Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 45 (10.11.1899)
- Date
- 1899-11-10
- Page
- Seite 533 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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.'- 533 ' ■ ■■■■■ Raphael Cohns Wirksamkeit reicht aber weit über den Rahmen seiner Lehrstätte hinaus. Den Zöglingen der Lehrerbildungsanstalt ist er der. vorbildliche Lehrer auf dein Gebiet des Anfangsunterrichts; nach seiner Methode wirkt zn reichem Segen eine -große Zahl wackerer Lehrer in allen Gauen unseres Vaterlandes; seine „Deutsche Schreib-Lese-Fibel", aus der tiefen Kenntniß des kindlichen Fassungsvermögens hervorgegangen, ist ein bewährtes Hilfsmittel sür den Unterricht geworden. Die umfangreiche Unterrichtsthätigkeit, der der Jubilar noch heute in Schule und Religionsschule, Gymnasium und Lehrerbildungsanstalt obliegt, empfindet der in der Mitte der Siebziger Stehende in keiner Weise als Last: der fortdauernde Verkehr mit seinen geliebten Kleinen erhält ihm die Frische und jugendliche Kraft, den heiteren Sinn und die Spannkraft des Geistes, die wir an ihm bewundern; diese herzliche Vertraulichkeit hat sich bei beit schweren Schicksalsschlägen, von denen er ebenso wenig wie jeder andere Sterbliche verschont blieb, jedesmal als bestes Heilmittel bewährt und ihn rasch wieder zu dem Lebensmuth emporgehoben, der ihn als Erbe der Väter von der Tatmudschule her durchs Leben geleitet hat. Aus dieser Bildungsstätte hat unser Zempelburger noch eine andere treffliche Eigenschaft hinausgenommen — die herzenstreue Freundschaft, die ihn nainentlich mit seinen Amtsgenossen verbindet. Wie er dereinst, nach der Darstellung des Dichters, im Bethhamidrasch zu F. den verzweifelten „Kosminer" durch innigen Zuspruch und wackere Hilfe emporgerichtet, wie sein Herz mit diesem feinem Gefährten gejubelt hat ob der innigen Zuneigung der „lichtigen" Tochter Reb Chaims, „des Maggid", so ist er sein ganzes Leben hindurch zahlreichen Genossen ein treubewährter Freund gewesen, dessen Herz mit seinen Freunden fühlt, der gern und freudig Liebesdienste verrichtet, so oft man seiner bedarf. In dankbarer Gesinnung gedenkt heute mancher derselbeil der Freundeshilse des wackeren Jubilars, der den Genossen im Unglück getröstet, in der Noth Hilfe gebracht, der die wenige freie Zeit, die ihm geblieben, am Schmerzenslager des kranken Freundes verbrachte, der seine 'goldige" Frau nnd seine mildhexzige Tochter bewogen, aus Küche und Keller für die Kräftigung des Kranken das Beste zu liefern, dessen Sorgfalt nicht eher nachgelassen, bis er den Frennd wiederhergestellt wußte! Des Jubilars thatkräftige Hilfe hat sich aber jederzeit noch weit über den Frenndeskreis erstreckt; unbekümmert um sein eigenes Wohl, treibt ihn sein edles Herz, überall einzutreten, wo er der Nebenmenschen Schmerzen und Sorgen bannen oder wenigstens lindern kann. Wie er in Bernsteins Erzählung schon als Bachur den armen Reb Chain, aus feiner Herzensangst befreit, indem er bereit ist, an dessen Stelle sich die Strafandrohungen für die Sünden der Abtrünnigkeit aus der Thora vorlesen zu lassen, so hat er stets nach Kräften der Menschen schmerzvolle Lage erleichtert, „den Armen errettet und der Waise seinen Beistand geliehen". Das Bewußtsein, nach Kräften für seine Nebeninenschen zu wirken, wahre Menschenliebe, Sitte und Erkenntniß zu verbreiten. ist dem Jubilar allezeit als schönster Lohn erschienen; seiner reinen Seele liegt jedes Streben nach Anerkennung fern, ängstlich entzieht er sich in seinem bescheidenen Sinn jeder Dankesäußerung seiner zahlreichen Verehrer und Freunde. Im Leben und Wirken hat so Raphael Cohn allezeit als ein „wahrhaft Gerechter" sich bewiesen: Mögen sich in seinem hoffentlich noch langen weiteren Lebensgang die Worte des Psalmisten bewähren, die wir ihm an seinem Jnbeltag * ls aufrichtigen Herzenswunsch zurufen: Der Fromme bliiht der Palme gleich empor, '" Wie Ceder wächst auf Libanon hervor; Gepflanzt in, Hans des Herrn, an heil'gem Ort, So blüht er in den Höfen Gottes fort, Er sprießt in, Greisenalter nnd gedeiht. Ist markig noch, belaubt in spät'ster Zeit. Brief aus München. — t. München, 4. November. (cjV^\er größere Theil derjenigen Veränderungen, welche durch jSSz die bevorstehende Einführung des Bürgerlichen Gesetzbuches und seiner Nebengesetze in der Besetzung der bayerischen Justizbehörden erforderlich werden, ist gestern Publizirt worden. Für diese Zeitung ist die Prüfung der Frage angezeigt, ob hierbei die Angehörigen der israelitischen Religion in einer dem auch in Bayern als Reichsgesetz eingeführteu Gesetze des Norddeutschen Bundes, die Gleichberechtigung der Konfessionen in bürgerlicher und staatsbürgerlicher Beziehung betreffend, vom 3. Juli 1869, entsprechenden Weife behandelt worden sind. „Insbesondere soll die Befähigung zur Theilnahme an der Gemeinde- und Landesvertretung und zur Bekleidung öffentlicher Aemter vom religiösen Bekenntnisse unabhängig sein", sind die Worte des Gesetzes. Im Königreich Bayern dürste dieses Gesetz nach seinem Wortlaute und seinem Geiste vollständig zur Anwendung gebracht sein. Eine Prüfung der einzelnen Ernennungen der dem israelitischen Religionsbekenntnisse Angehörigen läßt Folgendes ersehen: Der am Oberlandesgericht München bisher thätige, mit dem Range und Gehalt eines Oberlandesgerichtsrathes bereits ausgestattete Staatsanwalt und Honorarprofessor an der Universttät München Dr. Heinrich Harburger, dessen Lebensgang in dieser Zeitung gelegentlich seiner Ernennung zum Oberlandesgerichts-Staatsanwalt schon besprochen wurde, ist zum Rath am Oberlandesgericht München ernannt worden, was an und für sich keine Beförderung ist, aber bei den oberlandesgerichtlichen Staatsanwälten nach mehrjähriger Dienstleistung die Regel bildet. Zum Staatsanwalt am Oberlandesgericht München, welcher mit dem Rang und Gehalt eines Oberlandesgerichtsrathes ansgestattet ist, wurde ernannt der bisherige Rath am Landgericht München I. Eduard Silbermann. Es ist mir nicht bekannt, daß außer den beiden Vorgenannten überhaupt je ein Staatsanivalt israelitischer Religion au einem deutschen Oberlandesgerichte gewesen ist; es dürfte daher aus dem bisherigen Lebensgang Eduard Silbermanus Folgendes erwähnt werden: - Eduard Silbermann ist im Jahre 1851 in Kvlmsdorf bei Bamberg geboren und im Weiberstamm ein Urenkel des 1802 verstorbenen fürstbischöflich bambergischen und ritterschaftlichen Oberlandesrabbiners Uri Feis, des Stammvaters zahlreicher in hervorragende wissenschaftliche Lebensstellungen gelangter Nachkommen, so des Advokaten Dr. Karl Feust in Fürth und dessen Sohnes, des Advokaten Dr. Philipp Feust in Fürth, der Nürnberger Redakteure Dr. Emanuel und Dr. Philipp Feust, des prakt. Arztes Dr. Eisig Feust in Fürth, des in Lichtenfels