Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-11-10 · Heft 45 (10.11.1899) · p. Seite 537

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 45 (10.11.1899)
Date
1899-11-10
Page
Seite 537 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3224737-3228311-3228357--55919-3292166
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

537 Scheye, im Hailse dilvch Heranziehung zri den entsprechenden Berrichtlmgen im Haushalt, Reilshaltnng der Räume, kleinen Ausbesserungen von Wäsche- und Kleidungsstücken zu besorgen haben. Die Zöglinge in der Anstalt bleiben in der Regel bis zum Abschluß des schulpflichtigen Alters in derselben, um dann einem Lebensbernfe zugeführt zu werden. Die Mädchen werden, wenn nicht seitens der Angehörigen andere Verfügungen getroffen Werdern, so oft erforderlich, über dieses Alter hinaus in der Anstalt zurückgehalten, um sie für irgend einen Berufszweig vorzubilden. Hierzu bietet der Haushalt in der Anstalt selbst unter Aufsicht der Hausmutter und der Ehrenmntter, vor allem aber die alle weiblichen Berufszweige urnsassende Fachschule des hiesigen Frauenbildungsvereins reichhaltige Gelegenheit. Erforderlichen Falles erhalten Knaben lute Mädchen besondere Kurse in Schörr schreiben, Rechnen und Buchführung. Nach besten Kräften wird seitens der Arrstalt für ein Unterkomruen der entlassenen Zöglinge irr kanfmärrrrischen Geschäften oder in Harrdwerkslehrerr gesorgt. So wirkte die hiesige Waisenanstalt fast ein halbes Jahrhundert getreu im Sinne der Stifter und Begründer. Nie drang eine Bitte um Zuwendungen irr die Oeffentlichkeit. Doch andere Zeiten bedingen andere Verhältnisse. Das alte Haus mußte einem Neubau Platz machen, zu deur hiesige Wohlthäter namhafte Summen als Geschenke und zinsfreie Darlehen spendeten, während größere Kapitalien gegerr mäßigen Zins (2 pCt.) von Kasselaneru gegeberr wurden. Die Festschrift des Herrn Dr. Prager führt folgende Zahlen auf, die dieses in sehr beredter Sprache beweisen: Schenkrrngen für den Neubau „11100 Mark; für die innere Einrichtung des Waisenhauses 2 950 Mark und Schlafdecken, Lirrderr- und Eichenholz zur Waudbekleidung des Speisesaales, Pferdehaare zu Bettmatratzeu; 10500 Mark zinsfrei und 44000 Mark verzinsliche Antheilscheine" — Summen, welche den wohlthätigen Sinn der hiesigen Gemeinde im hellsten Lichte zeigen. Möchten sich deshalb auch unter den Lesern dieser Zeiten mildthätige Herzen finden, die das begonnene Werk vollenden helfen; es gereicht ja der ganzen Menschheit zum Segen! „Die Wohlthat ist des Lebens schönste That!") . L. Htz. Srief aus Oesterreich. Ende Oktober. abbatai Kohen, der berühmte Kommentator zum „Jore Dea" und „Choschen Mischpat", der „Schach", wie er genannt wurde, oder nach seinein Hauptwerke „Sifte Kohen", er, welcher nach der Chmelnicky'schen Kosakenverfolgung 1648 nach Holleschau in Mähren flüchtete und dort 1663 gestorben ift( er, dessen Grab noch heute ein Gegenstand der Anbetung, für Tausende fronnner Glaubensgenossen geblieben, hat auch einige Selichot verfaßt, mit einer geschichtlichen Einleitung über jene Kosakenverfolgnng. Wenn er nun aufstünde und sähe, wie 216 Jahre nach seinem Tode in dem Holleschau, das ihm einst ein gastliches Asyl bot, von modernen Kosaken, von Ungeheuern in Menschengestalt, geraubt und geplündert wird bei unschuldigen, frommen, gutmüthigen Menschen, welche das in unserer Zeit doppelte Unrecht gethan, als Juden geboren zu werden, wie würde er in die alte Klage ausbrechen: Haben die Jahrhunderte den Schmerz meines Volkes nicht gemildert, lebt es noch immer fort das alte Leid, wird dieses Volk nicht zur Ruhe kommen? Und wir würden ihn: antworten, indem wir Hinweisen auf Mauerhöhlen, auf eingeworfene Fenster, auf geplünderte und ausgebrannte Häuser, auf arme flüchtende Männer, Weiber, Greise und Kinder — dies alles geschehen in Holleschau und anderen Gemeinden Mährens, in den letzten Oktobertagen des Jahres 1899, da wir uns anschicken, das zwanzigste Jahrhundert zu begrüßen, geschehen in der Zeit der Telephone, der Thierschntzvereine, der allgemeinen Wehrpflicht, des Volksschulzwanges und der elektrische» Straßenbahnen. Ja, guter alter Goethe, den sie unlängst gefeiert, wir haben es herrlich weit gebracht! — Vor unserem Parlamente wehen sie wieder, die schwarzgelbeu Fahneu, Es ist wieder eröffnet, das im altgriechischen Stile erbaute Haus der Volksvertretung, in welchem so viel geredet wird von dem Urdeutschen Bielvhlawek, dein Urwiener Schlesinger, dem Thierarzt Türk, dem getauften Tschechen Stransky und den» Volksbeglücker k. k. Sozialdemokraten Daszynskh. Der Letztere insbesondere hat blutige Thräuen darüber geiveiut, daß während der Plünderungen auch geschossen und natürlicherweise auch Einige erschossen wurden. Gewiß ist die Kultur zu bedauern, die mit Mannlicher-Gewehren arbeitet. Wir Juden bedauern dies sehr. Wir sprechen aber mit dem Psalmisten: „Ich bin Friede, und wenn ich davoir rede, sind sie auf Krieg aus." Wir haben die Schüsse nicht heraufbeschworen, wegen derer Daszhnskys Krokvdilsthränen fließen, wegen derer die „Arbeiter-Zeitung" heuchlerisch heult. Wir möchten eine Frage aufwerfen: Was ist in Galizien während der Wahlen geschehen? Was sagen die menschenfreundlichen Volksvertreter zu be» blutigen Opfern, die wegen ihrer Wahlen gefallen sind? Ja, Bauer, das ist etwas anderes. Damals galt es, die Juden zusammenzutreiben, auf daß sie die berühmte Schutztruppe N'ähleu, damals war Mannlicher am Platze, aber jetzt sollten nur einige Juden geplündert und erschlageir werden. Einige Juden mehr oder weniger, die gelteil ja doch nur als Stimmvieh. Alle Parteien, alle Nationalitäten haben in Oesterreich die Juden zu ihren selbstsüchtigen Zwecken mißbraucht. Und loelches ist niln der Lohn, den sie dafür empfangen, daß sie für Deutsche, Tschechen, Sozialdemokraten die Kastanien aus dem Feuer geholt? Die Antwort ist der 22. Oktober 1899 in Holleschau. Da zanken sie sich schon wieder wegen der „Sprachenvervrdnungen", d. h. darum, ob der Deutsche Tschechisch und der Tscheche Deutsch lernen soll. Und um zu zeigen, lvie sehr sie einander in den Kulturbestrebungen einer neuen Zeit würdig sind, Plündern die edlen Tschechensöhne die Juden, und die Deutschen im Parlament höhnen die Tschechen, die sich von einem getauften Juden — Stransky heißt der Edle — vertreten lassen und die tschechisch gesinnten Juden in Böhmen und Mähre» todtschlagen, und die Herren Sozialdemokraten entrüsten sich darüber, daß man die Juden geschützt hat, d. h., daß in der Nothwehr einige Schüffe gefallen sind. Wahrlich, wen da nicht der Ekel ergreift über all die Heuchelei eines tiefgesunkenen Geschlechtes, der hat Fischblut in seinen Adern. Was die Holleschauer Juden für die Aufhebung der Sprachenverordnungen könne»!, das ersinnt der Verstand der diversen >,Staatsmänner" nicht. Die Holleschauer Juden! Bekannt durch ihre überlieferte Frömmigkeit und Gntmüthigkeit! Gewissenlose Hetzer, Bluthunde in Menschengestalt, ivühlen das unverständige, in der Dummheit des Mittelalters noch tief steckende Volk auf, und der blutrünstige Pöbel fällt über unschuldige Menschen her, beraubt sie ihres kärglichen Besitzes, bedroht sie am Leben, johlt »ind tanzt um die brennenden Trümmer, welche nun das einzige Eigenthum der Unglücklichen darstellen! fl Spenden nimmt Herr Bankier A. Alsberg gern entgegen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.