Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 47 (24.11.1899)
- Date
- 1899-11-24
- Page
- Seite 554 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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554 der Lampe, die Levitenchöre besteigen die Stufen, und was da folgt, sind Wonneklänge, Freiheitslieder. Wie der Name der Makkabäer Heldenthum und Sieg be? deutet, so sind ihre Gegner gebrandmarktdenn beit Abfall verdammt die Geschichte. Was sie in das Lager des Feindes getrieben, war nicht Ueberzeugung und Neigung zum Bessern, sondern Flachheit der Herzen und gleichgiltiger Sinn, dieser Fluch allen geistigen Streben?. Ist es ein Beispiel von Größe-, wie die Makkabäer gekämpft, so schrecken Jene ab durch das Urtheil, das sie getroffendenn wer nicht Stellung nimmt „aus innerster Ueberzeugung", wo gekämpft wird um geistiges Gut, dem droht die Geschichte mit Verachtung, und Dank ihr, daß sie es thut! Und bietet die Geschichte auch sonst Momente genug, die uns Kunde geben von der siegreichen Krast sittlichen Wollens, so bedarf es noch einer bestimmenden Beziehung, damit sie Einfluß gewinne auf unser Denken und Streben. Was in der Geschichte geborgen, wirkt noch nicht gestaltend aufs Leben. Man kann ein großer Geschichtskenner sein und doch ohne Ideale und sittlichen Gehalt. Erst wenn wir uns selbst in Beziehung setzen zu dem Ereigniß, durch ein persönliches Verhältniß zu der Gestalt und ihreit Thaten entspringt das bewundernde Gefühl und leitet den Willen, der nachstrebt. Und wer nicht kleinlich empftndet und am Augenblicklichen hastet, bewundert das Große, sind Jahrtausende auch verflossen; denn der Edle fühlt Verwandtes in allem, was edel, seine Seele wird reicher in der Betrachtung des Kampfes, wo edle Triebe gewaltet. In Gedanken kämpft er mit, wo sie einst gekämpft, und er darf sich freuen des Sieges. Er feiert das Weihe fest; denn die Weihe fühlt er in sich, und s o l ch e m Kampfe folgt der Friede. Nie Woche. Berlin, 22. November. ie man uns mittheilt, hat der geschäftsführende Vorstand des Na b b i n e r v e r b a n d e s in Deuts chl an d in einer Sitzung vom 13. d. M. in Leipzig unter anderem auch über die Potnaer Blutbeschuldigung berathen, und die Veröffentlichung einer Erklärung seinerseits wurde einstimmig als zur Zeit nnthunlich bezeichnet. Wir können dieses Vorgehen nur billigen. Die Zeit der Erklärungen und Resolutionen scheint uns überhaupt vorüber zu sein. Es gilt thatkräftig zu handeln und mit Entschiedenheit vorzngehen. Auch der „Rabbiuerverband in Bahnten" hat in der vorigen Woche seine Generalversammlung in Prag. gehabt und die Ausarbeitung eines Memorandums für die Staatsbehörden beschlossen, damit endlich die Verbreitung des Blutmärchens in Wort und Schrift und Bild als Beleidigung einer staatlich anerkannten Konfession von den Behörden mit aller Strenge des Gesetzes hintaugehalten werde. Das ist ein Schritt, der Sinn und Zweck hat, mehr als alle Entrüstungsversammlnttgeu und Resolutionen, die nngehört verhallen. * Zu dem Protest der märkischen Generalsynode gegen die unberechtigte Anwendung eines Kirchenliedes und eines Bibelverses durch einen jüdischen Stadtverordneten, die wir übrigens an und für sich ja ebenfalls gemißbilligt haben, werden jetzt folgende charakteristische Einzelheiten bekannt, die den Beweis liefern, daß diese Travestirungsmanie nicht blos in liberalensondern auch in stockkonservativen Kreisen beliebt ist. Herr Stöcker hat auf dem christlich-sozialen Parteitag tu Erfurt ein frommes Kirchenlied „unter allgemeiner Heiterkeit" travestirt, ohne daß die Synode gegen ihr verehrtes Mitglied protestirt hätte- und Herr Lueger hat in einer antisemitischen Versammlung denselben Vers aüs Hiob, von dein auch auf der Synode die Rede war, am 27. v. M. in folgender Weise umgeändert: „Die Sprachenverordnungen sind gegebendie Sprachenverordnungen sind uns wieder genommen worden — gelobt sei der judäo-magyarische Einfluß.- Gegen solche freventliche Persiflage eines Bibelwortes hat man sich aber weder hier noch dort gewendet. * Selbst die Bestrebungen auf dem Gebiete der W ohlthätigkeitspflege werden von den Antisemiten nicht mit ihren Angriffen verschont. Die Nachricht, daßin der Nahe von Berlin eine jüdische Arbeiterkolonie ins Leben , gerufen werden soll, giebt dem hiesigen Antisemitenblatte Veranlassung zu folgendem Raisonnement: , „Also tu unmittelbarer Nähe von Berlin! Man sieht, daß die Juden unbekümmert um alles sich immer fester bei uns fetzen. Wir beglückwünschen die Weißenseeer zu dieserneuen Errungenschaft. Wie wohl wird ihnen werden, wenn, erst die jüdischen Schnorrer die „Arbeiterkolonie" bevölkern! Das kann hübsch werden." Man weiß wahrhaftig nicht mehr, was man dazu sagen soll, wenn ein wohlgemeintes, von wahrhaft sozialer Fürsorge getragenes Werk in so schnöder Weise als ein „Asyl für polnische Juden" verunglimpft wird. Die eine Lehre kömten wir aber aus diesem Vorfall ziehen: Wie es die Juden auch anstellen mögen, diesen Leuten werden sie es doch niemals recht machen können. Es schadet aber auch nichts. Wie es scheint, steht in der Affäre zu Pvlna nun doch eine entscheidende Wendung bevor. Man meldet nämlich der „N. Fr. Pr." aus Kuttenberg, daß eine Komntission des Strafgerichts festgestellt habe, daß die Kleider der ermordeten Agnes Hruza nicht, wie die Anklage angenommen hatte, mit einein Messer, sondern mit einer Scheere ausgeschnitten gewesen seien. Damit würde sich allerdings das ganze Bild des Prozesses ändern und der von den wackeren Jungtschechen noch immer verfolgte Professor Masaryk Recht behalten, der in seiner vielgenannten und noch immer konfiszirten Schrift über den Prozeß ansführte: Der Mord erfolgte am wahrscheinlichsten in einer Wohnung, und zu einer Zeit, da die Ermordete entkleidet war. Dafür zeugt der Umstand, daß die Leiche nur mit Stiefeletten, Strümpfen und dem Ueberreste eines Henides bekleidet war. Äon den Haaren heißt es, daß sie „zerzaust" waren, das bedeutet doch, daß sie schon aufgelöst waren, die Mörder im Walde hätten sich bei dir großen Eile, wie daraus hingewiesen wird, nicht mit dem Auflösen der Frisur ausgehalten. Dafür, daß der Mord in einer Wohnung verübt wurde, bürgt ein Umstand, für beu mir Herr Med.-Univ.-Dr. I. Bulova in Karolinenthal eittsteht. Dr. Bulova war gleich mir voll dem Umbiegen der Füße frappirt rmd gab ulir eine Erklärung durch Uebertragen der Leiche — ich dachte all das Uebersühreu derselben. Dr. Bulova forschte weiter und stellte au den Kleidern der Getödteten fest, daß das Jäckchen, welches nach der Allklage die Leiche „all beiden Armen über die Ellbogen hillaufgestreift" hatte, zugeknöpft war. Zogen ihr die eiligen Mörder das Jäckchen aus. knöpften sie es dann zu und streiften es auf die Arme? Und Notabene: Bei aller Eile der srecheil und verlvegeuen Mörder geschah das Znkilöpfen so behutsam, daß auch nicht ein Kilöpschen. nicht ein Knopfloch beschädigt ist, wie mein Zeuge sich überzeugte. Ein zugeknöpftes Jäckchen kann selbstverständlich nicht