Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 46 (17.11.1899)
- Date
- 1899-11-17
- Page
- Seite 552 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Verkehr der Behörden mit dem Centralkomitee förderte die Angelegenheit ungemein, während die alte Zwietracht.' unter den Juden der allgemeinen Sache sehr schadete. Das ortho^e England schickte die Auswanderer dahin, wo sie zwar SyuagoHen und koscheres Fleisch, aber keine Arbeit fanden, und so begcktrn denn bald die Rückwärtsbewegung nach Europa. New-Uork konnte den massenhaften Ansturm aus Deutschland auch nicht mehr bewältigen und schickte die Ankömmlinge zurück. Das Centralkomitee hielt es für besser, die Rückwanderung aufzuhalten. Es beschloß daher, New-Iork mit Geldmitteln zur Ernährung der Auswanderer zu unterstützen, damit es in den Stand gesetzt werde, diese Auswanderer nach und nach in das Jllpere zu senden, um sich dort dauernd niederzulassen. Es bewilligte 50000 Francs für diesen Zweck und hoffte, daß aüch Paris und London diesem Beschluß beitreten und gleichfalls größere Beträge beisteuern würden. Der Abgeordnete Ludwig Loewe übernahm es, nach Paris und London zu gehen und erreichte auch das vorgesteckte Ziel. Mail offerirte New-Iörk 150000 Francs, aber New-Hork kabelte zurück, daß es auf die Bedingung unter 250000 Francs nicht eingehen könnte. Ludwig Loewe gü:g nochmals nach Paris zurück und suchte Baron Rothschild zu bestimmen, die fehlenden 100000 Francs herzugeben. Derselbe hatte bereits große Summen für die Sache gespendet, hatte außerdem 500 russische Familien für eigene Rechnung nach Paris genommen, die er verpflegte, bis er ihnen nach und nach Beschäftigung bei den Eisenbahnen verschafft hatte. Trotzdem gelang es der Ueberredungskunst Ludwig Loewes, Rothschild zur Hergabe der fehlenden 100000 Francs zu veranlassen. Es fehlen alle statistischen Angaben, wie viel russische Juden in Amerika eine neue Hennath gefunden, wie viel heimgekehrt und wo sie sich alsdann niedergelassen. Wahrscheinlich sind viele in Galizien geblieben und vermehrten dort das Proletariat. Das Ceutralkomitee hatte nur noch für den Rückzug Derer zu sorgen, die in Amerika keine Heimath faufceii, dann löste es sich auf. Aber ein besonders günstiges Resultat hatte es doch noch aufznweisen. Makower wollte die Frage praktisch ergründen, ob der Jude des Ostens überhaupt kultur-fähig sei. Er wollte eine Anzahl russischer Knaben in Berlin erziehen lassen. Das Centralkomitee stellte ihm zn diesem Zweck eine größere Summe zur Verfügung, Minister von Pllttkamer hatte zugesagt, daß die russischeu Knaben während der Zeit ihrer Erziehung in Berlin bleiben ' könnten, dadurch aber kein Heimathsrecht in Deutschland erwürben. Nachdem diese beiden Vorfragen erledigt, reiste Makower nach Brody, dem damaligen Sammelpunkt der ausgetriebenen Russen, und brachte 39 russische Knaben zurück, die er sich nach Gutdünken ausgesucht hatte. In Pankow wurde ein Hällschen angekauft, in dem sie Wohnung, Beköstigung und regelmäßigen Unterricht erhielten. Der sehr tüchtige Lehrer Lewinski leitete das Erziehnngshaus in vortrefflicher Weise. Nachdem er gestorben, übernahm Herr---, Grnnwalb die Leitung der Allstalt. Das Resultat war eirr vorzügliches. Die Knaben lernten schnell und gut und betrugen sich musterhaft, so daß ihnen von beu Anwohnern des Erziehun.gshauses volles Lob gtt Theil wurde. Wenige Jahre genügten, unr ihllen eine gute Schulbildung beizubringen, dann wurden sie bei Handlverkern in die Lehre gegeben, um sie zu tüchtigen Halldwerkern anszubilden. Auch das gelang vortrefflich, und nachdem ihrem ferneren Fortkommen nichts lllehr im Wege stand, würden sie nach Amerika geschickt, um sich selbst zu erhalten und als Pioniere deutschen Fleißes und deutscher Bildung ihren dort weilenden Landsleuten helfend und nützend zur Seite zu stehen. Das haben sie denn auch redlich gethan, und die Mitglieder des Centralkomitees können auf diesen Theil ihrer Thätigkeit mit besonderer Genugthnung zürückblickell. Literarische Mittheilungen. — Stein, Professor Dr. Ludwig: Au der Weu de des Jahr- Hunderts. Versuch eiuer Kulturphilosophie (Freiburg i. Br. 1899. I. C. B. Mohr). Als eine Ergänzung zu feiner mit ungetheiltem Beifall ausgenommeueu sozialen Philosophie giebt Professor Stein jetzt tu eiuer Reihe höchst intereffautev und glänzend geschriebener Essays den erstell Versuch eiuer Philosophie des westenropäisch-amerikanischell Kliltllrsystelus. Mall muß sagen, daß dieser Versuch ein durchaus geluilgener ist. Die Sache selbst ist nell, wenn mall auch auf verschiedenen Seiten bereits allgefangeu hat, die philosophischen Konsequenzen zll ziehen, welche sich ans der Elltwickeluug ullseres Kulturlebens ergeben. Damit eröffnen sich der Philosophie neue imb bisher von ihr iloch völlig unbeachtete Gebiete. Der Standpunkt des Verfassers ist nach seinem eigenen Bekellntlliß der „evolutionistische Kritizismus und der ans dieser Weltanschauung herauswachsellde soziale Optimismus". Man sieht, es ist ein durchaus uloderner Standpunkt» von dem alle wichtigen Frageil irr dem Getriebe unserer Zeit philosophisch kollstrnirt tverdeil. Nur von diesem Standpunkt ans kalnl sich auch die Philosophie weiter entwickeln. Er nilnmt nicht die Gedanken gleichsam als etlvas, das ani Wege fix ulld fertig liegt, wie man dies früher gethan hat, er verflicht es allch nicht, die Welt ans sich heraus keimen zn lernen und an ihre innere Befähigung zur Gedankeuentwickelullg zn appelliren, fonberix rüttelt mit starker Kraft an dem Erkenntnißbanm der Zeit, so daß die reifen Früchte wie von selbst herabfallen ulld die Resultate sich aus der logischen Auffassung des moderllell Lebens mit seinen vielen Verzweigungen wie von selbst ergeben. Für uns ist es aber voll besonderenl Jllteresse, im Einzelllell zu verfolgell, wie auch die Philosophie von diesem Stalldpullkt aus sich mit den Grundgedanken des Jndenthums in eine harmonische Verbindung setzen läßt. Verschiedene Essays dieses Buches weisen daraus hin und sind deshalb für lms von ganz besollderem Jllteresse. Es sind dies namentUct) folgende: „Das erste Austreterl der griechischen Philosophie unter den Arabern. „die Continuität der griechischen Philosophie in der Gedankenwelt der Araber", das letzte Werk Friedrich Nietzsches „der Antichrist" (gegen Judenthum llnd Christellthurn), ferner „Die menschliche Gesellschaft, ein philosophisches Problem", „Lebenszweck und Lebensauffassullg". „Naturgesetz mrd Sittengesetz", „Gedankenallarchie und Gefühlsanarchie", sodann „die Philosophie des Friedens". Der wichtigste Essay des Bllches ist für uns natürlich der, welcher sich mit denr religiösen Optimismlls allseillanderseht, lllld den wir mit Erlaubniß des Verfassers all anderer Stelle vollinhaltlich zunl Abdruck brillgen. Alle, die beit Vortrag Steins über dieses Thema im „Verein für jüdische Geschichte und Litteratnr" gehört, haben jene Stunde in unvergeßlicher Erinnerung behalten und werden sich an der Lektüre dieses Vortrags von Neuem erfreuen. Nicht geringern Genuß werden ihnen aber auch die anderen Essays des Werkes gewähren. Stein ist ein selbständiger Denker, ein durchaus moderner Forscher, und er versteht es, ohne seinen streng lvissenschaftlichen Prinzipien das Geringste zll vergeben, in so schöner und allgemein verständlicher Weise sich an die Gebildeten zu lvenden. daß man seine Art der philosophischen Darstellung mit Recht wohl in das Gebiet jener „logisirenden Poesie" verweisen kann, derber Verfasser sogar den Vorzug vor der „mythologisirenden Poesie" in der nächsten Zukunft anweisen möchte. Wir empfehleil die Lektüre dieser Sammlung von philosophischen Essays Allen, die dem Werden und Wachsen unserer modernen Ideen ein tieferes Interesse entgegenbringen und die neue Entwickelung der deutschen Philosophie, für welche Professor Stein mit seltenem Eifer und nicht geringem Geschick arbeitet, aufmerksaln zu verfolgen sich bemühen. Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.