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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-11-10 · Heft 45 (10.11.1899) · p. Seite 531

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 45 (10.11.1899)
Date
1899-11-10
Page
Seite 531 (sequence 3)
Language
German
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531 drängen mutzte, hätte auch den fanatischsten gebildeten Antisemiten, wenn er nicht zugleich ein grundschlechter Kerl war oder aus anderen Gründen direkt den Justizmord wollte, zu einem weniger rohen, gehässigen und das Recht mit Füßen tretenden Verhalten zwingeil müssen. Die Leidenschaft, mit der die „Affäre" auch iu DeutsÄstand behandelt wurdest ist. ist ein Zeichen für die V e r k um m e r u n g d es Rechtssinnes unter den Gebildeten. Die Parteinahme für die Gerrerale gegen den Juden hat auch unsere Nationalisten zu Rechtsverächtern gestempelt, denen alles znzutranen ist im vermeintlichen und vorgeschobenen Nassen- und Klasseninteresse. Deutsch ist das nicht und christlich ebenso wenig, Egen sich die Gewaltmenschen noch so laut ihres Deutschthums rühmen und Christum im Munde fuhren." Diese Einsicht kommt etwas spät, aber Gott sei Dank nvch nicht zu spät. * Gegenüber den Kleinstaaten, die sich rühmen, keine jüdis chen Richter anzustellen^ werden jetzt diejenigen genannt,die auf ein solches Vorrecht verzichten. Von den größeren Bundesstaaten haben Baiern, Baden und Württemberg, also die Hessen am nächsten liegenden Staaten, durchaus loyal die verfassungsmäßig gewährleistete konfessionelle Gleichberechtigung. bei der Anstellung von Richtern dnrchgeführt. Und daß in allen diesen Staaten das Ansehen der Rechtspflege auf keinen Fall geringer ist als in Hessen, davon kamr sich Jeder leicht überzeugen. Es ist aber leider nicht anzunehmen, daß die anderen gerade das Beispiel dieser Bundesstaaten nachzuahmen sich bemühen werden. * In einer Betrachtung über den letzten Spielerprozeß sagt die „Kreuzzeitung": „Zn den besonderen „Gaben" des Jndenthunis, das in der tendenziösen Ausnutzung des „Stoffs" liatüvüd) auch diesmal voran steht, gehört es, die Schattenseiten der Gegner an dem Maßstab einzelner, d. h. immerhin begrenzter Thatsachen zu messen, ihre Vorzüge aber mit bewnndernswerther Nachsicht zu begraben. Das so gewonnene Bild wird dann znnl „Paradigma" einer unablässigen Pretzhetze gemacht, bereu Wirkungen sich nur zu deutlich verspüren lassen." Sollte man nicht meinen, daß das fromme Blatt hier eine genaue und zutreffende Charakteristik des ihm gesinnungsverwandten Antisemitismus entworfen hat? Mail braucht blos statt des Wortes „Judenthum" das Wort „Antisemitismus" zu setzen, dann stimmt die Sache mehr als auffallend, während sie in der gegenwärtigen Form absolut ui cht zutrifft. Anständige Menschen sollten wirklich die Vermischung des Judenthnms als solchem mit irgend welchen politischen Elementen und Zeitungen gar nicht mehr versuchen. Diese Waffe ist doch schon zu abgenutzt. * In Oesterreich wurde in dieser Woche der „Allgemein e O e st e r r e i ch i s ch -I s r a e l i t i s ch e B u n d" begründet. Wir berichten an ariderer Stelle über die konstituirende Versammlung. Hier wollen wir nur der Genugthuung über die Thatsache Ausdruck geben, daß die österreichischen Juden nmunehr aus dem Stadium der Reden und Proteste in das energischer Selbsthilfe getreten sind. Die Resolution, welche der neue Gemeindebund einstinunig angenommen, hat folgenden Wortlaut: „Die seit 15 Jahren und länger in Oesterreich betriebene Hetze gegen unsere Glaubensgenossen hat die dem positiven und dem natürlichen Rechte entsprechende Nepression nicht gefunden. Eine Million österreichischer Staatsbürger jüdischen Glaubens war all die Jahre hindurch fortwährend Beschuldigungen. Beschimpfungen und Schmähungen, auch materiellen Schädigungen und sonstigen schweren Angriffen auf den verschiedenen Gebieten des öffentlichen Lebens, des sozialen und geschäftlichen Verkehrs ansgesetzt. Die Fortentwickelung zeigt, daß dieser feindseligen Bewegung, welche sofort bei ihrem Auftreten mit leichten Mitteln hätte eingedämmt werden können, nichts anderes als der durch den kulturellen Fortschritt längst überwunden geglaubte, jedoch zu neuem Leben erweckte Religionshab mit allen seinen Begleiterscheimnlgell zu Grunde liegt. Erscheint es doch kaum faßbar, was alles tu unsere seit Jahrtausenden bestehende Religion — die Mntterreligion des Christenthnms — hineingedichtet, welche niemals bestandenen Traditionen erfnnden, welche tausend- und tausendmal widersprochenen und widerlegten Lügen imnler wieder von Neneln vorgebracht werden. Nun ist auch die schmachvollste, gefährlichste mld dabei allerdümmste Lüge, die „Blutlüge", wieder zu neuem Leben erweckt lvorden. Sie durfte, so Unglaublich dies am Schluffe des neunzehnten Jahrhunderts erscheinen «lag, in einem österreichischeil Gerichtssaale ungeahndet vorgebracht werden. Sie bildet hellte eine stehende Rubrik in gewissen Journalen, ohne daß dagegen die erforderliche Repressioll geübt wird. „Ritllalmord" ist heute ein so geläufiges Schlagwort geworden, wie es in vergangenen Jahrhuildertell Hexerei mld Zanberei waren. Die Folgen dieses unheilvollen Treibens sind mit blutigem Griffel in der österreichischen Kulturgeschichte der Gegenwart eitigetragen. All dem gegeilüber erhebt mm der zum erstell Male zu ordentlicher Tagllllg zusanllllengetretelle „Allgemeille Oesterreichisch-Jsraelitische. Bund" stille warnende Stinlme. Hnndertfünfzig israelitische Kultnsgenleilldell in Oesterreich, die große Zahl österreichischer Jsraelitell, welche veruiöge ihrer öffentlichell und Vertranensstettnllgen als Repräsentalltell der österreichischen Judenschast zu erscheinen sich wohl berechtigt fühlen dürfen, wenden sich an die maßgebendell Faktoren im Staate, an die österreichische Regierung, an die staatlichen und autonomen Verwaltungen, an die öffentlichen Vertretungskörper, ulld überhaupt an alle anstündigell, rechtlich dellkellden Kreise der Bevölkerung aller Konfessionen mit der drillgenden Mahnulig, jenem verhetzenden, unheilvollen Treiben mit aller Energie elltgegenzutreten; es nicht weiter zu duldell, daß eine Million österreichischer Staatsbürger um ihres Glaubens willen geächtet werde, es nicht zu dulden, das; am Schluffe des neunzehnten Jahrhmlderts lllrser Vaterlalld Oesterreich unter der glorreichen Regierung unseres unendlich gütigerl, weisen, erhabenen Monarchen Kaiser Franz Joseph I. der Schauplatz eitler schmachvollen religiösen Verfolgung werde." * Im jüngsten Hefte der hebräischen Monatsschrift „Haschiloach" erzählt ein „Jwri", daß der kürzlich dahingeschiedene Professor David Kaufmann sich ihm gegenüber geäußert habe, es thue ihin ungemein leid, daß es ihm infolge seines Aufenthaltes in einer für die Zukunft des jüdischen Volkes gleichgiltigen Umgebung nicht möglich sei, für den Zionismus öffentlich thätig zu sein. Dem gegenüber sehen wir im Interesse der Ehre eines Todten unsznderbestinnnten Erklärung veranlaßt, daß Professor Kaufmann s. A. ein entschiedener Gegner des Zionismus von Anfang an bis zu seinem Tode gewesen ist und dieser seiner Ueberzeugung jederzeit energischen Ausdruck gegebeil hat. * In Rußland kümmert man sich seit einiger Zeit wieder um die wenig günstige Lage der jüdischen Kolonien, die sich auf dem Gebiete der kaiserlichen Domänen finden. Die Regierung hat, bevor sie eine Neuorganisation der Kolonien beschloß, einen Herrn Eliaschitz beauftragt, einige unter ihnen zu besichtigen. Die ersten jüdischen Kolonien in Rußland datiren vom Jahre 1804. In dieser Zeit bot die Regierung, die die Konzentrirung der jüdischen Bevölkerung in den Städten von Littanen beunruhigte, den Israeliten nicht okkupirte Ländereien im Süden Rußlands an. Eine Anzahl armer Juden wanderte nach Süd-Rußland aus, in der Hoffnung, durch Ackerbau sich

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