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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-11-10 · Heft 45 (10.11.1899) · p. Seite 532

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 45 (10.11.1899)
Date
1899-11-10
Page
Seite 532 (sequence 4)
Language
German
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532 ihr Brod verdienen zu können. Die Kolonien organisirten sich langsam; vom Beginn an jedoch hatten die Kolonisten mit zahlreichen Schwierigkeiteit zu kämpfen. Ihre eigene Unerfahrenheit, der Mangel an Wasser, die schlechte Vertheilung des Landes, die Betrügereien der Beamten, welche für sich die Hilfsmittel behalten, die für die Kolonisten bestimmt sind, machten die Sache sehr schwierig. Infolge der Erfahrung mehrerer Jahre beschloß man voll offizieller Seite, den Juden Ländereien selbst in den Gegenden ihrer Wohnungen zu geben. Mail schritt also zu einer Vertheilluig von Domänen in den nördlichen Gegenden, besonders in den Bezirken von Cherson und Jekaterinoslaiv. Drei Hauptpunkte der jüdischen Kolonien wurde»« geschaffen: die Kolonieil der Länder des Nordens, die Kolonien von Noworossia und die Kolonien von Cherson und Jekaterinoslaw. 1860 hörte diese Vertheilung von Ländereien auf, und man mußte alsdann vielfach Schritte thun, um den geringsten Theil noch zu erhalten. Trotz diesexweniggünstigenBediugnugenmachteneinige Kolonien Fortschritte. Man hat 1880 in den Bezirken von Cherson und Jekaterinoslaw 38 Kolonien gerechnet. Die im Süden eingeräumten Ländereien waren von 1025 Familien besetzt, die sich selbst der Bebauung ihrer Felder widmeten; 397 Familien waren dorthin gegangen, um sich dort niederzulassen und nahmcnAckersleute in ihren Dienst. Das Haupthinderniß für die Entwickelung der Kolonien waren gewisse gesetzliche Bestimmungen. So untersagte manchmal das Gesetz den Juden,christlicheArbeiteranznstellen. Die innere Organisation der Kolonien ist weniger mangelhaft. Die Kololiien auf de>» Ländereien, welche der Verwaltung der kaiserlichen Domänen gehören, befinden sich unter dem Schutz des Ackerbauministers, der ihnen einigen Kredit beivilligt. Um die Arbeiten der Kolonisten, die so Schuldner des Staates geworden sind, zu überwachen, ernennt die Regierung eine Anzahl von Inspektoren. Durch einen Beschluß von 1837 überwachte ein Chesiuspektor die Ausführung der Arbeiten, die Vertheilung der Ländereieil, die Verwaltung der Hilfsgelder, die Bezahlung der Steuern. Unter seiner Leitung stehen Inspektoren für jede einzelne Kolonie, im Allgemeinen Unteroffiziere, die das Recht haben, körperliche Strafen unter der Bedingung anzuwenden, daß sie nicht über 25 Schläge hinausgehen. ***■ Raphael Cohn. Zur fünfzigjährigen Lehrthätigkeit. Von Rektor Dr. Adler. ^Fm Bethhamidrasch der K'hilla F ..... . nimint ein ernster Qp junger Mann einen bevorzugten Platz ein: Der „Ze»npelbnrger", wie ihn seine Genossen, die Bachurim, uach seinem Geburtsort nennen. Er ist „ein starker Gelehrter in allen heiligen Büchern", mit dem zu disputiren eine rechte Freude bietet; seine Prächtigen Charaktereigenschaften, sein tiefes Gemüth, seine Besonnenheit und seine stete Hilfsbereitschaft »»achen ihn dem Lehrer, den» hochberühmten Rabbi, wie der« Genossen besonders theuer. Trotz der Werthschätzung, der der Zempelburger im Lehrhaus wie in der Gemeillde begegnet, sehnt er sich indeß aus dei» engen Räumen der Talmndschule heraus. Mit seinem klaren Blick, seinem scharfen Verstand erkennt er die Forderungen, die die veränderten Zeitverhältnisse an die deutsche»». Juden stellen; ihm ist di» Verfügung des Ministers von Altenstein, der auch von dein jüdisch en Lehrer die Ablegung der Staatsprüfung verlangt, um die jüdischen Bewohner selbst des verstecktesten Winkels zur Aufnahme moderner Bildung zu veranlaffen, nicht — wie den übrigen Leuten ln F. — eine Ursache böser Verw.üuschung des Ministers, dieses Steins des Anstoßes für die „alte Jüdischkeit", — er hütet sich freilich, seiner abweicheuden Meinung irgend welchen Ausdruck zu geben, lvttrde er doch seine geliebte Golde, deren Vater infolge jener Verfügniig um seii» Amt gekommen ist, arg betrübt haben! Der Wlinsch, sie mit ihrer „Gntheit »nld Frommheit und Heiligkeit" dereinst als Lebensgefährtin heiinzusühren, steigert neben dem inneren Bildnngsdrange die Sehilsncht nach modernem Wissen und treibt ihn zur Lektüre der streng verpönten Bücher in deutsche»» Lettern. Vögeles kluger Plarl verschafft ihm schließlich die Möglichkeit, ein guter Lehrer, „aber ein ganz guter", zü werden: In der großen Stadt Berlin, in der, „wie es von Eckwelt zu Eckwelt bekannt ist, gute jüdische Herzei» leben, die aufhelfen allen armen jüdischen Kindern, die dahin kommen, um was Gutes zu werden", eignet sich der „Zempelburger" eine gründliche Bildung an und wird „ein Lehrer, wie er selten gefunden wird, von Liebe und Herzenötreue für seinen schönen Berns". Wäre es Aron Bernstein, der' vor 40 Jahren in dieser Weise unseres Raphael Cohn Werdegarig in dichterischer Einkleidung geschildert hat, beschieden gewesen, heute unter nnS zu weilen, er lvürde die Bestätigung seines Urtheils aus dem Munde von Jung und Alt vernehmen, er würde aus der freudigen Theilnahme, die sich allerorten dem seltenell Lehrer beim Abschluß einer 50jährigen Lehrthätigkeit zuivendet, erkennen, daß der „Zempelburger" sich die trefflichen Eigenschaften, die ihn dereinst zi»ni Liebliirg Reb Jizchaks, Reb Simchas gemacht, die ihm das Herz der „heiligen" Golde zugewandt haben, bewahrt hat, ja daß sie, je weiter er in seinem Lebensgang vorgeschritten ist, zu immer vollerer Entfaltung gekommell sind. Man muß den Jubilar inmitten seines Wirkens, vor seinen geliebten Kleinen'einmal gesehen haben, um die „Liebe und Treue" zu würdige», die er aus der Fülle seines Herzens seineil Schützlingen entgegenbringt. Wie versteht er es, sich so ganz in die Kinderseele hineinzulesen, alle Aeußerungen des Kindergemüths, die Wünsche und Hoffnungen der Kleinen für dei» erziehlichen Zweck nutzbar zu machen! Diese seine Liebe und Herzenstreue macht ihn selbst zum Killde unter den Kindern; er wird der theilnehrnende Berather und Führer der Kleinen, jubelt mit ihnen, wenn sie Freudiges' zn berichten haben, und empfindet bei der Jugend Schmerzen und Sorgen die Wehmuth und Trauer in gleicher Stärke im eigeneil Herzen. Seit Jahrzehnten hat er seine Arbeit besonders der Unterweisung der in die Schule eintretenden Kleinen gewidmet, er ist der anerkannte Meister in dem schwierigen Felde des ersten Schuljahres, viele Hunderte sind durch ihn in die verschiedenen Disziplinen der Schule eingesührt worden und erinnern sich noch als gereifte Männer der unvergeßlichen Stnilden, so sie „auf der Garde" oder „in der Linie" durch die Geschichten vom Ei, dem Seil oder der Rose die erste Anregung zll ernster Arbeit empfallgell haben. Die unbeschreiblich innige Verehrung der Kleillen für „ihren" Herrn Cohll kommt oft in wahrhaft rührender Weise zum Ausdruck; auf dem Schulwege mit dem geliebte»! Lehrer gehen, von seiner Hand gestreichelt zu werden, gilt den Kleinen als die höchste Auszeichnung, die auf Erden verliehen , werden kann.

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