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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-11-10 · Heft 45 (10.11.1899) · p. Seite 539

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 45 (10.11.1899)
Date
1899-11-10
Page
Seite 539 (sequence 11)
Language
German
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der geistigen Arbeit fehlen", oder: „ihr fehlt der sittliche und wissenschaftliche Ernst, welcher solcher Arbeit ziemt"/) Dazu kam, daß auch unter den jüdischen Frauen die Gelehrsamkeit bereits nicht selten war und den Männern unbequem zu werden cmfiruy2), vielleicht auch, daß dadurch die Oekonomie und. Ordnung im Hause und in der Familie Einbuße erlitt. Wie dem aber auch sei, wir glauben das talmudifche Verbot dahin auslegen zu sollen, daß es nicht im Axiom der Unterordnung, nicht im natürlichen Egoismus der Männer seinen Grund hat, sondern daß es einmal der Sittenverderbniß entgegen arbeiten und zweitens die leichtere Seelenfassung der Frau und deren natürliche Begabung und Berufung zu häuslichen Verrichtungen in starken Gegensatz zu dem ernsten Studium dns Gesetzes bringen wollte, dem jene Neigungen nicht wohl anstehen. Allein je mehr die geistige Triebkraft der Völker, wie der Einzelnen, in ihrem tiefen Drange gewaltsam unterdrückt wird, desto mächtiger ringt sie sich hindurch. Das Hohe und Veredelnde duldet für die Dauer keinen Widerstand. Es weicht nicht vor der äußeren Drohung und dem geschriebenen Gesetz zurück, sondern versagt nur dann, wenn der Genius der Zeit oder der Menschheit es ihm gebietet. So vermochte auch das talmudifche Verbot des.Unterrichts im Gesetze, der geistigeil Bildullg des weiblichen Geschlechts nicht, sich zu behaupten. Die Schranken fielen, und die Frauen errangen sich jene Keuutuisz des Gesetzes, jene Erleuchtung des Geistes, die ihnen den Ruhm der Gelehrsamkeit eintrugen. Ja, das Verbot selbst wurde in der Folgezeit geradezu aufgehoben und im Gegensatz dazu der Grundsatz aufgestellt: „Es ist die Pflicht des Vaters, seine Tochter zur Erlangung der Gesetzeskenntuisz und geistigen Bildung zu führen." b) Dieser Ausspruch fiel ans fruchtbaren Boden; die jüdische Gelehrsamkeit wurde, wie wir später ansführen werden, vielfach durch Frauen vertreten, und nicht dabei verblieb es, sondern auch griechische Bildung fand bei ihnen eine Stätte, die als eine Zierde junger Mädchen in Israel angesehen wurde/) Während jedoch alles Bisherige im Leben des weiblichen Geschlechts gewissermaßen aus einem Kampfe hervorgegangen, nur eine Errungenschaft war, tritt-uns in dem Folgenden ein Moment entgegen, das ein Ursprüngliches im Bereiche des Weibes ist, mit seiner Natur und seinem Temperament aufs Innigste verbunden und, wenn irgend etwas, poetisch und malerisch unter den Beschäftigungen der Frau. Ich meine die Arbeit an Spindel und Webstuhl, die im Alterthum überhaupt zu den vornehmsten Beschäftigungen der Frau gehörte, von Königinnen und Fürstentöchtern geübt, von Dichtern besungen, von Künstlern bildlich dargestellt wurde, und in der jüdischen Litteratur seit der biblischen Urkunde bis herab in den Talmud als ein edles Werk zum Preis der Frau gefeiert wird. Irr dem abgeschiedenen Theile der nach morgenländischer Bauart den neugierigen Blicken der Vorübergehenden nicht zugänglichen Wohnung pflegte die jüdische Hausfrau emsig ihr Werk. Unverdrossen, wie es am Schluß der Sprnchgedichte^) heißt, läßt sie mit geschäftiger Eile die Finger an dem ausgezogenen Faden rasch bewegend auf und ab gleiten und dreht die mit der anderen Hand fest umklammerte Spindel herum. Zugleich x) Sabb. 33b, Beroch.48b, Thahar. 20a; Megillah 14b, B.Kama92b *) to. Haschanah 17 b, Joma 66 b, B. Mezia 59 b, Erubin 531;) Sotah 20 a. 4) Jerusch. Sabb. VI, 1; Sotcch IX, 13; Pecch I, 1 ) Sprüche 31, 19; vgl. zu dem Nachfolgenden: Hartmanu: „Die Hebräerin am Putztisch", Bd. I. S. 123 ff. aber erachtete sie es für ihre erste Pflicht, ihre Töchter in dieser edlen, ihren künftigen Berufskreis bestimmenden Beschäftigung frühzeitig zll unterrichten, und fühlte sich geschmeichelt, wenn sie dem künftigen Schwiegersohn eine emsige, geschickte Arbeiterin zuführen konnte. Die Mutter, die ihrer Tochter die nöthige Anweisung gab, spielte, um ihren Eifer zu beleben und ihre Fortschritte 31t beflügeln, gern auf die vielleicht bald bevorstehende Zeit an, wo sie in ihre Fußtapfen treten und ihren Kreis würde ausfüllen müssen: Es gereiche einer Jungfrau zur Zierde, wenn sie, frei von thörichten Grillen, hurtig die Spindel drehe und das Weberschiffchen durch die gekreuzten Fäden werfe. Die herangewachsene Tochter wurde angehalten, die Mägde im Weben fleißig zu unterstützen, damit sie bei ihrem künftigen Manne den Eltern keine Schande mache, und Freundinnen und Verwandte diese wegen der Kunstfertigkeit ihrer Tochter und ihrer trefflichen Unterweisung loben. (Forts, folgt.) Eine Geschichte aus dem römischen Ghetto. EUILLETON III. fie Marchesa trank eben in Ronl mit ihrem Beichtvater eine Tasse Chokvlade, als ihr Sohn Luigi in das Zimmer trat. Bor Schreck fiel ihr das. Zuckerbrödchen, das sie eben in den Mund stecken wollte, ans der Hand. Seht, Herr, so gellau weiß ich alles für drei Seudi, ltitb noch mehr, wenn Ihr wollt? Seine erste Frage war: „Wo ist Mirjam?" — „Diesen Namen hat sie abgelegt," entgegnete die Marchesa; „sie ist getauft ulld eine der Unseren geworden, ein gar frommes Kind! Sie heißt jetzt als Christin Katharina." — „Katharina?" fragte Luigi; wo ist „Katharina?" — Der schöne Saverio lächelte und sagte: „Freue Dich, Luigi! Sie ist in einem Kloster und Novize!" — „In welchem Kloster? Vielleicht alle quattro fontane?" — „Dem ist so," entgegnete Saverio. „Ohne Aufenthalt, wie ein Vogel auf eine süße Beere, so flog Luigi nach dem Kloster. Er ließ sich bei der Aebtissin cmmelden und um ein Zwiegespräch mit der Novize Katharina bitten. „Ihr meillt die Schlvester Katharina?" fragte die Pförtnerin. — „Ja! Ja!" rief Luigi, und mit langweiligen Schritten schleppte die wohlbeleibte Gestalt sich die Treppe hinauf. Nach, einer Weile kam sie zurück und führte beit sehnsuchtskranken Luigi in das Sprechzimmer. „Wartet nur ein Weilchen," sprach seine Führerin, „die fromme Katharina wird gleich erscheinen. Seid nur nicht zaghaft, und schüttet Eller Herz vor ihr aus, damit sie Euch trösten kann, nämlich insofern Ihr ein geistliches Gewerbe an sie habt!" Mit diesen Worten entfernte sie sich. „Aber dem armen Luigi raubte jetzt die Qual der Sehnsucht schier den Odeur. Beide Hände drückte er fest gegen das Herz, welches ihm die Brust zersprengen wollte. . Bald ging er mit großen Schritten int Sprechzimmer auf und ab, bald setzte er sich wieder auf einen dortstehendeu Sessel und starrte die Bilder der Heiligen an, welche wie grüne und rothe Lichtstreiferr! vor seinen Augen flammten.

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