Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 45 (10.11.1899)
- Date
- 1899-11-10
- Page
- Seite 538 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Und die Negierung? Und die Beamten? Ja, die finden es „lächerlich", wein» mm» von ihnen Schutz fordert. In Hollescha» sitzt ein Bürgermeister, ans besten Haus« das Bild des unseligen Hilsner unter Kerzenbeleuchtung dem verblödete»» Pöbel gezeigt wird, um ihn aufzuhetzen, einen modernen Kreuzz»»g gegen dir Jude»» zu unternehmen. Einen solchen „Bürgermeister" läßt man frei herumlaufen, während mau einen armen jüdischen Teufel einsperrt, der angeblich aus seinem Fenster geschossen hat, der aber nicht einmal weiß, wie man mit einem Gewehr nmgeht. Es lebe die Gerechtigkeit! Es lebe die Civilisation! Ja, wir können stolz sein auf dieses Jahrhundert, das also endet. — Und die sogenannte deutsche Fvrtschrittsparlei! Ja. die rafft sich ans. Sie richtet aber auch an die Regierung eine lendenlahme Interpellation, um sie zu bitten, doch ja die steuerzahlenden jüdischen Individuen zu schützen. Eine That. diese papierne Interpellation! Bielohlawek, Schneider, Gregorig, Bergani können sich freuen, die werden es jetzt bekommen. Inzwischen ist die blühende Gemeinde Hvlleschan zu Grunde gegangen. Die Helden von Holleschau, die dies gethau, können mit Befriedigung auf ihr Werk zurückschauen. Es ist furchtbar, ivas Augenzeugen über den schrecklichen Tag des Grimmes erzählen. Nur die aus dem schmerzerfüllten Herzen hervorströmenden Selichot des Mittelalters können uns als Vorbilder dessen dienen, was in diesen Tagen geschehen ist. Die Erzählungen der aus Holleschau Geflüchteten dnrchzittert die bleiche Angst und der unsägliche Schmerz. Kaum mit dem Nothdürftigsten versehen, sind die armen, geängstigten Leute nach allen Windrichtungen entflohen. Etwa hundert Flüchtlinge ivaudten sich nach Wien, der von Lueger und Genossen beherrschten Hauptstadt des blutdürstigen Antisemitismus. Ein menschenfreundliches Ungeheuer dieser Stadt begrüßte die Elenden auf dem Perron mit den gewiß von der Liebe eingegebenen Worten: „Erschlagen sollte mau Euch alle!" Gewiß ein Wunsch, den Tausende von liebevollen antisemitischen Menschenfreunden in diesen Tagen hegen. Wenn sie ihn nicht zur Ausführung bringen, so hindert sie daran nur das Mannlicher-Gewehr. Auch in der Landeshauptstadt Mährens sahen wir den Pöbel an der Arbeit. Er hat hier sein Müthchen nur an den Fensterscheiben gekühlt. Dafür aber hat das Tschechenvolk in Mähren eine Technik erhalten, und jetzt kann die moderne Civilisation ruhig sein, jetzt erreicht sie sicherlich ihren Gipfelpunkt. — Was wir Juden zu thun haben, haben wir schon oft in diesen Briefen erörtert. An uns hat sich erfüllt, was wir vorausgesagt. Nur zu bald ist dies alles zur Wahrheit geworden. Laßt uns an die Arbeit gehen! Mühen wir uns, die in uns schlnminernden Kräfte zum Wohle unseres Stammesanszubilden. Ach, wir haben blutiges Lehrgeld gezahlt. Wir haben für alles lebhaftes Interesse gezeigt, nur unsere eigenen Interessen vernachlässigt. Vereinigen wir uns, sammeln wir uns, lassen wir alles kleinliche Gezänk bei Seite. Wir sehen es ja, wir haben außerhalb unseres Hauses nur Feinde, keinen aufrichtigen Freund. Alle möchten uns verschlingen, Alle empfinden bei unserem Unglück schlecht verhehlte Schadenfreude. Nur nicht verzweifeln, aber auch weg mit dem schwächliche»! Biedermeierthum. Es gilt, einen schweren Kampf aufzunehuien, gegen eine Masse, die u»rs gegenüber jedes Menschenthum verleugnet. Wer in diesen traurigen Zeiten nicht zu seinen» Volke steht, der verdient es nicht, in unserer Mitte zu leben. Die blutigen Tage von Holleschau sind uirs eine furchtbare Lehre. Möchte doch aus dieser schreckliche»» Saat für uns eine sreudige Ernte erwachse»; es ist die Mahnung, uns zu sammeln, zu kräftigen, zu stärken an der Erinnerung' an uilsere große Vergangenheit und anzustreben, soiveit es in unseren Kräften liegt, eine schönere und, »vill's Gott, bessere Zukunst. - lwi-i. Are Frauen im Talmud. Von Rabbiner Dr. Tobias Cohn. II. f ie Propheten heben in ihren Reden die feierliche Handlung der Frauen in Stunden der Trauer hervor uub nennen sie dabei „weise" und „kundige" *). Die Periode der Propheten überhaupt, der Glanz ihrer Reden, die Schönheit ihrer Bilder setzen eine Atmosphäre der Bildung voraus, von welcher auch die Franenwelt ergriffen war. Die Periode des Exils ferner. in welcher die jüdische Litteratur neue Blüthen trieb, ebenso die alexandriuische Schule und die Makkabäerzeit: alles spricht dafür, daß die Frauen von der Bildung und Wissenschaft ihrer Zeit nicht ausgeschlossen waren. Wie also konnte ein solcher Ausschluß dennoch'in Anregung gebracht und begründet werden? Nun, es ist ein Merkzeichen für die scharfe Beobachtung der weiblichen Natur und ihrer Bestimmung und greift mit kühner Hand in das Sittenlebell der damaligen Zeit ein, das reichlich Anlaß zu einer sorgfältigen Korrektur bot. Werfen lpir einen flüchtigen Blick auf die litterarische Glanzperiode der griechischen und römischen Frauen: wie leicht und schnell schlug dort die edle Weiblichkeit in ihr Gegentheil llm, und wie sehr war es gerade der Glanz des Geistes, der über den Mangel sittlicher Tugend hinweghob, die Sittenreinheit trübte, den Friedeil des Hauses störte! Wer denkt nicht au die litterarische Ueberschwemmung in Rom, wo der Dichter Martial feinen innigeren Wunsch hat, als nur um Gottes willen keine gelehrte Gattirrzu bekomuren, und wo Juvenal dafür hält, daß schlimmer als eine Frau, die bei Tische etwas zu tief ins Glas guckt, eine solche istdie, sowie marr Platz genommell, eine litterarische Konversation beginnt. Auch die jüdische Geschichte selbst gab genug Anlaß, über die Nachtheile und Uebelställde nachzlldenken, welche die größere Theilnahme der Frauen an Bildung und Wissenschaft nach sich ziehen könnte. Demi gerade die wissenschaftliche Atmosphäre der letzten Jahrhunderte vor deur Exil und die Zeit während desselben, — allerdings verbunden mit großem Wohlstände und dem vollen Einleben in das schwelgerische, sittelllose Leben der Babylonier, Assyrer, Perser — rvar durch Sittenlosigkeit und Schwelgerei gekennzeichnet und trug dazu bei, daß ein lebensfähiges Volk dem sicheren Todesstreiche erlag. An der Halld solcher Erfahrungen und mit so belehrendell Warliungell vor Augell, glaubte der Talmud zwischen züchtiger Sitte und einer geistigen Politur der Frauen wählen zu sollen und zögerte deshalb nicht, mit voller Rüstung gegen die gelehrte Bildullg des weiblichen Geschlechts anzukämpsen und verbot diese schon für die aufblühende Jungfrau und begründete dieses Verbot mit Aussprüchen wie: „Der Sinn der Frau ist auf Eitelkeit, Putzsucht und Vergnügungslust gerichtet" *), oder: „die Frau läßt es an Gründlichkeit und Tiefe y Irrem. 9, 16 und 19. 2) Moed Katarr 9 b.