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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-11-17 · Heft 46 (17.11.1899) · p. Seite 549

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 46 (17.11.1899)
Date
1899-11-17
Page
Seite 549 (sequence 9)
Language
German
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.. ' ' -549 EUILLETON Mirjam. Eine Geschichte aus dem römischen Ghetto. IV. f^j^ier Spielmann schwieg jetzt, trank den Rest des Orvieto-!£$£, Weines mit einem wehmüthigen Spitzbubengesicht aus und sprach dann: „Signore, der Wein war gut, und das war die Geschichte!" „Weiter nichts?" rief ich. „Nein!" entgegnete er phlegmatisch und dehnte sich dabei unendlich faul; „nichts, als daß Marchese Luigi mit seiner jungen Marchesa seit Jahr und Tag verheirathet war. Diesen Morgen aber fischte ein Fischer die junge Marchesa aus dem Strom. Ihre Leiche habt Ihr vorübertragen gesehen." „Und wie viel hast Du zu dieser Geschichte ihrer Liebe ans eigenen Mitteln hinzugethan?" „Signore," entgegnete der Spielmann, „nur so viel Butter als nöthig. war, die Makkaroni schmackhaft zu machen!" „Hat man denn gar keine Muthmaßung, wie es gekommen ist, daß sie ertrank?" fragte ich weiter. „Muthmaßung, ja! aber keinen Grund! keinen Grund! Wer weiß, wer weiß! Die Weiber haben hitziges Blut. Da sollt Ihr erst meine Peppina gekannt haben, wie sie jung war! Genäschig wie eine Ziege! Da muß man Fünffingerkraut einreiben! Versteht Ihr mich?" „Hier ist ein Scudo für Deine Mühe!" sagte ich. „Dil bekommst noch zwei Scudi, wenn Du mir Aufschluß in dieser Sache verschaffen kannst!" Der Alte nickte mit dem Kopfe, schnippte mit den Fingern und schob sich zur Thür hinaus. Ich dachte jenen Tag über nur an die Leiche, ivelche ich am Morgen vorbeitragen gessher« hatte. Tausend Muthmaßnngen warf ich im Kopfe hin und her. Vergebens suchte ich vor den Marmorstatuen im Vatikan die Gedanken, welche wie leidtragend hinter der Ertrunkenen einherzogen, wieder fröhlich zu stimmen. Jede Veirus, jede Diana mit ihren schlanken Marmorgliedern wandelte sich mir zur tobten Katharina um. Abends litt es niich selbst tu meinem Zimmer nicht; ich mußte hinaus in das Freie. Ich ging über das Kapitol hinunter in das Foruni, die Stimmen der alten Geschichte aber, welche ich sonst dort fast aus jedem Stein vernahm, schwiegen heute. Am Fuße des Palatins ging ich vorüber bis zum Triumphbogen des Titus. Im Hellen Mondschein sah ich daran noch .den siebenarmigen Leuchter aus Salomons Tempel zu Jerusalem in Marmor ausgehauen. Drüben herauf düsterte das nugeheuere Kolosseum mit seinen Quadern. Eine ganze heimathlose Nation, die jüdische, arbeitete dieses Theater unter den Peitschenhieben der Weltherren empor. Unglückliches Volk, das, von ältester Zeit her genannt, fast kaum so lange sich der Heimath erfreute, bis es seinem Gott einen Tempel gebaut hatte und hernmgetrieben ward durch die alte und neue Geschichte dis auf diese Stuilde. Das große, welterschütternde Rom durfte sich mit allen seinen Konsuln, Tribunen und Cäsareir lebensmüde zu Grab« legen; aber jene von Rom unterdrückte Nation lebt noch immer, bildet den Handelsnerv der Welt, borgt selbst den ihr nicht wohlwollenden Herrschern Millionen Rubel und Franke», fitzt aber auch mit ihnen zu Rathe, handelt auch mit alten Lumpen an den Straßenecken, aber sie bettelt nicht. > jr Unb wiederum dachte ich an die arme Mirjam-Katharina, Ich ging wieder in die neue Stadt hinein, durch Straßen und Gassen, und stand auf einmal vor der kleinen Kirche der St. Katarina de Funari. Hier war es, wo Luigi das gerettete Judenmädchen damals hinaufgesührt hat. So sprach ich und stieg die Stufen hinan, da auch jetzt die Kirchenthür offen stand. Ich trat hinein. Vor dem Altar, wo der düstere Schatten eines Mönchs zu knien und zu beten schien, stand ein Sarg. Ich ging leise über die Marmorplatten der Kirche näher hinzu. Eine einzige Lampe hing am Altar herunter und warf einen matten Schein über den Mönch und den offenen Sarg. Eine verhüllte Gestalt, zusannnengesunken, hockte mehr neben der Leiche, als daß sie dort gekniet hätte. Wenn ich nicht sehr irrte, so lag die Katharina vor mir! Ihr zartes, junges, erbleichtes Gesicht auf weißem Kissen, ihr dunkles Haar mit weißen Bändern ausgebnnden, lag die Mitleidswürdige hier dahingestreckt, wunderschön selbst im Tode. Ich konnte mich nicht enthalten, am Pfeiler, in dessen Schatten ich -mich befand, hinzufallen und für die Ruhe der armen Seele zu beten. Es war mir in diesem Augenblick, als wäre dieses Weib meine beste Freundin, ja, meine Schwester gewesen. Geb« Gott dir einen kurzen, sanften Schlummer in der Erde! Blumen auf dein Grab! Heitere Träume in deine Seele! Einst aber nehme dich der Engel der Liebe in seine warmen Arme und trage dich empor, eine Glückselige, zur Wonne der Unsterblichkeit! In diesem Augenblick aber wuchs die düstere Gestalt neben dein Sarge hoch empor. Ich sah ein verzerrtes, verzweifelndes Jünglingsangesicht. Es mußte Luigi sein! Jetzt hob er mit der Hand einen blitzenden Dolch empor, seine Augen wetterleuchteten noch mehr. Ich sprang erschrocken auf. Bei dem Geräusch, welches ich verursacht hatte, verbarg er schnell das Messer und sank am Sarge wieder zusammen. Der Mönch am Altar sagte jetzt dumpf und geisterartig in sich selbst hinein: „Amen!" Ich schlich mich zur Kirch« wieder hinaus. Immer verworrener wurde mir dieses Räthsel. Das mußte der Marchese gewesen sein! Aber wozu das Zücken des Dolches? Was wollten seine blitzenden Augen und die krampfhaft zusammengepreßten Lippen? Was hieß das alles? So fragte ich mich selbst und suchte mir eine Antwort darauf zu finden. Daß das Andenken der bleichen Rose, der gestorbenen Mirjam, blutroth gefärbt werden würde, war mir gewiß. Ich setzte meine ganze Hoffnung, etivas Näheres in dieser Sache zu erfahren, auf beu Spielmann. Nach einigen Tagen kam er wieder zu mir. „Die zwei Scudi sind verdient, Signore!" rief er; „aber verrathet mich nicht; denn es ist ansgesprengt worden, die junge Marchesa sei aus Unvorsichtigkeit in der Tiber verunglückt. Sie hat ein christliches Begräbniß erhalten; denn die Geistlichkeit ..." — Hier machte er sein Spitzbnbengesicht und pfiff. Daun fuhr er fort: „Deshalb darf ich Euch, verehrter Herr, auch nicht den eigentlichen Hergang der Sache erzählen. Ich bekäme eine Anstellung in der Engelsburg!" — Ich legte zwei Scudi auf den Tisch und fragte: ^^Willst Du oder nicht? Er blinzelte das Geld an, drehte sich ans einem Absatz herum und drückte ein Auge zu; dann aber erzählte er:

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