Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 46 (17.11.1899)
- Date
- 1899-11-17
- Page
- Seite 546 (sequence 6)
- Language
- German
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. - 546 —~-- '" I gemeinen, insbesondere aber das menschlich« Leben als Werth verneint; der typische Vertreter deS religiösen Optimismus ru der Weltgeschichte ist der MosaiSmuS und dessen Fortbildung, daS Chriftenthirm, der des religiösen Pessimismus der Buddhismus. Wem es nun vergönnt ist, mit kritischen» Spähexauge die Kulissengeheiinuisse der Weltgeschichte zu erlauschen, dem offenbart sich mit berauschender Deutlichkeit der tiefste Sinn aller religiösen Masienregungen und Bewegungen. Dem uneingeweihten Zuschauer jenes kaleidoskopisch bunten Weltgetriebes, das sich Menschheitsdrama oder Weltgeschichte nennt, stellen sich die großen religiösen Bewegungen, die sich an die denkwürdigen Namen: Zarathustra, Confucius, Moses, Christus, Mohamed, Luther, Zwingli und Calvin knüpfen, als abgesonderte, unznsaminenhängeiide Szenen, als abgeschlossene Akte dar. Wer aber, mit dem Vergrößerungsglas des Philosophenauges ausgestattet, die großen Vorgänge der Weltgeschichte nicht vom Zuschauerraum aus beobachtet, wo alles zugestutzt, geschminkt und gefärbt erscheint, sondern hinter der Bühne mit prüfendem Blick mustert, wo sich die wahrhaften, letzten Triebfedern des Menschheitsdranms offenbaren, dem enthüllt sich das tiefste Räthsel der Weltgeschichte, und dieses lautet: Hinter allen Offenbarungsfornren religiöser Bewegungen, »vie sie uns die Weltgeschichte seit zweieinhalb Jahrtausenden in buntem Wechsel vorführt, lauert immer einer und derselbe fundamentale Urgegensatz von energischer Lebensbejahnng und grundsätzlicher Lebensverneinung, von Mosaismus und Christettthum auf der einen und Buddhismus auf der anderen Seite. Alles, was geschichtlich dazwischenliegt, ist Kompromiß, ist abschwächende Kouzession au den einen oder den anderen der beiden feindlichen Brüder. Die Parole des religiösen Pessimismus lautet: Leben heißt Kämpfen. Kein Kampf ohne Schmerzen, also auch kein Leben ohne Schmerz. Da aber der Schmerz etwqs ist, dem wir unbedingt entfliehen müssen, so verneinen wir mit dem Schmerz zugleich das Leben selbst. Deshalb wählt der Pessimisinus grundsätzlich den Tod. und zwar nicht blos der Einzelne den individuellen Tod, sondern die religiöse Gesammtheit den generellen Tod, den Tod des gesammten Menschengeschlechts, den Tod der gesammten Kultur und Natur, die Rückkehr zum Nichtsein, zur indifferenzirteu Einheit, zum NirwLna. Die Argumentation des religiösen Optimismus lautet nun geliau umgekehrt: Nicht bedeutet Lebell Kämpfen, sondern Kämpfen Leben. Nur so lange wir kämpfen, leben wir, und deshalb wollen wir unausgesetzt kämpfe»«, weil »vir unser Leben grrindsätzlich perpetuiren wollen. Das Leben ist Selbstziveck und der Kanipf das unerläßliche Mittel zu seiner Erhaltung. Ge»viß, der Kampf schinerzt; aber ohne Schmerz keine Genugthuung, ohne Leid keine Lust, ohne Kanlpf kein Sieg. Sicherlich sind Freude und Trauer die beiden Pole des Lebens; aber Pole fordern, bedingen einander. Ohne die Kontrastwirkung der schinerzlichen Erfahrungen empfände»» »vir ailch die lustspendenden nicht als Werthe. Hebt de» Kampf unter Menschen auf, und das ganze Leben »vird »»»frisch, öde und lichtlos. Starre Monotonie, bleierne Langr- »veile müßte sich über »»ns lagern, und diese könnten »vir um so »veniger verwinde»», je entwickelter, reizbarer, nur noch auf kräftige J»r»pulse reagirend unser Nervensystem ge»vorden ist. Was für unsere Lungen der Sauerstoff, das ist für unser Nervensystem der Kampf, der energische Reiz, der «»achtvolle Willensimpuls. Erhält unser Nervensystem keine Anregung, keinen Anreiz, so wird es schlaff, unthätig, und es degenerirt. Ruft u»»s der Buddhismus zu: Kämpft nicht, ergebt euch bliud in euer Schicksal, damit ihr degenerirt, damit das Menschengeschlecht untergeht, so antwortet der Mosaisrnus und mit ihm das Christenthum: Nicht degeneriren, sondern regeneriren wollen wir; das Menschengeschlecht soll nicht aussterben, verkommen, »»»»tergehen, sonder»» unigekehrt zu immer höheren Daseinsforinen emporsteigen, zu immer glücklicheren Existenzbedingungen sich emporarbeite»», zu immer vollkommenerer Ueberwindung des Schmerzlichen >«nd Bösen auf Erde»» emporringen. Das Universum ist eben eine unendliche Energie- oder Kraftquelle. Alle Kraft braucht aber Widerstände, um sich zu bethätigen. Deshalb känipfen »vir, »veil »vir leben »vollen, errichten »vir immer neue Schranken, neue Aufgaben und Ziele, neue Werthe und neue Jllusiorien, därnit »vir die uys inneivohnende Lebensenergie bethätigei» können. Geht doch sogar die he»»tige Naturwissenschaft allgemach von» materialistisch-mechanischen AtoiniSmus zum Dynamismus, zur Energetik über (Ostwald). Danach stellt sich die ganze Natur als eine unendliche Kraftquelle dar. Da »vir nun selbst ein Stück Natur sind, repräsentiren »vir auch in n»»s ein Stück der Weltenergie, der Universalkraft. Deshalb suchen »vir die Widerstände, statt sie, »vie der Buddhisinus »vill, zu melden: deshalb kämpfen wir unausgesetzt für das Lebe»»sideal, für das Leben als Selbstzweck. Giebt also der Buddhismus die Parole aus: Wähle den Tod, das Nichts (NirwLna), so postnlirt der Mosaisrnus »rmgekehrt: Wähle das Leben. Fordert der Buddhismus Entsagung, Entfleisihlichung, Erstickung u»»d Ertödtung aller Sinnlichkeit und Lebensenergie in uns, damit »vir uns schon im Leben als Tobte fühlen, so antrvortet der aller Askese abholde Psalinist: „Dienet dem Herrn in Freuden, jubelt in Wonnen"; „nicht sterben, sondern leben will ich, um die Vollkommenheit des Alls zu preisen". Der Buddhismus ist die Religion des Mitleids, der Mosaismus die Religion der Mitfreude an aller Kreatur. Ginge es nach dem Buddhisinus, dann »vürde »»»an aus lauter Mitleid mit sich und Anderen kein Thier umbringen, und die »»ächste Folge »väre natürlich die, daß die Thiere sich so zahlreich vermehren »vürden, daß sie uns umbringei» inüßten (Malthus); der Mosaisrnus dagegen befiehlt, »vie das Neue Testan»e»»t, die Thiere n»»r z>» schöner», zugleich aber sie an unserer Freude partizipiren zu lassen, indem das mosaische Gesetz verbietet, an» Sabbath die Thiere arbeiten zu lassen, also gebietet, ihnen die Mitfreude der Ruhe zu gewähren. Mit der»» Buddhismus, der Religion des Pessimismus, haben »vir uns hier, wo wir über den religiösen Optimisrnus sprechen, nicht zu beschäftigen, oder doch nur so weit, als er zur Erhöhung der Kontrastwirkung, zur Retouchirung des Lichtbildes, das »vir von» religiösen Optimismus entwerfen »vollen, unbedingt erforderlich »st. Dieses Bild soll ein Pendant zu jenem des sozialen Optimisrnus darstellen, »velches ich in »»einer „Sozialphilosophie" zu entwerfen versucht habe. Was ich hier gebe, ist natürlich nur flüchtige Skizze, dürftiger Umriß. Nicht ein sorglich ausgeführtes Vollbild des religiösen Optimisnius darf man hier erwarten, sondern im günstigsten Falle ein keck hingeworfenes Miniaturbildchen, vor» tvelchem ich überdies fürchten muß, daß es Manchen» — zumal von der Ferne gesehen — nur als philosophischer Tintenklecks erscheinei» möchte.