Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 46 (17.11.1899)
- Date
- 1899-11-17
- Page
- Seite 550 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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-- 550 -- „Unsere römischen Geschichten haben immer eine spanische Wand. Guckt man dahinter, so findet man gewiß auch eine Tonsur. Ihr wißt, daß der fromme Saverio ein Jugendfreund des Marchese war. Da aber die Liebe keinen Stand verschont, am allerwenigsten die armen Mönche, so wurde auch der gute Saverio von ihr angesteckt. Ich habe Euch schon gesagt, daß diele Menschen, ohne daß sie es selbst misten, den bösen Blick haben und damit viel Unheil stiften. Wie aber Katharina früher den Marchese damit in Feuergesetzt hatte, so geschah es jetzt auch dem guten Saverio. Vergebens aber lernte er die Sonette des Petrarca auswendig und deklamirte sie der schönen Katharina vor, daß eine Feuerzange hätte weinen mögen, aber Katharina blieb ungerührt. Wie aber der Versucher dem armen Menschen immer beizukommen iveiß, so erspähete er auch die schwächste Seite im Herzen der strengen Katharina. Als sie einst in der Strada de’ Condotti an den Gewölben der Goldschmiede vorüberging, soll sie an dem Fenster einen goldenen Halsschmuck mit grünen Edelsteinen gesehen haben. Es soll der Schmuck gewesen sein, der ihrem Vater, dem Rabbiner aus Saragossa, bei dem Auflaufe zugleich mit dem Leben geraubt worden war. Katharina konnte sich gar nicht von dem Anblick dieses Geschmeides trennen. Es soll ihr gewesen sein, als hätten die grünen funkelnden Steine ihr alle Sinne betäubt und sie mit sehnsüchtigen Blicken bis in ihren Palast verfolgt. Wenn die Weiber ihre Männer zu etwas verführen wollen, v wie können sie da schmeicheln und kosen, bis sie das „Ja" herausgelockt haben. Damit darf mir aber meine Peppina nicht kommen; so oft sie freundlich wird, bin ich schon im Voraus verdrießlich; denn dann will sie mir auch etwas ablocken; aber nein! nichts da! Aber heut« ärgert's mich noch, daß ich ihr neulich den Scudo geben mußte, den ich von Euch bekommen habe. Ging es doch dem guten Marchese nicht viel bester! Mußte er nicht auch die Straße zwischen die Benie nehmen und sich zu dem Goldschmied hintrollen? Unterdessen war schon der Iltis im Taubenschlag; denn kaum hatte er den Rücken gewendet, so kam Saverio zu der jungen Marchesa. Luigi kehrte jedoch sehr bald mit betrübtem Gesicht zurück und erzählte, daß der Goldschmied bieten Schmuck nicht unter zehntausend Scudi verkaufen wolle. „O, meine süße Katharina," sprach er zu ihr, „so viel Geld kann ich in diesem Augenblick nicht ausgeben; denn Du weißt, wie viel uns neulich der Karneval gekostet hat!" — Katharina war darüber fast untröstlich. Sie bat, sie weinte, sie herzte und küßte ihren Mann, aber alles war vergeblich: denn wo kein Geld ist, da hört das Erbarmen ans. Katharina aber schlich sich jetzt, so oft es nur thnnlich war, an das Fenster des Goldschmiedes und liebäugelte mit dem Schmuck und seinen grünen Katzenaugen. Das wißt Ihr selbst, daß in jedem Edelstein ein verzauberter Teufel steckt. Wie sie nun diese Teufelchen immer ansah, so verkehrten sie ihr auch das Herz im Leibe. Kam sie wieder nach Hause, so saß sie wohl stundenlang in Gedanken, und wurde sie plötzlich angeredet, so fuhr sie wie aus einem Traum empor. Ihre Wangen erblichen, und ihre Augen wurden von Thränen roth. Das könnt Ihr glauben, Herr, wenn sich ein Weib einmal etwas in den Kopf setzt, so muß es geschehen, und sollte darüber die Küche einfallen. Meine Peppina wäre gerade so, wenn ich ihr den ZügÄ schießen ließ. Ich kann es mir denken, daß Luigi jetzt oft im Stillen seufzen und denken mochte: Wäre ich doch in Messina oder wo der Pfeffer wächst! Da er nun weder Rath noch Hilfe wußte, so ging er zu seinem Freunde Saverio und klagte ihm seine Roth mit inständigen Bitteir, seine Katharina mit Tröstsprüchen aus der Religion aufzuheitern oder ihr sollst den Kopf zurechtzusetzen und sie tüchtig vorzunehmeu. .(Schluß folgt.) Der Hopfenstatter. Eine Episode aus dem siebzehnten Jahchundert. fas Städtchen Dettingen, damals Residenz der Grafen von Oettingen-Wallerstein, liegt an einem kleinen Nebenflüsse der Donau und gehört heute zum Königreich Baiern. Kreis Schwaben. Es ist der früheren freien, reichsunmittelbaren Stadt Nördlingen benachbart, in welchen» jener» zeit unter dem Jubel der Menge alte, gebrechliche Fralien als Hexen verbrannt wurden. Das ist der Schauplatz eines Ereignissesdes siebzehnten Jahrhunderts, ivelches vielen unschuldigen Menschen den Verlust von Gut und Blut verursachte. Die Erinnerung daran wird von den Israeliten dieser Gemeinde noch heute durch eilien lokalen Fasttag, der „Hopfenstätter" genannt, wachgehalten. Am 26. Mai 1690 des Abends falld die Frau des Schneiders Johann Frohmann nach ihrer Rückkehr ans der Kirche ihr dreieinhalbjähriges Söhnleiu Hans Conrad nicht mehr zu Hause vor. Trotz fleißigen Nachsuchens gelang es nicht, das Kind aufzufillden, und bald durchzog das Städtchen das Gerücht, die Juden hätten das Kind ermordet, um sein Blut zu rituellen Zwecken z»i gebrauchen. War die Erregung durch dieses Gerücht schon groß, so wuchs sie doch noch gewaltig an, als am nächsten Vormittag (Samstag, den 27. Mai) zwischen 10 und 11 Uhr es den Bewohnern des benachbarten Hauses, welches dem Schmied Johann Hopfenstätter gehörte, gelang, die Leiche des Kindes aufzufinden. Dieselbe zeigte einen tiefen Schnitt in den Hals. Der Schmied Hopfenstätter hatte namentlich unter den Zünften ein gutes Ansehen, und es gelang seiner Beredsamkeit leicht, den Pöbel zu überzeugen, daß das Verbrechen nur von den Juden begangen sein könne. Er erzählte der aufgeregten Menge, die Juden hätten das Kind abgeschlachtet und ihm dann das Blut entzogen, das sie zu ihrem Gottesdienste gebrauchten. Die Leiche des Kindes hätten sie dann, u»n den Verdacht von sich abzuwälzen, in den Schafstall seines Hauses gebracht. Immer größere fanatisirte Mengen zogen durch die Gassen dem Marktplatze zu, in besten Nähe sich das Judenviertel befand. Mit Knütteln, Gabeln, Steinen und anderen derartigen primitiven, aber doch wirksamen Waffen griff der Pöbel die Wohnungen der Juden an, um zu plündern und zu morden. Diese machten nur zum kleinstell Theil den Versuch, ihr Lebeil und ihr Eigenthum zu vertheidigen. Die Meisten flüchteten nach dem nahe gelegenen Bethause, wo sie die Hilfe Gottes erflehten. Die Grafen von Dettingen und ihre Beamten nahmen den Schutz ihrer jüdischen Unterthanen wirksam in die Hand. Es gelang denselben nach hartem Kampfe, die Plünderer zurückzutreiben und so viele Menschenleben und ihre Habe zu retten. Ein großer Theil der am Leben Gebliebenen aber sah seine Heimstätten zerstört und beraubt. Daß. diegräfliche Der-