Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 46 (17.11.1899)
- Date
- 1899-11-17
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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UZx!s 63. ÄalsrgMlg. Ur. 46. Der Grmrindebole. Äertin, 17. November 1899 'Ueikage zur „Akkgemeinen IMung des IuöentHums". , ii ft s tt r e i e S t t Korrespondenzen und Nachrichten. NeutschlarrL. S£ä Berlin, 10. November. Im „Verein für jüdische Geschichte und Li tteratur" hielt am 7. d. M. Herr Professor Dr. Marlin Philippsoll vor einem sehr'zahlreichen und auserlesenen Auditorium einen geistvollen irnd fesselnden Vortrag über „Fürstliche Räuber und jüdische Opfer". Der Redner entrollte ein sehr charakteristisches Bild aus der mittelalterlichen Geschichte der Inden in Deutschlarld unter der Negierungszeit der Kaiser Wenzel, Ruprecht lind Sigismund (1378—1437). Wenzel war es, der zuerst den Besitzstand der Juden geradezu als sein Eigenthnm erklärte. Er forderte von jedem Juden in Deutschland den sog. Opserpfennig, jährlich einen Gulden; Ruprecht von der Pfalz bestätigte den Erlab Wenzels, und Sigismund brachte ihn sogar mehrmals zur Ausführung. Mit großer Spannung folgten die Zuhörer den Schilderungen des gefeierten Historikers über die Ausbeutungsversncbe, die Sigismund und dessen Erbkämmerer Konrad von Weinsberg an den deutschen Juden damals mit wechselndem Glück erprobten. Bau besonderem Interesse waren die Mittheilnngen über die damaligen Vermögensverhältnisse der deutschen Juden, die anfangs außerordentlich günstige waren und erst später allmälig sich verschlechterten. Es iväre lebhaft zu wünschen, daß in unseren Litteraturvereinen öfter solche historischen Themata in der Weise behandelt werden, lvie dies von Professor Philippson geschehen ist, dessen Vortrag allgemeinen und lebhaften Beifall gesunden hat. S. Berlin, 13. November. Die vom „Verein für jüdische Geschichte und Li tteratur" veranstalteten Fortbildungskurse wurden heute Abend im Beisein mehrerer Mitglieder des Vereinsvorstandes eröffilet. Namens des letzteren begrüßte Oberlehrer Dr. Schäfer die Erschienenen, wies auf die Bedeutung der Kurse hin und forderte zu regem Besuch derselben auf. Die Frequenz des gestern begonnenen Kurses über „Jüdische Geschichte" ist eine recht gute und bei weitem größer als im Vorjahre; es hatten sich 12 Herren und 10 Damen hierzu eingefundeu. Das Thema des von Dr. Worms geleiteten Unterrichts ist „die Geschichte der Juden in Spanien bis zur Vertreibung derselben"^ In Anbetracht des zahlreichen Besuches, der. wie zu erwarten steht, sich auf dieser Höhe halten wird, wäre die Wahl eines größeren und luftigeren Raumes recht wünschenswerth. S2 Berlin, 12. November. Der Bericht über das Neichenheim'sche Waisenhaus der jüdischen Gemeinde zu Berlin (Weinbergsweg 11c) für die Zeit vom 1. April bis 31. März 1899 ist soeben erschienen und bietet wieder den erfreulichen Beweis für die Blüthe dieser Anstalt unter der Leitung des Herrn Dr. M. Jutrosinski. In der Anstalt wurden 75 Zöglinge verpflegt, und zwar 45 Knaben und 30 Mädchen. Die gesummten Ausgaben für das Waisenhaus betrugen in dem Berichtsjahre 47 597 Mark, die durch Zinsen eigener Fonds und einen Gemeindezuschuß von 20 764 Mark ausgebracht wurden. Die Auslagen für einen Zögling aus das Jahr belaufen sich auf 634,14 Mark. Die ander Anstalt bestehenden Stiftungen sind durch eine Adolf Ginsberg-Stiftung. 5000 Mark, und eine Julius und Rosalie Schulvater-Stiftnng, 3000 Mark, vermehrt worden. Alle Zöglinge besuchen öffentliche Schulen, doch wird in der Anstalt den Zöglingen noch Unterricht in Gesang. Turnen und Kerbschnitzerei ertheilt. Das Waisenhaus steht unter der Verwaltung des Kuratoriums, dessen Vorsitzender bis Februar 1899 Herr Louis M. Bamberger war und jetzt Herr Dr. Edmund Lachmann ist, und unter der Leitung des Direktors Dr. Moritz Jutrosinski. n. Berlin, 12. November. Zn Ehre» des Lehrers Raphael Eohn, der am 9. d. M., wie bereits mitgetheilt, sein fünfzigjähriges Lehrerjubiläum feierte, fand in der Aula der Knabenschule eine Feier statt, zu welcher der Schulinspektor Herr Dr. Lorenz und sämmtliche Mitglieder des Schul- und Talmud-Thora-Vorstandes mit dem Vorsitzenden, Herrn Jnstizrath Meyer, erschienen waren. Der Schülerchor empfing den Jubilar mit dem Liede: „Gott grüße dich!" Herr Dr. Lorenz beglückwünschte hierauf den greisen Lehrer im Namen der königlichen und städtischen Behörden; er wies mit besonderem Nachdruck darauf hin, daß der Grund zu den ungewöhnlichen Erfolgen des Jubilars^ ganz abgesehen von seiner glänzenden pädagogischen Befähigung, vor allem in seiner vollen, echten Lehrerpersönlichkeit zu suchen ist. Herr Jnstizrath Meyer hob rühmend hervor, daß von dem Jubilar in allen Lagen das Wort „semper idem“ gegolten habe. Ein Mann von solcher Pflichttreue, von dem 'die Personalakten nicht ein einziges Krankheitsattest oder Urlaubsgesuch anfweisen. sei wohl eine Seltenheit. Im Namen des^Schulvorstandes überreichte Herr Jnstizrath Meyer ein prächtiges, silbernes Schreibzeug und Rabbiner Dr. Maybaum eine Adresse, in welcher der Vorstand die vielen Verdienste des Jubilars mit innigem Danke hervorhebt. Hierauf sprach der Primus der Schule ein von Dr. Kirschstein verfaßtes Gedicht, das durch Vortrag und Inhalt einen tiefen Eindruck auf die Hörer machte. Es folgte nun die Rede des Leiters der Anstalt. Heprn Dr. Holzmann, die in meisterhaften Zügen ein Bild von dem Wesen und Wirken des Jubilars entrollte. Mit seineni reinen Kinderherzen, seiner unendlichen Liebe zu den Kleinen, seiner hingebenden Geduld und mitfühlenden Vatertreue gemahne er so recht an die rührende Gestalt Pestalozzis in Stanz, dessen Spuren er auch darin folge^daß er der kleinen Schaar die Schulstube in die Wohnstube zu wandeln suche, ihr den Uebergang von' dem Leben im Hause zu der strengen Zucht in der Schule kaum fühlbar zu machen verstehe; bei der Erweckung und Belebung der sittlichen Gefühle immer an die eigene Erfahrung und das Leben der Kinder selbst anznknüpfen trachte, und so seinen Lehren einen anschaulichen Hintergrund verschaffe , wodurch sie lebendig, eindringlich und haftend würden. Während er so einerseits durch fein reines Gemüth willensbildeud auf die Kinder einwirkt. erschließt ihm seine bedeutende geistige Fähigkeit das tiefe Verständniß für die Kindesseele und macht ihn zu dem bewunderten Meister in der Kunst des Unterrichtens, der seine kleinen Zuhörer fast spielend, aber immer in anregender und geistbildender Weise in kurzer Zeit zu überraschenden Erfolgen führt. Aus diesem feinen pädagogischen Takt, seiner feinen Beobachtung und seinem herrlichen Kindergemüth ist seine „Deutsche Schreib-Lese-Fibel" hervorgegegangen, die unter den Schulbüchern dieser Gattung einen hervorragenden Ehrenplatz einlttiumt. Seine Herzens- und Geistesbildung aber sind nur die Ausstrahlungen seiner reinen Seele, seines sittlich hohen^ Charakters,- der sich in einer unerschütterlichen Liebe zur Wahrheit, in dem strengen Pflichtgefühl, der Begeisterung für alles Gute und Edle, der Selbstlosigkeit und stets opferwilligen Hilfsbereitschaft bekunde. Diese trefflichen Eigenschaften verschafften ihm die treue Anhänglichkeit seiner Schüler, die Liebe und Verehrung feiner Amtsgenossen und aller Derer, die das Glück hatten, ihm im Leben näher zu treten. So ist sein Leben, das, allem äußeren Scheine abhold, nur in dem stillen Wirken die höchste Befriedigung fand, doch ein großartig fruchtbares und segensreiches zu nennen. Hier wird das Wort des Psalmisten zur Wahrheit: Noch im Greisenalter tragen sie Früchte, saftig und frisch bleiben sie. Mit dem 121. Psalm, der von dem Schülerchore nach Blschofscher Komposition musterhaft vorgetragen wurde, fand die erhebende Feier ihren Abschluß. — Wir wünschen dem Jubilar, der an seinem Ehrentage unzählige Liebesbeweise von der reichen Schaar seiner Verehrer empfangen hat, noch eine lange Reihe von Jahren ^schaffettsfreUdiger Thätigkeit in Gesundheit und Wohlergehen. ' F. Berlin, 12. November. Am 8. d. M. hielt im Verein ehemaliger Schüler der Samsonschule zu Wolfenbüttel Herr Chefredakteur Robert Austerlitz einen Vortrag über „Fälschungen und ihre Entdeckungen". Der Vortrag fand im Kurgarten-Restaurant, Ktztzunandantenstr. 7—9. unter zahlreicher Betheiligung von Damen unh Herren statt. — Am Dienstag den 21. November feiert der Verein ehemaliger Schüler der Samsonschnle sein erstes Stiftungsfest mit Ball -