von Jahren, iu der sie dem Letteverein angehörte, veröffentlichte Jenny Hirsch nur Schriften zur Frauenfrage; in jener Lebensepoche war ihre Zeit so überreich ausgefüllt, daß sie nicht Muße fand, sich litterarisch auf belletristischem Gebiete zu bethätigen. Nachdem sie ihr Verhältniß zum Letteverein gelost hatte, zog sie sich auch voll jeder Vereinsthätigkeit zurück, um ausschließlich ihrem Schriftstellerberufe zu leben. Fraglos gebührt Jenny Hirsch das Verdienst, viel zu dem kräftigen Emporblühen des Lettevereins beigetragen zil haben, und ihre vorzügliche Uebersetzung von Stuart Mills „Subjeclion of Wonen“ („Die Hörigkeit der Frau") ist von großem Einfluß ans die Förderung der Frauenbewegung geworden. Berlin ist Jenny Hirschs zweite Heimath geblieben. Mitarbeiterin verschiedener Zeitschriften, insbesondere FraneNzeitnngen von Ruf, erschieil neben trefflichen Uebersetzungeu aus dem Englischen, Französischen und Schwedische», auch eine stattliche Reihe beachtenswerther Romane und Erzählungen aus ihrer Feder, die sich des Beifalls der Leserwelt erfreuen. Zwei erschienen auch in der Mg. Ztg. des Judenthums. Eine historische Erzählung „Fürstill, Frau, Mutter" veröffentlichte sie unter ihrem Naiilen, unter dein Pseudonym F. Arnefeldt „Befreit", „Vermißt", „Der Väter Schuld", „Schwere Ketten" u. a. in. Später hat Jenlly Hirsch noch einige Zeit in der Redaktion von Lina Morgensterns „Deutscher Hansfrauen-Zeitung" gewirkt. Die greise Schriftstellerin in ihrer lebendigen Geistesfrische bildet in der anmuthenden Häuslichkeit, die sie sich zu schaffe» verstand, einen anziehenden Mittelpunkt für Verwandte, Kollegen und Freunde, die sie mit Liebe und. Verehrung umgeben. Möchte ihr, deren Lebensbedürfniß Arbeit ist, in voller ungetrübter Frische von Körper und Geist, die unermüdliche Schaffensfreudigkeit noch lange erhalten bleiben, und sie, ungebeugt von der Last der Jahre, sich eines friedlichen, freundlichen Lebensabends erfreuen dürfen. Jenny Hirschs Name gehört der Geschichte der deutschen Frauenbewegung, unter deren Führerinnen und Trägerinnen sie sich einen Ehrenplatz erruilgen hat, für alle Zeit an!

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