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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-11-24 · Heft 47 (24.11.1899) · p. Seite 555

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 47 (24.11.1899)
Date
1899-11-24
Page
Seite 555 (sequence 3)
Language
German
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555 über die Brr,st und den Kopf ausgezogen werden! Dr. Bnlova theilt noch ein neues Faktum mit: an dem von außen und innen befleckten Jäckchen wurden, einzelne Haare gefunden und außerdem ein etwa fünf Centimeter langer Haarabschnitt von parallelen Haaren (also von aufgelösten, dnrchgekämmten Haaren). Herr Dr. Bnlova und seine Frau, eine Kenneriu von Handarbeiten (sie hatte einmal eine Nähschnle), konstatirten, daß das Hemd und seine Bestandtheile zerschnitten waren — mit einer Scheere! Eine Scheere im Walde? Die Anklage, die Zeugen und die Aerzte standen offenbar unter der Suggestion eines Ritualmordes, Es wird daher viel von einem Schächterinesser gesprochen, wie wenn der eigentliche Mord damit verübt worden wäre. Wir hören unausgesetzt von einer „Schnittwunde", vom „Schneiden" und „Unterschneiden des Halses". Diese Art der Bezeichnung entspricht nwhl dem allgemeinen Aberglauben, entspricht aber nicht dem Befunde an der Leiche. Der Agnes Hruza wurde der Hals nicht unterschnitten, sondern sie wurde erstochen: die Wunde an der linken Halsseite lvurde durch Stechen und einön gewöhnlichen Schnitt zugesügt. Selbst die Sachverständigen erläutern, daß die Wunde in der Lage mit dem Gesichte zur Erde zugesügt wurde, damit angeblich das Blut ringsum nicht spritze; auch zu dieser Vernnlthung paßt nur das Erstechen, keineswegs das Unterschneiden. Die Wunde ist nur acht Centimeter lang, das ist kein Unterschneiden. Außerden, ist die Wunde tiefer als sie ein Schächtermeffer verursachen kann. Ein solches Messer ist ohne Spitze, abgerundet, und kann mit ihm nicht gestochen, sondern nur ,vagrecht geschnitten, „unterschnitten" werden. Das Messer, das angeblich Hülsner vor dem Morde bei sich führte, und mit welchem laut der Anklage das „Unterschneiden des Halses" verübt wurde, „hatte keine Spitze", seine „Spitze war abgerundet". Ein Schächtermeffer wäre überhaupt beim Schneiden aus den Knochen hinter dem Ohr aufgestoßen und konnte nicht in die Tiefe bis zum Rückgrat dringen. Die Anklage sieht in der Art des Mordes etwas Heimtückisches, er sei kühn und frech während des hellen Tages auf einem Wege, wo die Leute zu gehen pflegen, verübt lvorden; er sei ein Meuchelmord von besonderer Grausamkeit, er sei in Eile, ja sogar in größter Eile geschehen. Dagegen habe ich aus dkr Beschreibung des Fundortes und ans den gefundenen Gegenständen den Eindruck, daß der Ort unt die Leiche herum mit den der Ernwrdeten gehörigen Gegenständen direkt herausfordernd bestreut worden ist. Nicht nur. daß zur Eile die schon erwähnte Zusammenlegung der Tücher und die Zuknöpfung des Nockes nicht paßt, wie wird bei davoneilettden, dabei kühnen und frechen Mördern erklärt, daß sie ans einen Ort den Korb, in einiger Entsermmg das Portemonnaie, wieder weiter die zwei znsammengelegteN Tücher n. s. w. gelegt haben? Ritnalmörder und schließlich Mitglieder einer geheimen Sekte hätten sich selbstverständlich geheim benommen, wenn sie einen bestiuunt durchdachten Plan hätten. Aber was für ein Geheimniß sollte da sein, wenn derOrt des angeblichen Ueberfalles von Polna selbst gut sichtbar ist? Zn einem Geheimnisse und durchdachten Plane paßt es auch nicht, daß die angeblichen Mörder, wie es die Anklage beweist, zu demOrte ihres Verbrechens direkt spornstreichs, Notabene durch die Stadt am Hellen Tage, gelaufen sind. Professor Masaryk schließt: „Ich habe nicht den ganzen Prozeß detaillirter dnrchgenonnnen, weil ich dadurch ans mancherlei Personen aufmerksam machen würde, die bei der nöthigen Revision des Prozesses werden verhört und beobachtet werden. Darum habe ich auch einige Vermnthungen nicht angeführt, die der neuen Untersuchung vorgreifen würden. Uebngeus find in einige!» Aussagen Dinge, die zu Zweifeln und zu einer weiteren Nachforschnng geradezu herausfordern. Diese Nachforschung und Untersuchung wird sich von der sorgfältigen Analyse der Fakten leiten lassen müssen, von der auch ich mich leiten ließ. Daß es aber zur Revision kommen wird und kommen muß, daran zweifle ich nicht." * Den Juden in Rumänien geht es jetzt wie denen in Rußland vor einigen Jahren. Man bedrückt und verfolgt sie — aber inan läßt sie nicht fortziehen. Delm man braucht sie in der ökonomischen Nothlage, der das Land immer naher rückt. So berichtet ein Wiener Blatt, daß die Regierung, angesichts des Auswanderungsfiebers, das unter den rumänischell Juden grassirt, und da ihllen das Auswandern direkt Niemand uevbieteu kann, angeordnet habe, daß die verschiedenen Polizeibehörden keine Reisepässe mehr ausfolgen. Diese Thatsache wird von vorzüglich informirter Seite gemeldet. Also dieselben Antisemiten, welche so fürchterlich „Juden nach Palästilla!" gebrüllt haben, wollen jetzt dieselben Jllden mit Gewalt zurückhalten. Und es sind nicht etwa reiche Inden, welche, indem sie auswandern, in Rumänien erworbenes Geld mitnehmen, sondern es sind Arbeiter, welchen selbst das Reisegeld geschenkt wird und die nur vom Hunger gepeitscht und mangels all lohirender Arbeit ihrem Vaterlande den Rücken kehren. Wenn die Antisemiten nur etlvas lernen wollten, so könnten sie ein lehrreiches imb warnendes Beispiel in diesem Vorgang wohl erblicken. * Zum hundertsten Male, wo nicht öfter, konlmt aus Rußland die Nachricht, daß eine Komnlission ernannt worden sei zur Prüfung der Spezialgesetze für die Juden, die kein Mensch mehr fennt; so zahlreich und verwickelt sind dieselben. Die Kommission soll auch scholl ihre erste Sitzung gehalten haben unter dem Vorsitze des Sektivnschess im Ministerium des Innern, v. Hildebrand. Die erste Sitzung! Wer lacht da, und wer erinnert sich nicht aus den Erzählungen voll Turgenjew und anderen russischen Schriftstellern an diese übliche „erste Sitzung", auf die eine Zweite oder auch zwanzig andere folgen, ohne daß es zu irgend einem Resultat käme? Jenny Hirsch. Von Regina Ne iss er. MsV' in 70. Geburtstage pflegt man Personen, deren Wirken über /-LWL die Grenzen des Privatlebens hinansragt, den Dank für Ov dasselbe nicht mir in festlicher Begrüßung zu geben, sondern indem man ihren Werdegang, ihre Lebensschicksale weiteren Kreisen vorführt, den Zeitgenossen zur Erhebung, kommenden Geschlechtern zur Nacheiferung. Am 25. November 1899 begeht unter der innigsten Antheilnahme ihres großen Freundeskreises, insbesondere der deutschen Frauenwelt, deren höchste Werthschätzung sie genießt, die Schriftstellerin Fräulein Jen»!) Hirsch in Berlin ihren 70. Geburtstag, welcher, so Gott will, für die Jubilarin nicht den Feierabend ihres Wirkens und Schaffens, sondern nur einen Markstein i» demselben bedeutet. Wohl ist auch für sie „das Leben ein Kampf" gewesen, aber sie hat muthig alle Hindernisse und Schwierigkeiten überwunden; ihrer rastlosen Energie, ihrem unersättlichen Wissensdrange ist es gelungen, sich selbst ihren Lebensweg zu bahnen und vorbildlich für viele ihrer Mitschwestern zu werden, indem sie den Beweis liefert, daß auch die alleinstehende Frau sich durch Lebenstüchtigkeit einen befriedigenden Wirkungskreis verschaffen kann. Mit wahrhafter Genngthuung darf sie ans ihr Leben, das „köstlich ist, denn es ist reich an Mühe und Arbeit", zurückblicken. Das Herzogthum Anhalt, dessen Fürsten sich stets durch Vorurtheilslosigkeit gegen ihre israelitischen Unterthanen rühmlichst ausgezeichnet haben, in dem die Wiege eines Moses Mendelssohn, eines Professor Steinthal stand, ist auch daS engere Vaterland unserer Jubilarin. Jenny Hirsch erblickte am 25. November 1829 in Zerbst als das älteste Kind ihrer Eltern das Licht der Welt. Sie verlor ihre Mutter in zartem Alter, und da ihr Vater sich nicht entschließen konnte, seinen

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