Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 45 (10.11.1899)
- Date
- 1899-11-10
- Page
- Seite 540 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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O, Katharina, sieh', zu Deinen Füßen flehe ich Dich an, schenke mir Dein Herz, und werde ganz die Meinige, so wie ich immer Dein war von jenem Augenblick an, da ich zuerst Dein holdes Antlitz sah in der Kirche Deiner Namensschwester! O, sei nicht so kalt und stumm, und erhöre Deinen stehenden Freund!" — Die verschleierte Gestalt fing auf einmal bitterlich zil weinen an und sprach fast flüsternd: „O, schöner Herr, wie könnt Ihr eine fromme Schwester so in Versuchung führen?" — Luigi sprang vor dieser Stimme entsetzt empor und rief: „Entschleiere inir doch Dein Angesicht!" — „So Ihr cs denn nicht anders haben wollt," entgegnet« die Gestalt und zeigte dem bebenden Luigi ein uraltes, graues Papageiengesicht. — „Dir Katharina?" rief Luigi. — „So heiße ich seit fünfundsechzig Jahren; Katharina hieß ich, noch ehe ich mich dem göttlichen Bräutigam verlobte, und Katharina heiße ich auch jetzt noch, und Katharina ist gar ein schöner und frommer Name, junger Herr!" — „Das weiß Gott! Aber ist keine Novize im Kloster, welche Katharina heißt?" — „Daß ich nicht wüßte," fuhr die Nonne fort, „ich bin hier im Kloster die einzige Katharina und nicht die unwürdigste Schwester." — „Nun, so wollte ich," ries Luigi jähzornig aus, „ja, so wollte ich, daß Dein Kloster und Dich Gottes Wetter in die Erde schlüge!". — „O, Du ruchloser, aus der Hölle entlaufener Bube!" schrie die Alte, „bist Du hergekvmmen, mit mir Dein Gespötte zu treiben? Warte nur! warte!" „Mit diesen Worten zog sie an der Glockenschnur, welche iu der Mitte des Zimmers herunterhing, so heftig, als wollte sie die Tobten wecken. Luigi aber hielt es unter diesen Umständen nicht für gut, länger zu warten, und sprang zur Thür hinaus. Er hatte von Glück zu sagen, denn schon schrie der Schwarm der Nonnen wüthend hinter ihm her, und schon flogen Bücher und Näpfe um seinen Kopf, als er mit Gewalt das Thor aufriegelte und hinaus auf die Straße stürzte. — Puh! das heißt in eineil Bienenkorb blasen. — Luigi aber flüchtete sich durch die Straße der Fleischbänke über den spanischen Platz und den Korso hinüber durch tausend Gassen und Gäßchen in seinen Palast. Dort aber sank er wie sterbend zusammen. Seine Diener trugen ihn in ein Bett; dort blieb er ruhig liegen bis gegen Mitternacht, wo er zu rasen anfing und nur von Saverio redete, welcher seine Mirjam tit eine graue Klosterkatze verhext hätte, so daß den Leuten angst und bange wurde. Am siebenten Tage legte sich das Fieber; jetzt aber flehte er zu allen Heilige»,-ihn aus diesem Leben hinwegzunehmen. Das machte der alteil Marchesa das Herz weich. Scholl stand ihr Frühstück auf dem , Tische;. sie schob aber das mürbe Kalbskotelette mit der Citrone und auch das gebratene Hühncherl bei Seite und aß nur zwei Sardellen mit einem Brodschnittchell, trank darauf ein Gläscheil Liqueur und verlangte dann nach ihrer Portechaise uild ihreiil Fächer. Luigi aber hatte gegen Abend schon zu verschiedenen Malen nach seiner Mutter gefragt, als sie endlich zurückkam und zu ihm ging. Er sprach mit matter Stimme: „Theure Mutter, die Du mir Gutes gethan hast von dem Augenblicke au, wo ich zu meinem Unglück geboren wurde, theure Mutter, ich fühle, daß. ich nunmehr der Natur den großen Tribut zahleil und sterben muß! Da ich nun auch gern iu den Himmel kommen möchte, so laß mir Saverio rusen, dalirit er mir die Sterbesakramente ertheile." — Ob nun gleich seine Mutter vor Thränen kaum reden konnte, so sprach sie ihm doch Trost zu. Luigi aber flüsterte mit sterbender Stimme: „Ach, Mutter, meine Zeit ist gemessen!" Da machte sich die Marchesa von ihm los und zog eine verschleierte Frauengestalt, welche in der halbgeöffneten Thür stand, zu dem Krankenlager hin mit beu Worten: „Hier ist noch Jemand, dem Du die Hand zum Abschied reichen kannst!" Der Jüngling hatte sich bei dieseil Worten emporgehoben. Die Benediktinerrlovize schlug den Schleier zurück, und mit einem Schrei des Entzückens lag er in ihreil Armen. „Gott und die Heiligen mögen Euch segnen, meine Kinder!" rief die Matrone; „macht einander glücklich, und laßt inich nie bereuen, daß ich solches für Euch gethau habe!" Am anderen Morgen wgr Luigi — seht, Signore, die Macht der Liebe! — wieder frisch und gesund und tanzte und sang im Hause umher wie ein Vogel im April, wenn er das Nest baut." ' (Forts, folgt.) Literarische Mittheilrrngrn. ----- Die letzte Arbeit David Kaufmanns ist soeben im Jahresbericht der Landesrabbinerschule in Budapest für das Schuljahr 1898/1899 erschienen. Sie führt den Titel: „Studien über Salonion Jbn Gabirol". Wir kommen noch ausführlich darauf zurück. — Von Israel Za ngwill ist ein neuer Novellenband unter dem Titel: „Tliey that Walk in Darkness", Ghetto-Tragedies bei W. Heinemann in London herausgekonnnen. Er enthält n. a. die Erzählungen: „Der Satan als Ankläger" ilud „Ans dem Tagebuch eines Abtrünnigen", die unsere Leser bereits kennen. — Zum fünfzigjährigen Doktorjubiläum des Geh.-Raths Pros. Dr. M. Lazarus, das der verehrte Maun am 30. November in Meran fdiern wird, erscheint eine Schrift über seine Bedeutung als philosophischer Forscher von Dr. Bernhard Münz bei Ferd. Dümmler hier, sowie eine Anthologie: „Sprüche voll Lazarus", die die Gattin des Jubilars, Nahida Ruth Lazarus, bei H. Steinacker in Leipzig erscheinen läßt. Vor zwanzig Jahren etwa, als die schwere Erkrailkung ihres erstell Malllles sie sehr ernft lind trostbedürftig stimmte, begann Nahida Nenlh im „Leben der Seele" zll lesen, ohne den Verfasser persönlich zu kennen, auch ohne Ahnung dessen, daß er ein Jude sei. Allrnälig gewöhnte, sie sich, die kürzeren, klareren und besonders schönen Stellen auszuschreiben (unwillkürlich wählte sie als Frau und Laie die allgemeinverställdlichsteu). Ms sie mit dem „Leben der Seele" fertig war, begann sie „Ideale Fragell", „Reize des Spiels" u. s. w. in dieser Weise auf ihre schönsten Gedanken hin zu prüfell und ausznschreibell. Später kanr „Treu ulld Frei" darall, endlich, als sie den Autor (durch die Schiller- Stiftung) persönlich fenneu gelernt hatte, erhielt sie einige Bällde der „Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft" zum Studium u. s. w. u. s. w. — auch Handschriftliches llnd svllstiges ill Zeitschriften Zerstreutes, wie „Ueber den Karneval", „Sonntagsfeier", zur Benutzung. Durch die Jahrzehnte wuchs diese origiilelle Sammlnng der Sprüche, so daß sie nunmehr den Inhalt sichtete und in Kapitel ordnete. Als Lazarlls feinen 70. Geburtstag feierte, wollte Frau Nahida ihnl mit der Herausgabe eine Huldigung darbringen, es scheiterte an der Gewissenlosigkeit eines Verlegers, der das ganze Malluskript zerstörte. Zum Glück konnte sie es ill emsiger Arbeit wieder Herstellen. Ein Vorwort wird die Geschichte dieses Buches, das circa 12 Bogen stark wird, geben. Man darf auf diese interessante Publikatioil wohl gespannt sein. Druck urw Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.