Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 46 (17.11.1899)
- Date
- 1899-11-17
- Page
- Seite 551 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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SKssasa 5S1 waltung sich nicht mit der Unterdrückung des Aufstandes begnügte, sondern auch Licht in die Sache brachte, geht aus dem Aktenstück hervor, auS dem wir die oben geschilderte Thatsache schöpften. Es meldet auf die stattgehabte Untersuchung wie folgt: „Endlichen ist durch sonderbaren göttlichen Providenz der Thäter dieses begangenen sämmerlichen Mords, »äinlich obgemeldeter Hans Melchior Hopfenstätter, nicht allein in Argwohn gerathen, sondern auch bei seinem hierumben verfügten Jnhafti und.gerichtlichen Exanünirung das abscheuliche Factum selbst gestanden, wir dann auch deßwege darüber ein richtiges Urteils geschöpft und an ihm, obschvn derselbe vor dein Richtstag gestorben, im Gefängniß auf gewisse Weise wnrklich exiquiret worden." ». Aus hatbvergangener Zeit. Erinnerungen von David Hirsch selb. Das Centralkomitee. s ivar vor ungefähr zwanzig Jahren. Der Antisemitismus stand in höchster Blüthe, die Massenaustreibung der russischen Juden hatte begonnen, und in allen größeren Städten Europas bildeten sich Komitees, um Geld zu sammeln und den Ausgetriebenen in Amerika eine neue Heimath zu bereiten. Bald empfand man es schmerzlich, daß es an einer Eentralisation fehlte, in der sich alle humanitäre» Bestrebungen zuin Besten der Ausgetriebenen vereinigten. Auch in Berlin bestand ein Komitee, welches reiche Mittel zur Verfügung hatte; es setzte sich »nt den auswärtigen Komitees in Verbindung und lud sie zu einer Konferenz in Berlin ein, deren Zweck die Gründung einer Centralstelle sein sollte. London, Paris, Wien, Hamburg und noch viele größere Städte sandten ihre Delegirten, welche beschlossen: Ein Centralkomitee zu gründen, dessen Sitz Berlin und dessen Vorsitzender Justizrath Makower sein sollte, der zugleich ermächtigt ivnrde, die Mitglieder des Komitees nach eigener Wahl zusammenzustellen. Mit der ihm eigenen Energie ergriff Makower die ganze Angelegenheit. Zu Mitgliedern des Centralkomitees lvurden gewählt: Professor Lazarus, Geh.-Rath Sal. Lachmann, Rechtsanwalt B. Breslauer, Ludwig Mecklenburg, der christliche Stadtverordnete Deter. Der Verfasser übernahin die Aeniter der Kassen- und Schriftführung und hat in dieser Zeit so interessante Erfahrungen geinacht, daß er glaubt, die Erzählung derselben werde auch die Leser dieser Zeitung erfreuen. Der Oberbürgermeister v. Forkenbeck war Ehrenpräsident des Komitees. Am Tage nach dem Beschluß der Delegirten wurde in der Linkstraße ein Büreau gemiethet und eingerichtet, ein Büreaubeamter engagirt und der Vorstand konstituirt. Alsdann ging man an die Arbeit, sich mit sämmtlichen Sonderkomitees in Verbindung zu setzen und durch Cirkular aufzufordern, sich in allen Angelegenheiten der Ausgetriebenen an das Centralkomitee zu wenden und die eingehenden Gelder nach Berlin zu schicken, wo sie bei einem sehr geachteten Bankhaus« deponirt wurden. Es ging ungefähr eine Million Mark durch die Kaffe des Centralkomitees; diese Summe war eigentlich nur das Resultat der norddeutschem Sammlungen. Die Süddeutschen zogen es vor, ihre Sammlungen nach Paris und London zu schicken. Selbstverständlich war es auch, daß Paris, London und Wien sich nicht nach Berlin wendete», sondern über die bei ihnen eingehenden Gelder selbständig verfügte». Der Znsammenhang mit dem Centralkomitee war daher nur ein sehr loser und Mftreckte sich 'eigentlich nur auf Fälle, wo ein gemeinsames Vergehen dringend nothwendig war. Die Juden konnten daher ihre alten Untugenden der Zerrissenheit und Eifersucht auch in dieser Sache nicht vollständig verleugne». Bald nach Eröffnung des Büreans traf aus Ehdtkuhnen . folgendes Telegramm ein: „Preußische Regierung hat Grenze gegen Rußland gesperrt, läßt keine Auswanderer herüber, sorgt, daß Grenze geöffnet werde." Der Vorsitzende des dortigen Komitees, ein hochgeachteter christlicher Kaufmann, hast» das Telegramm abgesandt. Was war da zu thun? Stadtverordneter Deter erklärte sich bereit, zum Minister v. Puttkamer zu gehen und ihn um Zurücknahme der Maßregel zu ersuchen. Der Minister empfing ihn ziemlich unfreundlich. „Wenn Sie mir die Kerls plombirt hinüberschaffen wollen, so habe ich nichts dagegen. Aber denken Sie, wenn hier auf einmal 500 russische Juden auf dem Bahnhof ankommen, was gäbe das für eine Wirtschaft?" Deter erwiederte: „Exzellenz scheinen von Ihren Unterbeamten schlecht informirt zu werden, es haben bereits 6000 russische Inden Berlin Passirt und wurden vom Hilfskomitee weiter befördert, ohne daß die Polizei wesentlich Notiz davon genommen." Der Minister ivar etwas verblüfft, notirte sich die Adresse des Herrn Deter und sagte: „Sie werden noch heut« Antwort erhalten." Deter ivar kaum zu Hanse angelangt, als er den Besuch des Staatssekretärs Hersnrth, des späteren Ministers, erhielt. „Was ist denn vorgesallen?" fragte Herfurth. „Exzellenz hat mich extra aus dem Reichstag rufen lassen." Deter zeigte ihm die empfangene Depesche. „Das ist allerdings unangenehm," meinte Herfurth. „Aber was ist da zu machen?" „Wenn ich meine Ansicht äußern darf," sagte Deter, „so haben Sie an der Grenze so viel Beamte, daß doch einer nach Ehdtkuhnen gehen könnte, um sich die Sache an Ort und Stelle anzusehen." Darauf entfernte sich der Staatssekretär Herfurth. Am anderen Tage erhielt das Centralkomitee folgende Depesche: „Regierungskommissar hier gewesen. Grenze wieder geöffnet." Inzwischen nahmen die Austreibungen immer größere Dimensionen an, so daß sich die preußische Regierung nicht mehr den Gefahren verschließen konnte, welche eine derartige Völkerwanderung mit sich brachte. Sie bildete eine gemischte Kommission ans Mitgliedern der Ministerien, der Polizei, der Medizinalabtheilnng und der Eisenbahnen unter Vorsitz des Staatssekretärs Herfurth, der dem Centralkomitee davon Mittheiluug machte und dasselbe ersuchte, wenn erforderlich, zu den Sitzungen der Kommission Delegirte zu entsenden. Die Thätigkeit des Centralkomitees Hatte durch diese Maßregel Anerkennung gefunden von einer Stelle, von der sie es am wenigsten erwartete. Dieses Entgegenkonunen der Ministerialkonittiission vereinfachte den Geschäftsgang sehr bedeutend, da ein persönlicher Austausch der Meinungen viel förderlicher ist als ein langer Briefwechsel. So wies Geheimrath Lachmann den Herren Miuisterialräthen nach, daß die Beförderung der Russen durch Deutschland so unpraktisch wie möglich sei. Infolgedessen wurden alle Eisenbahndirektoren, welche an der Durchgangslinie betheiligt waren, nach Berlin berufen, um über Verbesserungen zu berathen, welche Geheimrath Lachmann in Vorschlag gebracht.