Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-11-17 · Heft 46 (17.11.1899) · p. Seite 545

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 46 (17.11.1899)
Date
1899-11-17
Page
Seite 545 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
86% known words query
IRI
…/3224737-3228311-3228358--55932-3292180
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

545 Mittelpunkte unseres Interesses stehende Thema meisterhaft zu behandeln. Wie oben angedeutet, werden dieser und der erste Vortrag des Kollegen Wallach-Aachen iu bem in Aussicht genommenen Verbandsorgan zuui Abdruck gelangen. Die Versammlung befimbct bem Redner ihrerl Dank durch Erheben von ben Sitzen. Wir geben an dieser Stelle die dispositionellen Punkte und die für die nächstjährige Diskussion bestimmten Thesen. Dispositionelle Punkte: 1. Zeitgemäßheit des Themas von der Lehrervorbildung. Häufige Behandlung desselben tu den Lehrer- Vereinen und in der pädagogischeil Presse. 2. Das Verbandsthema zerfällt tu zwei Theile-: a) Vorbildung der Elementarlehrer, b) Vorbildung der Neligionslehrer. 3. Bei der Behandlung des Themas kommen drei Fragen in Betracht: a) Ist die Forderung einer höheren Vorbildung der Lehrer berechtigt? b) Welches Mast vott Bildung ntuß der jüdische Lehrer aufweisen? e) Welche Mittel müssen die jüdischen Lehrerseminare auwenden, um dann das höher gesteckte Ziel der Lehrerbildung zu erreichen? 4. Die Hebung der Lehrerbildung steht tu engem Zusammenhänge mit der Besoldnngsfrage. Thesen: 1. Die Vorbildung, welche die jüdischen Lehrer in beit jüdischen Lehrerseminaren erhalten, steht derjenigen der christlichetr Lehrer in keilt er Beziehung nach. 2. Das Streben der Lehrer ttach einer höheren Vorbilduttg der Seminarzöglinge ist ans intellektuellen, sozialen und materiellett Gründen vottkonttneu berechtigt. 3. Der Vorschlag, die Volksschnllehrer auf der Universität vorzttbildett, ist unrealisirbar. 4. Das sächsische System, ttach welchem nur diejenigen Lehrer, welche die Censur 1 iu ihrem Abgangszeugnisse erhalten, zutn Universitätsstttdium berechtigt sind, ist zu verwerfen. 5. Das gegentvärtige Seminar ist kein Institut, das sich überlebt hat, sondertt lebenskräftig, aber reforntbedürstig. 6. a) Der fremdsprachliche Unterricht muß obligatorisch werden, b) Es ist wünschettswerth, daß die Zöglinge im Lateinischen und Französischen unterrichtet werden. 7. Der Seutinarlehrplatt soll dettijettigett eitles Realghtttttasiutns entsprechett. 8. a) Die beste Vorbereitttttg für den Semntarbesuch bietet eilt 7 jähriger Besuch der Oberrealschttle nebst einem Zweijährigen Besuch der Selekta. b) Auch die nutgestaltete Präparattdie <4 jähriger Kttrstts und organischer Zusammenhang mit dem Seminar) bietet die Garantie einer guten Vorbereitung für das Sentinar. 9. Die Kenntnisfe, welche die jüdischen Lehrerseminare in der Neligiottslehre. dem Hebräischen. Rabbinischen und iu der Houületik ihrett Zöglingett vermitteln, sind erweiterungsbedürftig. 10. Zur Förderung der Fortbildung der jüdischen Lehrer auf dent Gebiete der Religionswissettschastett würde die allgemeine Eittführuttg einer obligatorischen zweiten Prüsuttg in den genannten Fächern wesentlich beitragett. 11. Dantit dys Seminar int Hebräischen gut vorbereitete Zöglinge erhalte, ntuß dahingestrebt werden, daß in allen höherett Lehranstalten der obligatorische Religionsunterricht eingeführt tverde. Im Attschluß an den Vortrag des Kvllegert Feinstein legt der Vorsitzende der Versamntlnng folgende Resolutionen vor, die eittstimmige Annahme findet,: 1. Der Verein israelitischer Lehrer von der Rheinprovinz und Westfalen spricht sich betreffs der Ertheilnng des Zeugnisses über die wissenschaftliche Befähigung zun, einjähr.-sreiw. Militärdieust an die Senkinarabiturienteu dahitt ans, daß die Vorenthaltttng desselben an die Abitnrientett der jüdischett Lehrerbildungsanstalten eine Zttrücksetzung und Kränkung ist. Da die Zöglinge der jüdischen Lehrerbildungsanstalten dieselbe Befähigttng vor der königlichen Prüfungskommission ttachlvetsen ntüssett wie die der anderen Konfessionen, so glauben wir attch dasselbe Recht beanspruchet, zu dürfen. 2. Der Bereit, israelitischer Lehrer von der Rheinprovinz und Westfalen hält es für recht und billig, daß in, preußischen Staate zwei königliche israelitische Lehrerseminare errichtet werden. Hieran schließt sich die Statutenberathntrg. Kollege Liepmannssohu-Mindett erstattet als Vorsitzender der Kommission Bericht über die Berathnngen. Vott der Einzelberathnttg sollen die Paragraphen, welche über die Zusammensetzung des Vorstandes handeln, ausgeschlossen werden, da eilte Besprechnttg mit den, „westdentschet. Verbände" nythwettdig ist, um diesen Paragraphen eine allen Wünschet, entsprechende Fassung zu geben. Die zurückgebliebenen süttf Vorstandsmitglieder des ^westdeutschen Verbandes" erklären nämlich auf Grund der gepflogettett Berathttugen in der Kotnmission, daß sie zu eitler Einigung bereit seien. Goldschmidt-Költt, Ranseuberg-Nenwied und Gettossett geben ihre Zustimmung zu dent Anträge, daß der Bor- . stand des in Aussicht genommenen Gesammtvereins aus den fünf Mitgliedern des Kassenvorstandes und zwei Mitgliedern, die von allen Voreinsmitgliedern zu wählen sind, sich zusannnensetze, in schriftlicher Form mit Namensunterschrift ab. Jtn Uebrigen wurden die Paragraphett des Statutenentwurfs mit unwesentlichen, meist formellen Äenderungen angenommen. Der Statntenentwnrf mit den angedeuteten Aeudernngen wird sodann tu zweiter und dritter Lesung en bloc einftintmig angettommen. Es ist inzwischen 5 Uhr Nachmittags geworden. Die Versammlung erklärt sich mit bem beantragten Schluß der diesjähriget, Kottferettz einverstanden. Somit ntufete Punkt 6 der Tagesordnung: „Freie Besprechungen", aussallen. Nachdem Kollege Fröhlich noch dem Vorsitzenden den Dank der Versamntluttg für die uutsichtige Leitung der Konferenz ausgesprochen, schließt dieser die Sitzttng mit nochmaligem Dank an die Theilnehmer der Konferenz, an die Genteittde Essen, das Festkomitee und die Kommissionen. Aus fröhliches Wiedersehett int nächsten Jahre! Die Schriftführer: Alexauder-Warburg. Fröhlich-M.-Gladbach. Strauß-Dinslaken. Der religiöse Optimismus. Von Prof. Dr. Ludwig Stein. I. er Kampf ist der Vater und König aller Dinge", so lautet einer der weisesten Aussprüche eines der weisesten Männer aller Zeiten, des dunklen Philosophen von Ephesos: Heraklit. Mythologisirt tritt uns der Kampf als Weltprinzip entgegen in der persischen Religion Zarathustras, als Urgegensatz der Götter Ormuzd und Ahriman, der Vertreter des guten nnd bösen Prinzips, im Buddhismus als Sein und Nichtsein, Existenz nnd Nirivüna, in den monotheistischen Religionen als Gott und' Satan, als Christ und Antichrist, als Engel und Teufel. In der Philosophie verdichtet sich der von Heraklit in orakelhafter Sentenzensprache verkündete Urgegensatz zu einer völligen Tafel von zehn Grnndgegensätzen beim Pythagvreer Philolaos. zu de» Weltprinzipien Liebe und Haß {fOJa und viLxoc) beim griechischen Philosophen Empedokles. zu Idee und Materie bei Platon, zu Form und Stoff bei Aristoteles, zu Seele und Leib in der gesannnten mittelalterlichen Scholastik, bis endlich Darwin, durch Hobbes und Malthus angeregt, diesen Urgegensatz ins Biologische hinüberprojizirte und für den alten heraklitischen Gedanken die lapidares Fassung fand: Kampf ums Dasein. Hat aber Darwin seine Formel vom Kampf ums Dasein nur auf die lebendig organische Natur beschränkt, so darf man nicht übersehen, daß auch in der unbelebten, anorganischen Natur analoge Gegensätze sich abspielen. Die Physik formulirt diese Gegensätze als positiven und negativen Pol, als Attraktion nnd Repulsion, die Chemie als Affinität und Berbindungswiderstand. Was Wunder also, daß auch innerhalb der inenschlichen Gesellschaft als eines Ansschnittes der Gesammtnatur in der Forrn von Sympathie und Antipathie dieselbe Gegensätzlichkeit obwaltet, der gleiche Widerspruch sich hindurchzieht, von welchem die gesammte Natur beherrscht wird. Und dieser Grnndwiderspruch besteht in der Werthung des Lebens als Selbstzweck. Hier ringen seit dem Bestände der Hochkultnr zwei elementare Urgegeusätze um die Weltherrschaft: der Optimismus, welcher das Leben an sich. d. h. als Eigemverth. als Selbstzweck bejaht. , nnd der Pessimismus, welcher das Leben als solches im All-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.